Zeitung Heute : "Alles außer Weihnachtskarten"

GUNTER BECKER

Markterfolg ist gleich Pragmatismus plus Experiment.Diese einfache Formel hat man als Besucher der neuen Medienmesse BerlinBETA, deren Nullnummer am Wochenende in der Kongreßhalle am Alexanderplatz stattfand, mit nach Hause nehmen können.Um jungen Existenzgründern Wege zum erfolgreichen start up aufzuzeigen, hatten die Veranstalter Banker, Firmenchefs, Designer und Marketingexperten auf die Podien geholt.Die sollten den Berliner Multimediamarkt analysieren und Erfolgstrategien herausarbeiten.

Einige Macher, die es bereits geschafft haben, präsentierte die Diskussionsrunde "New Visuals / New Interfaces".Dort wurden, auf der Suche nach dem "Antlitz der Neuen Medien", innovative Multimedia-Produktionen vorgestellt, deren gemeinsamer Nenner die Visualisierung von Musik ist.Moderiert vom Fachjournalisten Henry Steinhau, begann das Panel gleich mit einer amüsanten Überraschung.Holger Czukay, Gründungsmitglied der deutschen Rocklegende Can und experimentierfreudiger Wanderer zwischen den Kunstgenres, unterhielt das Publikum mit einem ganz eigenwilligen Bekenntnis zum World Wide Web.

Seit Ende der 60er Jahre experimentiert Czukay mit den interaktiven Möglichkeiten konventioneller Apparate, mit Bandmaschinen, Diktiergeräten und Anrufbeantwortern.Im vergangenen Jahr - nächtens schlaflos durch Kölner Straßen wandernd - entdeckte er die Multimediaagentur GVOON ( www.gvoon.de ) und mit deren Hilfe das Internet.Seit ihm die GVOON-Crew einen eigenen Chat ( www.gvoon.de/box/czukay.html ) eingerichtet hat, verbringt er einen Gutteil seiner Lebenszeit online und trifft sich dort mit Kollegen und Fans.Über 250 000 solcher virtuellen Besuche habe er im vergangenen Jahr gehabt.Besonders interessante Sessions protokolliert er mit Hilfe einer speziellen Software.Eine Sammlung der originellsten Sitzungen gibt er jetzt in Buchform heraus.



Ebenfalls aus Köln, aber mit einem Offline-Projekt im Gepäck, kam Klaus Gasteier von der Firma cutup codes ( www.cutup.de ).Gasteier arbeitet mit cutup erfolgreich an der Schnittstelle zwischen Fernsehen und Internet, hat Webauftritte für VOX und VIVA gebaut und einen elektronischen Programm-Manager für ARD, ZDF und ORF programmiert.Als Diplomarbeit für die Kölner Kunsthochschule für Medien und als persönliche Herzensangelegenheit hat er ein verschollenes Musikdokument der Popgeschichte digital rekonstruiert.Sein CD-ROM-Projekt "Dumb Angels" macht die legendäre Komposition SMILE, die Beach Boy Brian Wilson Mitte der 60er Jahre als unvollendetes Song&Sound-Fragment liegen lassen mußte, digital hör- und sichtbar.Das Ausgangsmaterial von SMILE - unfertige Songs, akustische Entwürfe und Klangexperimente - kursiert durch die weltweite Beach-Boys-Fangemeinde.Gasteier hat die Fundstücke eingesammelt, abgespeichert, geloopt und eine grafische Oberfläche entworfen, mit deren Hilfe der User die Klänge neu abmischen kann."Mein Traum ist ein einfaches Interface für eine große Musikdatenbank, über das sich Menschen jeden Alters ihren eigenen Mix zusammenstellen können" sagte der Kölner.

Nicht unbedingt auf den Endverbraucher zugeschnitten sind die Musikvisualisierungen der Gruppe Preview ( www.pre-view.de ).Tanja Dietzmann und Tobias Gremmler, zwei Kreative aus dem Pixelpark-Umfeld, sind Spezialisten für Layouts zwischen Kunst und Werbung.Social Spots für die Initative "Gegen Gewalt in der Schule" stehen auf ihrer Joblist gleichberechtigt neben Produktionen für den Markenartikler Adidas und künstlerischen Auftragsarbeiten.Für eine szenische Lesung zweier Autoren haben sie typographische Animationen entwickelt, die das gesprochene Wort begleiten und abstrahieren.

So lassen sich die jungen Multimediamacher ihre Forschungslabors von TV-Stationen und Markenartiklern finanzieren.Mit ihren Auftragsarbeiten für die Industrie finanzieren sie formale Experimente.Mit denen wiederum erweitern sie ihr Repertoire an Stilen und Formen.Auf den Festplatten der kleinen Companies liegen Kunst und Kommerz einträchtig nebeneinander, und zum Business hat man eine ganz ungezwungene Haltung.Besonders schön formulierte das Andreas Peyerl von der Berliner Agentur "Die Gestalten", die für den Technoclub Tresor ebenso arbeitet wie für die Hersteller von Stahlschränken: "Wir gestalten alles außer Weihnachtskarten."

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