Zeitung Heute : Alle gegen den anderen

Die Vorwahl in Iowa gilt als Ochsentour. Wer hier die meisten Stimmen auf sich vereinen kann, hat Organisationstalent bewiesen. Den Termin auszulassen, ist erlaubt. Aber keiner, der später amerikanischer Präsident wurde, hat je einen Bogen um diesen Bundesstaat gemacht.

Robert von Rimscha

Sonst stapfen sie durch den Schnee. Dieses Jahr aber ist es warm in Iowa – anders als an der Ostküste der USA. Sie treffen sich in Chuck Millners Wohnzimmer und in der Baptistenkirche von Ames. Sie reden über die demokratischen Präsidentschaftsbewerber, wälzen deren Argumente, Vorteile und Schwächen, und am Ende stimmen sie ab. Wer? Die demokratischen Parteiaktivisten von Iowa. Das alles nennt sich „caucus“ und ist der Beginn der US-Vorwahlen.

Am Montag ist es soweit. Der Ausgang ist chronisch unprognostizierbar. Denn niemand weiß, wie viele Demokraten tatsächlich den ganzen Montagabend im Kreise ihrer Parteifreunde verbringen wollen, um dann in offener Abstimmung ihre Präferenz kund zu tun. Noch vor wenigen Tagen galt Iowa als Duell: Entweder Howard Dean oder Richard („Dick“) Gephardt aus dem Nachbarstaat würden wohl vorn liegen. Den jüngsten Umfragen zufolge hat sich hieraus ein Viererrennen entwickelt. Die Senatoren John Kerry und John Edwards mischen nach einer dramatischen Aufholjagd eifrig mit. Kaum Chancen hat Joe Lieberman; keine Chancen hat der Außenseiter Dennis Kucinich, ein Abgeordneter aus Ohio. Formal treten Al Sharpton, Prediger und Schwarzen-Aktivist, Lieberman und Wesley Clark gar nicht an.

„Nicht antreten“ heißt im Falle von Iowa, dass die Kandidaten auf die Ochsentour verzichtet haben. 99 Landkreise mit rund 2000 Stimmbezirken hat Iowa. Der „caucus“ ist vor allem ein Test der Organisationsfähigkeit der Aspiranten. Nicht wenige haben jeden Landkreis besucht. Es galt schließlich, jene Parteifreunde von der Basis zu überzeugen und zu mobilisieren, die am heutigen Montag in die Rathäuser, Kirchen und Wohnzimmer strömen sollen.

Doch auch jemand, der formal „nicht antritt“, kann Unterstützung finden. George W. Bush erging es so, als er vor vier Jahren von John McCain herausgefordert wurde. Der gewann dann den zweiten Probelauf, die erste reguläre Vorwahl mit traditioneller Stimmabgabe an den Wahlurnen. Diese „primary“ folgt am 27. Januar im eiskalten New Hampshire. Vor vier Jahren gewann bei den Republikanern McCain vor Bush. Beim dritten Test, in South Carolina, schlug Bush den innerparteilichen Aufstand nieder. Dieses Jahr gibt es bei den Republikanern keine Vorwahlen, da niemand Bush herausfordert. Für die Demokraten wird wohl gelten, was im Jahr 2000 auf der Gegenseite galt: Nach diesen drei ersten Stimmungstests dürfte klar sein, wie der Kandidat für die November-Wahl heißt.

Al Gore unterstützt Dean; die Clintons Wesley Clark. Clark lässt Iowa aus und hofft auf vorderste Plätze in New Hampshire (wo Dean den Umfragen zufolge führt) und in South Carolina (wo Clark als Südstaatler und Militär gut im Rennen liegt). Dean konnte noch vor einer Woche auf Siege in Iowa und New Hampshire bauen. Dass sein Stern ebenso rasch sinken könnte, wie er im vergangenen Jahr aufging, hat mit der Frage der „electability“ zu tun. Mehr und mehr Demokraten suchen nicht den energischsten Bush-Opponenten, sondern jenen Mann, der die realistischsten Chancen hat, Bush tatsächlich zu schlagen. Bei diesem Kriterium, der Wählbarkeit für Durchschnitts-Amerika, liegt Dean nicht vorn. Er gilt als zu wankelmütig, spontan und unkontrolliert.

„Es ist viel enger geworden“, räumt Joe Trippi ein, Deans Kampagnen-Manager. „Die dauernden Angriffe auf uns haben einen Preis gefordert.“ Die Angriffe der innerparteilichen Konkurrenten, die sich seit Wochen auf Dean konzentrieren, verteufeln den Arzt nicht als linken Außenseiter, sondern als unberechenbar. In seiner Gouverneurs-Zeit war Dean kein Volkstribun, sondern ein fiskal konservativer Zentrist. Sein Votum für diesen oder jenen republikanischen Vorschlag in der Sozialpolitik wird ihm nun ebenso zum Verhängnis, wie er umgekehrt den Konkurrenten vor kurzem noch ihr Eintreten für den Irak-Krieg ankreiden konnte.

Sollte nach Iowa, New Hampshire und South Carolina kein klares Bild gezeichnet sein, könnte es bis zum „Super Tuesday“ dauern, dem 2. März mit Vorwahlen im Süden, in Kalifornien und New York, bis die Demokraten einen Bush-Herausforderer gefunden haben. Schält sich dann noch immer kein Konsens-Kandidat heraus, könnte der Ruf nach einer Integrationsfigur laut werden. Da kämen nur zwei in Frage: Hillary Clinton, die allerdings ähnlich hohe Negativ-Werte unter Wechselwählern hat wie Howard Dean, und Al Gore.

Der Ex-Vizepräsident als einigender Not-Kandidat, der die Chance zur Revanche für 2000 bekommt? Wahrscheinlich ist dies nicht, aber möglich. Von den Clintons heißt es, sie gäben diese Wahl ohnedies verloren. Und 2008, mit genügend Abstand zur Amtszeit und zu den Skandalen ihres Mannes, könnte dann die Stunde Hillarys schlagen. Klar ist nur: Angesichts der diffusen Lage werden Langfriststrategien täglich schwieriger. Und Bushs Chefstratege Karl Rove freut sich im Weißen Haus über jeden Tritt, den sich Demokraten gegenseitig versetzen.

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