Zeitung Heute : Alles anders

Marc Neller

Wie ein Westberliner die Stadt erleben kann

Das Jahr hat noch nicht richtig angefangen, schon ist es zu kurz. Gerade fällt mir auf, dass der Stapel Bücher, die ich mir zurecht- gelegt habe, in 363 Tagen vermutlich noch ähnlich hoch sein wird. Bei 30 habe ich aufgehört zu zählen.

Nur ein Beispiel, sehr kleine Münze zudem, aber dennoch bezeichnend. Ich habe es meinem Freund M. erzählt, als wir uns neulich trafen. Er sagte, es ergehe ihm ganz ähnlich.

Mit der Zeit verhält es sich ähnlich wie – in der Zeit zwischen den Jahren – mit den Parkplätzen vor der Haustür. Keine Autos. Es entsteht die Illusion von Weite und Freiheit. Ich habe mir deshalb in den Weihnachtsfeiertagen angewöhnt, den Wagen parallel statt quer zur Straße zu stellen und damit den Platz zu vereinnahmen, mit dem sonst drei Nachbarn auskommen. Außerdem fahre ich mit dem Auto zum Bäcker, obwohl der nur um die Ecke liegt.

Dass der objektive Gewinn genau genommen erbärmlich ist, tut hier nichts zur Sache. Es zählt das gute Gefühl.

Die kleinen Triumphe der Nachweihnachtstage jedenfalls haben mich derart berauscht, dass ich vergessen habe, rechtzeitig ein paar gute Vorsätze für das neue Jahr zu fassen. In der Not habe ich einfach auf jene zurückgegriffen, die ich vor ein paar Jahren kurz vor Silvester auf einen Zettel gekritzelt habe und auf den ich seither gerne zurückgreife, weil sich die Vorsätze nicht ändern. Ein Werk für die Ewigkeit, so scheint’s mir fast.

Trotzdem gerate ich schon wieder unter Druck. Ist wirklich jedes Jahr dasselbe. M. sagt das auch. Ob das alles etwa ein paar unbequeme Dinge über mich aussagt? Werde mal drüber nachdenken. Nächstes Jahr. Vielleicht. Hab’ jetzt wirklich keine Zeit mehr. Die Nachbarn kommen aus dem Heimaturlaub zurück, ich muss das Auto anständig hinstellen. Und Bücher aussortieren, die ich dieses Jahr wieder nicht lese. Und mich endlich für den Zeitmanagement-Kurs anmelden.

Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” bekommen Sie in der Buchhandlung Ihres Vertrauens. Vorsicht: Der Zyklus ist etwas zu umfangreich, um ihn in einer Woche zu lesen.

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