Zeitung Heute : „Alle Spieler müssen die Regeln einhalten“

Psychotherapeut Auerbach über die Vorzüge von Spielernaturen im Beruf – und ihre Grenzen

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Welche Funktion hat das Spielen in der Entwicklung eines Menschen?

Das Spielen ist ein Ausprobieren an der Wirklichkeit. Ein Kind erobert sich auf diese Weise die Welt. Mit einer anfangs zufälligen Bewegung erzielt es einen Effekt, den es dann wiederholt. Als Erwachsener bedeutet das in einer Partnerschaft zum Beispiel, dass man auf einen Menschen zugeht, Reaktionen austestet und sich spielerisch kennenlernt. So ein neugieriges Entdecken ist sehr wichtig.

Lässt dieser Spieltrieb in einem bestimmten Alter nach?

Ein spielloses Leben gibt es kaum. Das Sammeln von Briefmarken, Kochen für Freunde, Sport oder Urlaub sind Bereiche, in denen man spielerisch neue Aspekte des Lebens entdeckt. Dabei gibt es durchaus Parallelen in der Arbeitswelt. Wer eine Autofabrik plant, muss Funktionslust und Neugier mitbringen. Er wird so mit Sicherheit erfolgreicher sein als jemand, der verbissen an die neue Aufgabe herangeht und sich keine kreativen Freiräume lässt. Ob Rechtsanwalt oder Ingenieur: es gibt kaum ein Feld, das man sich nicht spielerisch aneignen kann.

Wo sind die Schwächen spielerischer Menschen im Berufsleben?

Jedes Spiel hat seine Regeln. Wenn jemand pfuscht, macht das Spiel keinen Spaß. Es ist also wichtig, die Balance zwischen der Funktionslust und den Grenzen des Spiels einzuhalten. Wenn man sagt: ’Der spielt mit den anderen’ bedeutet das, dass sich jemand nicht an die Regeln hält. Der spielerischen Phase muss eine ernsthafte Durcharbeitung folgen. In einer Beziehung will man irgendwann verlässliche Regeln. Das ungerichtete Ausprobieren muss eine Richtung bekommen. Zeit- und Budgetvorgaben müssen eingehalten werden.

Welche Qualitäten muss man mitbringen, wenn man beruflich mit Spielen zu tun hat?

Man sollte eine Vorstellung davon haben, was Menschen am Spielen Freude machen kann und im Optimalfall selbst gerne spielen. Dabei sollte man zwischen Gesellschafts- und Computerspielen unterscheiden. Während das gemeinsame Brettspiel beispielhaft lehrt, wie zwischenmenschliche Beziehungen ausgestaltet sind, sind Computerspiele meist verkleinerte Leistungsaufgaben. Sie sind eher etwas für Leute, die gerne spielerisch Leistungen bringen.

Woran merke ich, dass ich ein spielerischer Mensch bin?

Das merke ich daran, dass ich das Leben als ein ständiges Ausprobieren betrachte. Das kann auch zu weit gehen, spielen kann einen tragischen Aspekt haben. Zum Beispiel wenn jemand sehr kritisch mit sich ist, seine Ideen immer wieder verwirft und von neuem beginnt, ähnlich wie der Schriftsteller Franz Kafka. Je verantwortungsvoller der Job ist, desto mehr muss man spielen können. Viele Produkte, die heute sehr erfolgreich sind, wie der I-Pod oder auch Geländewagen, die in der Stadt gefahren werden, sind nichts anderes als Spielzeuge für Erwachsene.

Spielen Männer anders als Frauen?

Generell kann man sagen, dass Männer eher von Funktionsspielen begeistert sind und Frauen von sozialen Spielen. Allerdings trifft das nicht immer zu: Ein Mann, der beruflich mit Menschen zu tun hat, wird sich vermutlich auch eher für die sozialen Aspekte des Spielens interessieren.

Das Interview führte Judith Jenner

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