Zeitung Heute : Alkohol: Medizin: Die süßlichste aller Arzneien

Die Spur des Weins als Genuss- und Heilmittel zieht sich als anthropologische Kon-stante durch alle Kulturen. Die Medizin unserer Ahnen ist eng mit der "Ur-Arznei" (Talmud) der Menschheit verbunden. Das älteste Dokument aus der Zeit der Sumerer lobt den mit verschiedenen Heilkräutern und magischen Substanzen verrührten Medizinalwein. Die Ägypter nutzten Wein als Magenmittel, zur Wundbehandlung und als Aphrodisiakum. Hippokrates systematisierte das Weinwissen, beschrieb den abführenden Effekt und empfahl - je nach Konstitution - unterschiedliche Weinsorten. 500 Jahre später verkündete Plutarch, Wein sei "unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneien die süßlichste, unter den Speisen die angenehmste".

Aber auch Missbrauch und Säuferelend begleiteten den Wein durch die Jahrtausende. Pharao Ramses II. gründete die erste Liga gegen die Trunksucht. Die Griechen verachteten Räusche und verdünnten den Wein mit Wasser als Ausdruck kultivierter Mäßigung. Vor jeder Feier bestimmte ein Würdenträger das genaue Mischungsverhältnis. Den hessischen Apothekern wurde im 16. Jahrhundert auferlegt, den Wein nur noch in kleinen Portionen und ausschließlich zu Heilzwecken abzugeben. Die ausufernde Verschreibung der berauschenden Arznei hatte die Zunft längst zu veritablen Weinhändlern gemacht. Noch im Jahr 1894 bezahlte die Krankenkasse Stuttgart 1423 Flaschen Rotwein, 378 Flaschen Malaga und 89 Flaschen Champagner nach ärztlicher Verordnung.

Die segensreiche Wirkung des Weins ist bis heute in unzähligen Schriften dokumentiert, wenn auch nicht immer in streng wissenschaftlichem Duktus. Eine der schönsten stammt von Christoph Wilhelm Hufeland. Er riet im Jahr 1798, den Wein als Würze des Lebens "auf Tage der Freude und Erholung zu versparen". Gleichwohl sei der Wein das "größte Stärckungs- und Belebungsmittel, doch ist die Anwendung in Krankheiten immer etwas misslich und darf nicht ohne des Arztes Bestimmung gemacht werden."

Aber nicht nur der Wein, auch die unvergorene Traube galt als potentes Stärkungs- und Heilmittel. Berühmt sind die Traubenkuren von Meran (Südtirol) und Bad Dürkheim (Pfalz). "Vorzüglich Russen, Franzosen und Engländer weilten hier gerne", schrieb der Pfälzer Heimatdichter Julius Schmitt 1909 über die herbstliche Invasion der Traubenfresser.

Vor allem bei Magen-Darm-Krankheiten, Gicht, Steinleiden, Fettleibigkeit und Hypochondrie schickten die Ärzte ihre Patienten im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zur Traubendiät. Erst als der Pilzbefall der Weinstöcke zunahm und die chemische Keule regierte, ging die Begeisterung über die Traubenkur langsam zurück.

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