Zeitung Heute : Alkohol: Wein oder nicht Wein?

Manfred Kriener

Wein gehört zu den Lieblingen der Forschung. Wissenschaftler haben schon Tausende von Testpersonen rekrutiert, nach ihren Ess- und Trinkgewohnheiten gefragt und über viele Jahre Herzinfarkte und Schlaganfälle gezählt. Kaninchen bekamen "Hamburger" und andere typische Zivilisationskost appliziert und mussten das ungewohnte Futter gruppenweise mit Wein, Bier oder Wasser herunterspülen. Menschliche Testtrinker süffelten monatelang unter Aufsicht mit dem Reagenzglas zugeteilte Weinportionen. Ihr Blut wurde analysiert, auf thromboseträchtige Blutplättchen-Zusammenballungen und Cholesterine untersucht, ihr Befinden in Statistiken gegossen. Und alles nur, um Antwort auf eine Frage zu bekommen: Wie gesund ist der Weingenuss?

Doch der Streit um Nutzen und Risiken von Alkohol und Wein geht ungebrochen weiter. Die einen singen das hohe Lied des Göttertranks und Kulturguts, loben ihn als Arznei und Freudenbringer, als Therapeutikum gegen Infarkt, Schlaganfall, Nierensteine und Alzheimer. Die anderen repetieren Schreckenszahlen aus Trinker-Heilanstalten und Unfallstatistiken, warnen vor Krebs, Sucht und Zirrhose. Das Thema ist, wie der Ernährungswissenschaftler Nicolai Worm beklagt, "mit Emotionen hoch beladen". Persönliche Alkoholerfahrungen der Experten, Gourmetideologie, Abstinenzpropaganda und wirtschaftliche Interessen von Weinbauverbänden vermischen sich zu einer undurchschaubaren Gemengelage. Die Extreme: Der frühere Pfälzer Weinbauminister Rainer Brüderle empfahl allen Ernstes, jeder sollte täglich eine ganze Flasche leeren. Für die Deutsche Krebsgesellschaft ist dagegen jeder Schluck Wein schon einer zu viel.

Wer sich Aufklärung von den Studien der Wissenschaft erhofft, muss auch hier mit abweichenden Voten der Experten zurechtkommen. Da der Alkohol sowohl nützliche wie schädliche Wirkungen hat, "kann jedes Vorurteil bewiesen werden", schreibt der US-Epidemiologe Malcolm Maclure. Er hat 30 Studien zum Thema Alkohol und Herz-Kreislauf-Krankheiten ausgewertet. Seine Kollegen Rimm und Klatsky klopften sogar 60 Forschungsarbeiten auf ihre Stichhaltigkeit und Akkuratesse ab. Weil manche Studie von der Alkoholindustrie finanziert worden war, stand der Verdacht unseriöser Forschung im Raum. Doch die Beweislast ist erdrückend. Die Auswertung der Studien belegt: Alkoholische Getränke und vor allem Wein schützen - in Maßen getrunken! - tatsächlich vor koronaren Herzkrankheiten und Schlaganfall.

Grundlagenforscher der Universität Köln haben versucht, diesen Effekt mit Hilfe von explantierten Herzen nachzuweisen. Sie zerschnitten die Herzkranzgefäße wie Frühlingszwiebeln in kleine Ringe, spannten sie in eine Spezialapparatur und setzen sie in eine Nährlösung. Anschließend tröpfelten sie verschiedene Substanzen in diese Lösung - reinen Alkohol, Bier, Wein, Wasser - und beobachteten, ob sich eine Gefäßerweiterung, also eine Entspannung der Gefäßringe einstellt. Die Forscher gingen bei ihren Experimenten so weit, dass sie vom italienischen Barolo bis zum deutschen Spätburgunder verschiedene Weintypen testeten und dabei erhebliche Unterschiede fanden. Schwere, im kleinen Eichenfass (Barrique) ausgebaute Rotweine zeigten, so der Kölner Kardiologe Michael Böhm, die besten Wirkungen.

Der Pfaffenhofer Nachwuchsforscher Florian Leubl, der mit seinen Weinanalysen in die Endausscheidung von "Jugend forscht" vorstieß, machte noch eine andere Entdeckung: Je konzentrierter und qualitativ besser (und teurer) die Weine waren, desto höher war ihr Anteil an schützenden Pflanzenstoffen. Diese so genannten Polyphenole, die in schweren Rotweinen besonders konzentriert sind, bewahren die Zellen vor schädlichen Sauerstoffreaktionen, sie bremsen die Verklumpung der Blutplättchen und reduzieren bestimmte Cholesterin-Fraktionen.

Da Herzkrankheiten die häufigste Todesursache sind, ist die vorbeugende Wirkung des Weins von besonderer Bedeutung. Wird das Herz geschützt, sinkt zugleich die Gesamtsterblichkeit. Moderate Trinker leben damit im Schnitt länger als Abstinenzler. Die Frage ist nur: Wer trinkt wirklich moderat und begnügt sich mit maximal zwei Gläsern Wein? Viele Konsumenten können nicht mit Alkohol umgehen und sind suchtgefährdet. Pauschale Ratschläge sind deshalb fehl am Platz. Zu unterschiedlich sind die Menschen in ihrem Stoffwechsel und ihrer Veranlagung. Alkohol wird sehr unterschiedlich vertragen. Familiäre Dispositionen und die eigene Krankengeschichte müssen ebenso berücksichtigt werden wie Suchtcharakter und Rauchgewohnheiten. Tabak und Alkohol zusammen erhöhen in jedem Fall das Krebsrisiko.

Das renommierte Medizinerblatt "Lancet" empfielt: Niemand sollte wegen des schützenden Effektes von Wein anfangen zu trinken. Vor allem aber sollte niemand seine Dosis erhöhen, um dem Infarkt noch intensiver vorzubeugen. Die Studien zeigen übereinstimmend denselben Verlauf: Mit geringem Weinkonsum sinkt die Infarktkurve, doch mit drei, vier und mehr Gläsern täglich geht die Sterblichkeitsrate steil nach oben. Besten Schutz verspricht der mäßige Weinkonsum zum Essen, weil dann der Alkohol langsamer abgebaut wird und weil die Dauer der Mahlzeit die Zeit des Trinkens klar begrenzt.

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