Zeitung Heute : Allein unter Frauen

CHRISTOPH FUNKE

Matthias Wittekindts "Gefangener" in der Akademie der Künste CHRISTOPH FUNKEDer Mann kommt aus dem Keller, ohne Gedächtnis.Drei Frauen wollen ihn zurück ins Leben bringen und damit eigene Verluste ausgleichen."Der Gefangene", so nennt Matthias Wittekindt sein Stück, ist Träger einer Rolle, die er zwischendurch abgibt und einer der Frauen überstülpt.Im sterilen Raum findet ein Verhör statt.Dialog, Protokoll, Kommentar stehen nebeneinander.Die Figuren folgen einem geheimnisvollen Zeremoniell.Karin, die Sanfte, und Ingrid, die Zupackende, bilden ein harmonisches Paar der Gegensätze.Gudrun, die Protokollantin, thront über allem, beschreibt emotionslos, was mit dem Gefangenen vorgeht.Aber was geht vor? Hilfe wird angeboten, Unterwerfung verlangt.Motor des Verhörs ist eine Geschichte - nur eine.Die nämlich des verschwundenen Kindes und der gescheiterten Ehe der Verhör-Frau Karin.Die beiden anderen Frauen und der Gefangene haben keine Geschichte.Ist Joseph der Mann, der mit Karin lebte, ihr Kind tötete? Matthias Wittekindts Verwirrspiel stürzt aus kryptischem Tiefsinn nicht selten in flache Banalität ab, etwa bei Josephs "Kampf mit der Hosentasche".Immer neue Knoten knüpft der Autor in die Beziehungen der vier Menschen hinein, spielt weibliches Verhalten gegen männliches aus.Joseph und die Frauen aber "leben" nicht.Sie existieren allein im Raum des Verhörs.Sie machen ein Spiel mit austauschbaren Wirklichkeiten.Sie bleiben gefesselt, blind, ebenso wie der Gefangene zumeist gefesselt und mit einer Augenbinde versehen ist.So gibt es keine Antwort auf die Frage, ob sie das Spiel beherrschen oder nur Marionetten einer emotionslosen Sinnsuche sind. Im Rahmen des von der Akademie der Künste unterstützten "Brüssel Projekts" hat Matthias Wittekindt sein Stück selbst inszeniert, berechnend wie ein Schachspieler.Zwei weiße Geländer, ein Hocker auf Podest, der Protokollstuhl vor dem auf einer Halbkugel schwankenden Pult schaffen die Atmosphäre eines Experimentierraums.Sabine Hertling, Magdalena Artelt, Antje Rose und John Lambert gelingt es, sich in dieser Versuchsanordnung exakt zu verhalten, die Figuren von psychischen Reaktionen zu entlasten. Bis 21.Dezember, jeweils 20 Uhr.

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