Zeitung Heute : Alle Fragen offen

THOMAS KRÖTER

BONN .Nur einmal in der Geschichte der Republik haben CDU und CSU bei einer Bundestagswahl weniger als 40 Prozent der Stimmen bekommen: 1949, als die Rekonstruktion des bürgerlichen Lagers noch nicht abgeschlossen war.Dagegen gelang es den Sozialdemokraten in 13 Wahlen nur viermal, die 40-Prozent-Marke zu passieren.Um bloß das schwächste Ergebnis ihrer Regierungszeit in den 70er Jahren zu erreichen, müßte die SPD gegenüber den 36,4 Prozent von 1994 um über sechs Punkte zulegen.Umgekehrt sind die 41,4 Prozent das schlechteste Resultat der Union seit der ersten Nachkriegswahl.Eine Reminiszenz, die verdeutlichen mag, welch historische Ungeheuerlichkeit es bedeutete, wenn die aktuellen Umfragedaten am Sonntag abend Wahlergebnis-Wirklichkeit würden.Aber auch dies gehört zur Einordnung des Augenblicks: Seit seinem ersten Sieg 1983 mit fast 49 Prozent hat Helmut Kohl kontinuierlich verloren.Beim vorigen Mal hatten CDU/CSU und FDP noch rund 140 000 Stimmen Vorsprung vor der Opposition.Nicht daß es spannend wird, sondern wie spät es der öffentlichen Meinung zu Bewußtsein kommt, wie spannend es werden muß - das ist die Überraschung am Beginn der letzten Woche vor der Bundestagswahl.

Der Blick in die kurz wie die länger zurückliegende Vergangenheit legt den Schluß nahe: Das Wahlergebnis könnte für alle Beteiligten ziemlich frustrierend ausfallen.In zwei Worten: Große Koalition.Bliebe die Frage: Wer stellt den Kanzler, wer den Vize? Aus der Alternative Kohl oder Schröder wäre ein Gespann Schäuble und Lafontaine oder Lafontaine und Rühe (oder überraschend Stoiber?) geworden.Diese Prognose hat sich als Mainstream der professionellen Politikbeobachter etabliert.Aber auch sie wäre durch einen kleinen Rückblick in Frage zu stellen.Hatte nicht auch vor der letzten Bundestagswahl das Gespenst der Großen Koalition gespukt? Da war die Geisterstunde durch die Selbstdemontage des Kandidaten Rudolf S.früher vorbei.Doch Fakt bleibt: Die Wähler haben am Ende die Bestätigung des Bestehenden bevorzugt.

Wie vor vier Jahren inszeniert Helmut Kohl die Entscheidung als Aufholjagd.Nur daß er noch später gestartet ist.Am Ende könnte die so hausbacken wirkende Kampagne der Union moderner sein als die auf den ersten Blick perfekte der SPD.Mit dem Nachlassen der traditionellen Parteibindungen entscheiden sich die Wähler immer später.Nun scheint Helmut Kohl zu bekommen, was man bei Sportlern die "zweite Luft" nennt.Die durch das Bayern-Debakel geschwächte SPD hat nichts zuzusetzen.Mit Fortschreiten des Wahlkampfes wirkt der zentrale Erfolg des Regierungslagers: Obwohl Helmut Kohls Vorstellungen für die Zukunft keineswegs konkreter sind als die Gerhard Schröders, wird der Sozialdemokrat von der Mehrheit der Kommentatoren als inhaltsarmer Luftikus beschrieben.Die Sozialdemokraten versuchen dies Wahrnehmungsdefizit zu überspielen; ein Gegenmittel aber ist ihnen nicht eingefallen.

Und noch eins: Lange hat der SPD die Debatte über die große Koalition genutzt.Sie lenkt ab von einem potentiellen Partner, der sein Bürgerschreck-Image noch immer nicht restlos abgestreift hat.Sie ist zentral für den notwendigen Versuch, die Möglichkeit eines Regierungswechsels ohne Schmerzen zu kommunizieren.Sicherheit statt Risiko auf sozialdemokratisch.Denn auch dies wäre eine historische Novität in der Republik: Ein Wahlsieg aus der Opposition heraus.Doch die "Ich wasch Dir den Pelz, aber mach Dich nicht naß"-Taktik bremst den Schwung jener Eigenschaft, die Gerhard Schröder nach allgemeiner Wahrnehmung am meisten auszeichnet: Seinen absoluten Willen zur Macht.Würde einer gewählt, der Kohl ablösen will, um mit dessen Partei zu koalieren? Am 27.wissen wir es.

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