Zeitung Heute : „Alle haben verloren“

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Herr Berger, dürfen Bundesregierung und Unionsführung zufrieden mit dem Rücktritt von Telekom-Chef Ron Sommer sein?

Ganz und gar nicht. Die Politiker beider Seiten haben einen katastrophalen Eindruck hinterlassen. Der Deutschen Telekom ist ein erheblicher Vertrauensschaden entstanden, und das Ansehen des Wirtschaftsstandorts Deutschland hat weltweit gelitten. Außerdem ist das Verhältnis von Politik und Wirtschaft in Deutschland im In- und Ausland in Misskredit geraten.

Sowohl Bundeskanzler Gerhard Schröder als auch Kanzlerkandidat Edmund Stoiber sagen, sie haben im Interesse der Kleinaktionäre gehandelt.

Die Frage ist doch: Wer gibt einem Politiker das Recht, sich aus wahltaktischen Gründen in ein Unternehmen einzumischen? Wir leben in Deutschland in einer sozialen Marktwirtschaft, in der Politiker Rahmenbedingungen setzen, nicht aber unternehmerische Entscheidungen zu fällen haben. Diesen ordnungspolitischen Grundsatz haben sowohl die Bundesregierung als auch die Opposition verletzt. Im Fall der Telekom kommt dazu Ungeschicklichkeit, was den Schaden noch vergrößert.

Keine Gewinner also?

Verloren haben alle Beteiligten: Kleinaktionäre, Aufsichtsrat, Management, die Mitarbeiter und last, but not least, Bundeskanzler und Kanzlerkandidat.

Der Bund ist mit 43 Prozent Hauptaktionär bei der Deutschen Telekom. Ist es nicht seine Pflicht, sich in die Unternehmensbelange einzumischen?

Natürlich. Aber laut Aktienrecht gibt es dafür ganz klare Richtlinien: Der Bund und alle anderen Eigentümer haben bei der Hauptversammlung den Aufsichtsrat zu wählen. Dieser beruft dann den Vorstand und beauftragt ihn mit der Geschäftsführung. Außerdem gilt der Grundsatz der Gleichbehandlung aller Aktionäre – ob groß oder klein – durch Vorstand und Aufsichtsrat. Offensichtlich wollte der Großaktionär Bund aber eine Informationspolitik zu seinen Gunsten. Die Kleinaktionäre und internationalen Kapitalanleger wären dadurch klar benachteiligt gewesen.

Wer trägt nun die Schuld an dem Scherbenhaufen?

Alle Politiker, die sich öffentlich eingemischt haben. Der Kanzlerkandidat, der das Thema Telekom in einem Interview politisiert hat. Der Bundeskanzler, der darauf offensichtlich eingegangen ist. Ebenso der Finanzminister und sein Staatssekretär, die die Angelegenheit nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit geregelt haben. Alle Beteiligten haben jetzt wegen dieses Fehlverhaltens der Politik das Nachsehen.

Wer noch?

In erster Linie hat auch die Telekom selbst Schuld. Die Zukunft eines Unternehmens mit so hoher Verschuldung hängt doch stark von den internationalen Kapitalmärkten ab. Und deren Vertrauen ist durch die Ereignisse der vergangenen Tage bestimmt nicht gewachsen. Wer glaubt jetzt noch – etwa in den Vereinigten Staaten – dass der deutsche Staat keinen politischen Einfluss auf das Unternehmen ausübt?

Gibt es nichts, was gut an dieser Entscheidung ist?

Positiv ist nur, dass ein so angesehener und exzellenter Unternehmer wie Professor Sihler vorübergehend als Vorsitzender und ein so erfahrener Telekom-Experte wie Herr Tenzer als sein Stellvertreter zur Verfügung stehen.

Welcher Partei wird der Fall Telekom für die kommenden Wahlen im September denn mehr schaden?

Die Menschen werden rasch vergessen, welche Politiker sich hier nicht mit Ruhm bekleckert haben. Ich hoffe nur, die Wahlkämpfer auf beiden Seiten lernen daraus und nehmen zumindest bis zum 22. September das Wort Telekom nicht mehr in den Mund, um weiteren Schaden von diesem für Deutschland so wichtigen Unternehmen fern zu halten.

Das Interview führte Antje Sirleschtov.

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