Zeitung Heute : Aller Anfang ist er

FREDERIK HANSSEN

Christian Thielemann eröffnet die Saison der Deutschen OperFREDERIK HANSSENAusnahmezustand in der Deutschen Oper: Zivilbeamte der Polizei beobachten unauffällig die Bewegungen im Zuschauerraum, ein Ersatztenor wartet für den Fall der Fälle hinter der Bühne.Bei der Spielzeiteröffnung an der Deutschen Oper mit Richard Wagners "Tristan und Isolde" konzentrierte sich alle Aufmerksamkeit auf René Kollo - zumindest hinter den Kulissen.Obwohl eigentlich das erste Dirigat von Christian Thielemann, dem neuen Generalmusikdirektor des Hauses, hätte im Mittelpunkt stehen sollen.Doch anläßlich des ersten öffentlichen Auftritts des Sängers in Berlin nach dem Zusammenbruch des Metropol-Theaters war seitens der Sympathisanten des Operettenhauses bekannt geworden, daß Kollo daran erinnert werden sollte, daß er an der Friedrichstraße 378 Arbeitslose zurückgelassen hat.Der Tenor selber wies noch am Wochenende in einem Interview alle Vorwürfe zurück.Doch nichts geschah, der eingeflogene Einspringer durfte einen entspannten Abend in der Kantine verbringen.Ein paar einsame Buh-Rufe trafen vor Beginn des dritten Aktes und am Ende lediglich Christian Thielemann.Der aber nahm die Unmutsäußerungen mit breitem Grinsen entgegen.Schließlich konnte er mit seinem ersten Auftritt rundum zufrieden sein: Vor allem das in Sachen Qualität als äußerst launisch bekannte Orchester stand hundertprozentig hinter seinem neuen Chef.Es knisterte geradezu vor Konzentration im Graben, bereitwillig ließen sich die Musiker auf das schwelgerisch-kulinarische Klangideal des Wagner-Genießers Thielemann ein, folgten dem Dirigenten aufmerksam auf seinem Streifzug durch breit dahinfließende Tonströme und bis hinauf zu den metallisch glänzenden Spannungsspitzen. So angenehm ungewohnt sich der orchestrale Teil des Gesamtkunstwerkes auch präsentierte, Szene und Gesang erinnerten nachdrücklich daran, daß sich dieser Abend in einem Repertoire-Haus der alten Schule abspielte: Vom einstigen Regiekonzept der 17 Jahre alten Friedrich-Inszenierung ist kaum noch etwas erkennbar, die Solisten agieren gemäß ihrem Temperament mehr oder weniger rollendeckend, Felsenteile wackeln, der Nebel wird im Schlußbild viel zu spät "angeknipst", die Kostüme verströmen den Charme (und vermutlich auch den Geruch) vergangener Moden. Auch René Kollos bejubelter Tristan trägt deutliche Spuren einer langen, anstrengenden Karriere, deren baldiges Ende er gegenüber Journalisten andeutete.Sein Fiebertraum im dritten Akt ist zwar immer noch von mitreißender Wucht, die stimmlichen Kraftreserven beeindrucken, doch wo dagegen die Nacht der Liebe Zartheit und Legato fordert, gelingt es ihm kaum noch, Verschleißerscheinungen zu kaschieren, muß er sich in unangemessene Lautstärke flüchten, damit die Phrasen nicht zerbröckeln.Auch Sabine Hass ist eine Isolde mit langer Bühnenerfahrung.Aus der leicht ansprechenden Höhe schießen metallische Spitzentöne auf, das eher schmale tiefe Register, gepaart mit geringer schauspielerischer Präsenz, schmälert jedoch den Eindruck.Ute Walther ist eine solide Brangäne, Matthias Hölle ein sensibler, aber müder König Marke, Oskar Hillebrandt als Kurwenal sehr engagiert. Es spricht für Christian Thielemann, daß er seine Amtszeit nicht mit einem Event, sondern mit einer "ganz normalen" Repertoire-Vorstellung beginnt - nicht aus purer Bescheidenheit, sondern als klares Bekenntnis zum deutschen Musiktheatersystem.Thielemann ist ein Verfechter der Tradition des täglich wechselnden Spielplans, aber er weiß auch um die künstlerischen Reibungsverluste, die im Alltag dabei entstehen.Mit dem Einstands-"Tristan" hat Thielemann die Ärmel aufgekrempelt, im Laufe der Saison muß er nun den Beweis antreten, daß er dem totgesagten Repertoire-System neues Leben einzuhauchen vermag.Der uneingeschränkte Rückhalt seitens der Orchestermusiker verschafft ihm dafür eine sichere Ausgangsbasis.So ist zu hoffen, daß dieser Abend kein Ausnahmezustand bleibt.

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