Zeitung Heute : Alkoholverbot für den Kindsvater

Von Tanja Stelzer

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Eltern, die etwas auf sich halten, begrüßen ihr Kind im Kreißsaal mit Musik. Ein bisschen ist das wie am Hamburger Hafen: Jedes Mal, wenn ein Schiff einläuft, schallt die passende Nationalhymne über den Elbstrand. Unsere Freunde S. und J. haben ihren Sohn mit Lou Reed sozialisiert, F. und F. spielten ihrer Tochter Soul von Teddy Pendergrass vor. Wir hatten keine Musik dabei; wir konnten uns nicht einigen (Noahs Vater hatte „Highway to Hell“ vorgeschlagen).

Andere Paare hatten sich bei der Kreißsaalbesichtigung für werdende Eltern erkundigt, ob sie die Großfamilie und den Hund zur Geburt mitbringen könnten. Ein zukünftiger Vater fragte nach, ob er nach der Entbindung die Plazenta mitnehmen dürfe; er wollte auf dem Balkon einen Baum darauf pflanzen. Ein anderer wollte bei der Wassergeburt mit in die Wanne steigen. Und wir? Wussten einfach nicht, wie unser Kind ins Leben starten sollte. Sollten wir uns von ätherischen Ölen benebeln lassen? Sollte ich beim Gebären lieber Janeartig an einem Seil baumeln oder gemütlich auf einem Hocker sitzen?

Es kam dann so: In der Nacht, in der unser Kind auf die Welt kommen wollte, war der Beinahe-Vater sturzbetrunken. Es war Rosenmontag, ich hatte gesagt: „Geh ruhig aus, ist vielleicht das letzte Mal.“ Ich wusste nicht, dass er in einer Kneipe landen würde, in der sie „Killepitsch“ ausschenken, eine Düsseldorfer Kriegserfindung gegen die Angst vor den Bomben. Ein paar Schluck, und man hat vergessen, dass Krieg ist. Oder dass ein Kind kommt.

Morgens um eins stand er in der Schlafzimmertür: „Was, es geht lllllooos?“ Ich war mit meinen Atemübungen beschäftigt und hatte keinen Sinn für Slapstickvorführungen. Ich schickte ihn unter die Dusche und dann den Rausch ausschlafen. Die Wehen waren gar nicht schlimm. Völlig übertrieben, schon ins Krankenhaus zu fahren. Akribisch notierte ich die kürzer werdenden Wehenabstände.

Irgendwann unterbrach mich mein Kind in meiner Buchhaltertätigkeit. Es veranstaltete die Hölle in meinem Leib. Ich dachte an mittelalterliche Folterdarstellungen: Zwei Pferde ziehen an den Armen, zwei an den Beinen des Gefolterten; der Mensch reißt auseinander. Ansonsten dachte ich nicht mehr viel. Aus meinem Mund drangen Laute, die ich noch nie gehört hatte. Mag sein, dass es klang wie „Highway to Hell“.

Mein Mann war sehr schnell sehr nüchtern. Irgendwann auf der Fahrt ins Krankenhaus hörte er auf, die Ampeln zu beachten. Er beruhigte mich aber weiter, wie er es im Kurs gelernt hatte: „Gleich kommt eine Wehenpause.“ Ich beschimpfte ihn: „Lügner!“ Als wir ankamen, waren alle Kreißsäle belegt. Wir haben nicht gebadet und an keinen ätherischen Ölen geschnuppert. Noah ist im Anmeldezimmer zur Welt gekommen, 18 Minuten nach Ankunft in der Klinik. Ein ziemlich hektischer Beginn für ein kleines neues Leben.

Diesmal wollen wir alles anders machen. Mein Mann hat seit Neujahr Alkoholverbot. Morgen ist Rosenmontag. Irgendwann in diesen Tagen soll Noahs Schwester zur Welt kommen. Irgendjemand hat mal zu mir gesagt: Was Hektik wirklich ist, weißt du erst beim zweiten Kind.

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