Zeitung Heute : Alle Wetter!

Regen, Sonne, Schnee – irgend ein Wetter ist immer. Nur passt es meist nicht in den Drehplan einer Filmproduktion. Regisseure verlassen sich lieber auf die Scheinwelt von Technikern.

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Von Stefan Jacobs Alles eine Frage des Budgets: In „The Day after Tomorrow“ vereist ganz New York. In „Twister“ fliegen Kühe und Autos durch die Luft. Manches wird am Computer animiert, aber vieles noch von Hand gemacht. Auch Berlin hat seine Wettergötter. Sie sitzen in Moabit, Hinterhof, Erdgeschoss. Ihr Angebot richtet sich an die Filmbranche und entspricht dem von Petrus, aber der liefert nicht auf Bestellung und ist deshalb keine wirkliche Konkurrenz. Auf dem Tisch liegen Kabel, Behälter mit weißem Pulver und eine Art XXLPistole: Arbeitsutensilien der Firma Trick-Reich. Christoph von Lengerke, staatlich geprüfter Pyrotechniker, 38 Jahre alt, verdrahtet einen Elektromotor. Stefan Knauer, 34, Maschinenbauingenieur, baut an einer als Rucksack tragbaren Schneemaschine.

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REGEN

Regen ist bei schlechtem Wetter am unangenehmsten. Dann werden nämlich auch die Regenmacher nass, die die Stative mit den Duschen bedienen und sonst als Einzige genau wissen, wo das Wasser herunterkommen wird. Mit echtem Regen lässt sich auch nichts anfangen, weil die Tropfen selten groß genug sind, um auf der Leinwand sichtbar zu sein. Deshalb schüttet es im Film fast immer wie aus Kübeln – oder es ist einfach nur nass draußen, weil das Budget bloß für eine vorherige Bodenwässerung gereicht hat. Regen ist nämlich relativ aufwendig, weil man Tankwagen und starke Pumpen braucht. Für größere Regengebiete müssen zusätzlich Hebebühnen gemietet werden.

Neulich in Österreich gab es keine, als Knauer und Lengerke für das ZDF auf einer Berghütte gedreht haben. Dafür gab es jede Menge echten Regen. Die Freiwillige Feuerwehr sollte den Anhänger mit der Technik auf die Alm schleppen. Dann musste sie ihn allerdings aus einer Schlammlawine freischaufeln. Erst als der große Regen aufgehört hatte, konnten die Filmleute ihren eigenen, noch größeren, anwerfen.

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GEWITTER

Wie man ein richtiges Unwetter mit Hagel und allem macht? „Moment, ich hol’ mal einen Becher voll“, sagt Lengerke und bringt ein weißes Kunststoffpulver mit. Ein Viertel Teelöffel davon, einen Schluck Wasser dazu, und das Ganze brodelt und plustert sich wie Popcorn, bis der Becher voll ist. Die Körner fühlen sich allerdings eher wie angelutschte Gummibärchen an und hopsen auf dem Boden wie echter Hagel. „Das kann man auch Stuntmen gut als Scherben hinterherwerfen, wenn sie durch eine Glasscheibe springen“, sagt Lengerke beim Fegen.

Ein Unwetter war das Häuflein auf der Kehrschaufel noch nicht, aber in der Werkstatt stehen ja die Windmaschinen. Die größten Ventilatoren passen gerade auf einen Lastwagen – aber auch deren Orkan bleibt unsichtbar, wenn nichts herumfliegt. Dafür werden wieder Niederschläge, Laub oder Staub gebraucht. Oder Menschen, die von der Kraft des Windes aus dem Off gezaust werden. Dank der Windmaschinen lässt sich sogar ein Fallschirmsprung fälschen: schräg von unten gegen den Himmel gefilmt, vor dem der Schauspieler steht. Einmal in Freiburg, als keine Windmaschine greifbar war, haben sie den Sturm mit einer festgebundenen Cessna erzeugt, aber der Krach war nervtötend.

Wird ein komplettes Gewitter gebraucht, stellt man einfach noch ein paar Stroboskope oder Scheinwerfer mit schnell beweglichen Blenden auf. Der Donner kommt ohnehin von der CD. Und die Zeiten, in denen für einen Blitz feines Metallpulver in die Luft geblasen und via Gasflamme mit gewaltigem Rumms angezündet wurde, sind vorbei.

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NEBEL

Die Nebelmaschine besteht aus einer roten und einer grauen Metallflasche, mit Schläuchen und Drähten verbunden, dazu ein rostiges Auspuffrohr. Wenn man an dessen einem Ende eine Flamme anzündet (Wuff!), kleckern aus dem anderen Ende erst ein paar Tröpfchen, die nach wenigen Sekunden in undurchdringlichem Dampf verschwinden. Der entsteht aus medizinischen Ölen mit hohem Wasseranteil, Glycerin oder anderen alkoholischen Verbindungen. Die Teilchen werden als feinste Kondensationskeime in die Luft geblasen, auf dass die Luftfeuchtigkeit an ihnen zu winzigen Tröpfchen kondensiert. Ein Fünf-Liter-Kanister Flüssigkeit verwandelt zwar eine große Sommerwiese flugs in ein herbstliches Moor, aber wenn ein starker Wind bläst, dampft selbst die größte Nebelmaschine vergeblich.

Der aus Trockeneis (gefrorenem Kohlendioxid) oder flüssigem Stickstoff gemachte Bühnennebel wird im Film seltener gebraucht, weil er unnatürlich auf dem Boden entlang kriecht. Er eignet sich höchstens für Märchenfilme oder dafür, unter Druck ausströmendes Gas, beispielsweise nach einem Schuss in den Autokühler, sichtbar zu machen.

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SCHNEE

Die Eskimos haben ja angeblich ein paar Dutzend Wörter für Schnee. Aber selbst die würden nicht reichen, um das ganze Angebot der Osnabrücker Firma „Snow Business“ zu beschreiben, die nichts weiter macht als Drehorte zu berieseln und dafür über 100 Sorten Schnee im Programm hat. Wer etwas bestellt, sollte also sehr genau wissen, was er vorhat: Der letzte Schrei ist „Instant Snow“ auf Polymerbasis – feines Pulver, das bei Kontakt mit Wasser zu quellen beginnt. Das 40-fache des Originalvolumens ist möglich, so dass man eine Lawine mühelos im Rucksack transportieren kann. In der Hand ist Polymerschnee ziemlich gefühlsecht und auf dem Boden glatt genug für Wintersport. Wenn man noch mehr Wasser dazugibt, bekommt man Schneematsch.

Auch Knauer und Lengerke ordern ihren Schnee beim Marktführer in Osnabrück. Wer eine ordentliche Schicht Pulverschnee bestellt, bekommt Zellulose – also Papier – geliefert. Wie fein die Schnipsel sein müssen, hängt vom Abstand zur Kamera ab. Auch der Raureif eines lausig kalten Wintertages wird aus Zellulose gemacht. Papierschnee ist zwar ökologisch unbedenklich, aber in großen Mengen eine ziemliche Schweinerei: Nachdem sie für „Bourne Identity“ die halbe Karl-Marx-Allee eingeschneit hatten, mussten Knauer und Lengerke mit sechs Mann fast eine Woche lang aufräumen.

Fallender Schnee ist dagegen weniger hartnäckig, so dass Knauer bereitwillig eine Ladung in der Werkstatt verbläst: Ein Motor summt, über einen Schlauch wird ein Kanister mit farbloser Flüssigkeit angezapft, in einem Staubsaugerrüssel kommt Luft hinzu und nach wenigen Sekunden tänzelt ein Vorhang dicker Flocken aus der selbst gebauten Zerstäuberpistole. Und nach fünf Minuten ist alles wieder weg. Schaumschneeflocken haben nur den Nachteil, dass sie gern an Schauspielernasen hängen bleiben.

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SONNE UND MOND

Die Sonne gehört zu den ganz wenigen Dingen, vor denen selbst Filmleute Respekt haben. Schiebt sich eine Wolke davor, bevor der Spielfilmsommertag im Kasten ist, wird gewartet. Weil es nirgends auf der Welt so viele Praktikanten gibt wie am Set, ist immer einer da, der mit einem Grauglas – in der Art der seligen Sonnenfinsternis-Brille – den Zug der Wolken beobachtet und eine Zwei-Minuten-Wetterprognose erstellt. Soll die Sonne direkt in die Kamera scheinen und ist gerade verhindert, kann notfalls im Nachhinein digital nachgeholfen werden. Wenn beim Panorama die Sonne fehlt, sieht es in mehrfacher Hinsicht finster aus. Bei Nahaufnahmen dagegen lässt sich Sonnenlicht durch Scheinwerfer ersetzen, dazu gibt es Filter für alle Wetter und Tageszeiten.

Schwieriger wird es umgekehrt, wenn die kurzen Sommernächte nicht ausreichen, um alle Dunkeldrehs zu schaffen. Wenn nicht im Studio gedreht werden kann, sondern nur in richtigen Wohnungen, werden vor die Fenster schwarze Kästen montiert. In die lassen sich sogar Regenmaschinen einbauen, so dass im Film die Tropfen ans dunkle Fenster klopfen, während draußen die Sonne scheint. Selbst wenn tagsüber gedreht wird, leuchtet meist ein Assistent von außen mit Scheinwerfern in die Wohnung hinein. Als die Filmleute für „Herr Lehmann“ an einem trüben Tag in Kreuzberg das Flutlicht auf einen Altbau richteten, rastete ein Nachbar aus: Erst bewarf er den Praktikanten auf der Hebebühne mit einem Glas voller Schrauben, dann die herbeigerufenen Polizisten mit seinem Hausrat. Erst ein Spezialeinsatzkommando konnte ihn festnehmen.

Der Mond ist vergleichsweise ungefährlich, weil er sich gut abfilmen lässt – Wolkenzug wird oft im Zeitraffer abgespielt – und kann bei Bedarf über eine Glasscheibe eingespiegelt werden. Der Trick funktioniert allerdings nur bei Dunkelheit: Die Szene wird durch eine Glasplatte gefilmt, auf der sich ein Scheinwerfermond spiegelt. Nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert der Teleprompter, auf dem Nachrichtensprecher ihren Text sehen, den die Zuschauer nicht bemerken.

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