Zeitung Heute : Alles auf Anfang

Nach den zahlreichen Politiker-Rücktritten der vergangenen Tage muss sich die deutsche Öffentlichkeit an neue Politiker und neue Politikernamen gewöhnen. Als Fraktionschef der Grünen und Nachfolger von Jürgen Trittin ist zum Beispiel Toni Hofreiter im Gespräch, ein 43-jähriger Bayer, der dem Philosophen Peter Sloterdijk ein wenig ähnlich sieht. Hofreiter ist promovierter Biologe, seine Doktorarbeit trägt den Titel „Die infragenerische Gliederung der Gattung Bomarea Mirb und die Revision der Untergattungen Sphaerine Baker und Wichuraea Baker“. Peinliche Enthüllungen wie im Falle des Politikers Guttenberg dürften hier nicht zu befürchten sein. Hofreiter ist ein engagierter Verkehrspolitiker, er tritt unter anderem für ein vollständiges Alkoholverbot im Straßenverkehr, ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik sowie für ein Verbot von Blitzerwarnern ein. Ein Verbot von Vespas aber, einer Fahrzeuggattung, die für die Energiebilanz ein wenig ungünstig ist, lehnt Hofreiter im Gegensatz zu einigen Parteifreunden ab. Insofern steht er für einen anderen Politikansatz als seine Vorgänger.

Als eine der potenziellen neuen Parteiführerinnen gilt Simone Peter, die im Saarland als Umweltministerin einer Jamaika-Koalition mit CDU und FDP angehört hat. Vor allem Simone Peter wäre eine Garantin für die Umorientierung. Dies wurde im Zusammenhang mit dem saarländischen Nacktwanderverbot deutlich. Seit Jahren werden im Saarland von Anhängern der Freikörperkultur Nacktwanderungen organisiert, zuletzt im Raum der Gemeinde Nonnweiler. Zu dieser Nacktwanderung meldete sich überraschend auch der Polizeichef der nahe gelegenen Gemeinde Nohfelden-Türkismühle an, aber nur, um an die Adresse der Veranstalter heranzukommen. An diese Adresse wurde dann ein behördliches Nacktwanderverbot mit Strafgelddrohung zugestellt. Nacktes Wandern stelle eine Bedrohung der Sittlichkeit dar, obwohl solche Wanderungen in der Regel nicht in Fußgängerzonen, sondern auf eher schwach frequentierten Waldpfaden stattfinden. Auch Eichhörnchen, Häher und Buntspechte sind nach Auffassung der saarländischen Polizei Geschöpfe, deren Sittlichkeit einen gewissen Respekt verdient. Gegen die Nacktschnecke und den Nacktmulch fehlt der Polizei jegliche Handhabe, gewiss, das soll aber im Saarland keinesfalls als ein Freibrief für den Nacktwanderer verstanden werden – obwohl Nacktwanderer, im Gegensatz zu den Nacktmulchen, immerhin Schuhe tragen. Die Wanderung wurde in die Pfalz verlegt.

Simone Peter hat sich gegen das Nacktwanderverbot ausgesprochen, sie nannte Nacktwanderverbote ausdrücklich „übertrieben“. Insofern steht sie, noch mehr als andere, in ihrer Partei für einen völligen Neuanfang.

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