Alkoholmissbrauch : Kater und Koma zum Festpreis

In einer europaweiten Studie erforscht Psychologie-Professor Herbert Scheithauer, wie Jugendliche mit Alkohol umgehen. Sie will unter anderem klären, ob Flatratepartys und Komasaufen nur ein deutsches Phänomen sind.

Sabrina Wendling
Viele Jugendliche kennen ihr Limit nicht.
Viele Jugendliche kennen ihr Limit nicht.Bild: Promo

Es klingt nach Schlaraffenland: Trinken so viel irgendwie geht und nur einmal dafür zahlen. Flaschenvorräte, die sich nie erschöpfen. Alles scheint im Überfluss vorhanden. Sogenannte Flatrate-Partys bedienen genau diese Illusion. Das Angebot „Trink so viel du willst“, verspricht: „Hab’ Spaß so viel du willst“. Der Rausch zum Festpreis. Genauso wenig, wie man vor dem Eintritt ins Schlaraffenland das Völlegefühl fürchtet, grübelt man vor einer Flatrate-Party über Kater, Koma oder Folgen für die Gesundheit. Gefahren haben keinen Platz in einer Illusion. Aber wie lässt man die Promilleblase platzen und schützt Jugendliche vor Alkoholmissbrauch?

Herbert Scheithauer, Professor für Entwicklungspsychologie und Klinische Psychologie an der Freien Universität, analysiert in einem europaweiten Forschungsprojekt, welche individuellen Merkmale sowie politischen und sozialen Rahmenbedingungen Alkoholmissbrauch begünstigen. Daraus wollen die Wissenschaftler Empfehlungen für die Politik ableiten, beispielsweise dazu, wie Alkoholmissbrauch unter Jugendlichen vorgebeugt werden kann. Gemeinsam mit Renate Soellner, Professorin für Methodenlehre an der Universität Hildesheim, wertet Scheithauer einen umfangreichen Datensatz aus. Darin zusammengefasst sind Aussagen von Jugendlichen aus mehr als 30 vorwiegend europäischen Ländern. In der aktuellen Studie werden Datensätze von Interviews zum Alkohol- und Drogenkonsumverhalten von etwa 40 000 Jugendlichen im Alter von zwölf bis 16 Jahren ausgewertet. In einem zweiten Schritt werden in einem Workshop Experten aus dem Ausland zur Auswertung hinzugezogen, darunter Praktiker, Wissenschaftler und Politiker. Das von der Europäischen Union finanzierte Projekt ist kürzlich angelaufen und wird Ende 2012 abgeschlossen sein.

Dass Abschreckungskampagnen Jugendliche nur selten erreichen, davon ist Herbert Scheithauer überzeugt: „Man könnte denken, dass es Jugendliche vom Alkoholmissbrauch abhält, wenn man sie mit möglichen Gefahren konfrontiert – das funktioniert aber in der Regel nicht.“ Ursache dafür sei, dass Jugendliche beispielsweise gesundheitliche Risikosituationen oft falsch einschätzten, weil sie sich selbst gar nicht einer Gefahrengruppe zugehörig betrachteten: „Sie erleben sich als gesund und fit“, sagt Scheithauer. Das sei auch ganz natürlich, weil sie manche Erfahrungen noch nicht gemacht hätten und ihnen deswegen der Bewertungsmaßstab für derartige Situationen fehle.

Die logische Schlussfolgerung wäre: Wer sich einmal ins Koma säuft, wird es nicht ein zweites Mal tun. Oder anders formuliert: Wenn die Erfahrung einmal gemacht wurde, ist der Reiz der Wiederholung gering. Trotzdem folgt bei manchen Jugendlichen auf eine Flasche die nächste – man will sich ja Freunden gegenüber keine Blöße geben, keine vermeintliche Schwäche zeigen. Sich zu betrinken, bedeutet für einige, von den Freunden nach dem Wochenende auf dem Schulhof mit anerkennendem Schulterklopfen begrüßt zu werden. „Ein Aufenthalt im Krankenhaus oder Erbrechen nach übermäßigem Alkoholkonsum werden im Extremfall auf diese Weise sogar belohnt“, sagt Scheithauer. „Jugendliche filmen mit dem Handy entsprechende Szenen, oftmals wird wochenlang darüber gelacht, der Betrunkene ist ,angesagt‘ und kann sich mit seiner Erfahrung brüsten.“

Herbert Scheithauer bezeichnet einen Teil der Jugendlichen von heute als „Party-Jugendliche“ – eine Rolle, die ihnen in den Medien und in der Gesellschaft vorgelebt und vermittelt werde. Alkohol schaffe über die Party hinaus ein Gruppengefühl: Wer nicht trinkt, war immer schon eine vermeintliche Spaßbremse. „Man trinkt ja vielfach nur, weil man glaubt, die anderen wollen es auch und erwarten es von einem“, sagt Scheithauer, „da helfen nur klärende Gespräche, bei denen sich die Jugendlichen zusammensetzen und bestenfalls herausfinden, dass sie von sich aus eigentlich nicht trinken wollen, sondern es oft nur tun, weil sie es für eine soziale Norm halten.“

Das überrascht kaum, gehört doch in den meisten europäischen Ländern das Glas Sekt zur Silvesterparty genauso dazu wie das Zünden einer Rakete. „Alkohol gehört zu unserer Kultur“, sagt Scheithauer. „Sektempfang“ steht auf nahezu jeder Einladung zu öffentlichen Ereignissen oder Feiern; bei einem stilvollen Essen darf ein Glas Wein nicht fehlen; zum Fußballschauen muss ein Bier her; wer Griechisch essen geht, bekommt ganz selbstverständlich einen Ouzo für die Verdauung. Und wer versucht, in einem englischen oder irischen Pub ein Glas Wasser oder eine Cola zu bestellen, kann sich auf ungläubiges Kopfschütteln gefasst machen.

Dass Alkohol Giftstoffe enthält und süchtig machen kann, ist wissenschaftlich belegt. Dennoch ist nicht jede Art von Alkoholgenuss gleich Missbrauch. Wer gern einen Cocktail mit Freunden trinkt, ist nicht gleich Alkoholiker. Auch wenn die Berichterstattung der Medien über Extremfälle von Alkoholmissbrauch ein anderes Bild zu vermitteln scheint: „Die meisten Jugendlichen zeigen kein problematisches Trinkverhalten“, sagt Scheithauer.

Ziel der Studie ist es, unterschiedliche Muster von Alkoholkonsum bei Jugendlichen in verschiedenen Ländern herauszuarbeiten: Wie wirkt sich etwa in Deutschland auf Jugendliche aus, dass sie offiziell erst mit 16 Jahren Alkohol trinken dürfen? Welche Folgen hat es für die Trinkgewohnheiten, wenn Alkohol durch gesetzliche Beschränkungen nicht ohne Weiteres verfügbar ist? Wie viel trinken Jugendliche in einzelnen Ländern? Nach Abschluss der Studie sollen Ähnlichkeiten und Unterschiede in Bezug auf Trinkgewohnheiten Jugendlicher und auch deren Konsum illegaler Drogen besser beschrieben werden können. Über Vergleichsdaten wird es möglich sein, einzuschätzen, wie problematisch das Trinkverhalten deutscher Jugendlicher im europäischen Maßstab zu bewerten ist – und ob Flatratepartys und Komasaufen nur ein deutsches Phänomen sind.

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