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Das Spezialgebiet des Chefarztes: die gynäkologische Onkologie

Justin Westhoff

Die Nachricht für Hanna G. war ein Schock: Gebärmutterhalskrebs lautete die Diagnose. Zur Furcht kam dazu, dass die 32-jährige Berlinerin, die „wegen der Liebe“ nach Frankfurt gezogen ist, sich nichts sehnlicher wünschte, als gemeinsam mit ihrem Mann Kinder zu bekommen. Und Gebärmutterhalskrebs, das hieß bislang für alle Frauen das Ende der Familienplanung. Denn beim „Zervixkarzinom“ wird die Gebärmutter entfernt. So riet es Frau G. auch ihr Gynäkologe.

Nach einer lähmenden Phase voll Trauer und Angst gaben die Eheleute den Fachbegriff Zervixkarzinom bei Google ein. Die ersten Treffer bezogen sich auf die neue Impfung gegen das Humane Papilloma Virus, Auslöser des Gebärmutterhalskrebses. Dieser Schutz käme nicht nur für Hanna selbst zu spät, er wird die Häufigkeit dieses Tumors erst in vielen Jahren verringern. Doch bei ihrer Recherche im Internet stießen die Eheleute auf die Meldung: „Schwangerschaft trotz Gebärmutterhalskrebs – neue OP radikale Trachelektomie“ . Die größte Erfahrung damit haben Ärzte in Hannas Heimatstadt.

Das Paar reiste nach Berlin zum Chef der Frauenkliniken der Charité an den Standorten Mitte und Steglitz, Professor Achim Schneider. Dessen Spezialgebiete sind die gynäkologische Onkologie und vor allem endoskopische Diagnose- und Operationstechniken in der Frauenheilkunde. Tumore werden in Stadien eingeteilt – je früher sie entdeckt werden und je weniger sie fortgeschritten sind, desto größer sind die Heilungschancen. Das Problem bei der Stadieneinteilung des Zervixkarzinoms war bislang, dass sie nur per Tastbefund erfolgten. Auch die lebenswichtige Frage, ob bereits Lymphknoten befallen sind und mit herausoperiert werden müssen, konnte nur als Vermutung beantwortet werden. „Wir tappen im Dunklen“, sagte sich Schneider. Mit seinen Mitarbeitern erforschte er die Möglichkeit, sowohl die Ausdehnung eines Gebärmutterhalskrebses als auch die „Lymphknotenfrage“ mittels Bauchspiegelung (Laparoskopie) genau zu bestimmen. Seine Studien zeigten, dass dies nicht nur mit großer Treffsicherheit funktioniert, sondern vor allem auch, dass die korrekte Stadieneinteilung eine individuelle Therapieplanung ermöglicht.

Der nächste Schritt eben war die Entwicklung der radikalen Trachelektomie. Bei Frauen mit Kinderwunsch und einem nicht zu großen Zervixkarzinom werden zwei Drittel des Gebärmutterhalses und der innere Teil des Halteapparates herausgenommen, Gebärmutter sowie innerer Muttermund aber bleiben erhalten. Gleichzeitig werden per Bauchspiegelung auch befallene Lymphknoten entfernt. Weit über 100 Frauen haben die Charité-Gynäkologen mittlerweile auf diese Weise operiert, und der Krebs trat unterdurchschnittlich selten erneut auf. Mehr als 20 Frauen konnten so trotz ihrer Krebskrankheit schwanger werden - und Familie G. in Frankfurt hat nun ebenfalls ein gesundes Baby.

Die neue Methode hat jedoch zwei Nachteile: Die Geburt muss wegen des verkürzten und verschlossenen Gebärmutterhalses per Kaiserschnitt erfolgen, und auch die Gefahr von Infektionen während der Schwangerschaft ist erhöht.

Die laparoskopische Krebsuntersuchung hat auch für Frauen mit schon größeren Tumoren Vorteile, die keine Kinder mehr bekommen können. Denn dadurch ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Hysterektomie (Gebärmutterentfernung) allein zur Heilung führt, ohne anschließende Bestrahlung oder Chemotherapie. Insgesamt ist für die Hysterektomie keine große Operation mit Bauchschnitt mehr nötig. In den Charité-Frauenkliniken wird sie per Kombination aus laparoskopischem und vaginalem Eingriff vorgenommen. Vorteil: Es wird „blutleer“ operiert und die bei Darm, Blase und Scheide liegenden Nerven werden geschont. Inkontinenz wird so vermieden.

Einer der weiteren Schwerpunkte des Schneider-Teams ist die Endometriose, das womöglich am meisten unterschätzte Frauenleiden. Es handelt sich um ein östrogenabhängiges Vorkommen von Schleimhautherden außerhalb des Uterus mit der Folge starker Schmerzen (vor allem während der Monatsblutung) und zahlreichen „unspezifischen Symptomen“. Bis zu einem Viertel der Frauen leidet darunter, von diesen wiederum etwa fünf Prozent an besonders schweren Ausprägungen. Schneider ärgert sich maßlos über Sprüche wie „Stell' dich nicht so an“: Wegen dieser Haltung, die auch bei Ärzten vorkommt, werden Frauen mit Endometriose oft unzureichend behandelt, und es seien schon Ehen aufgrund der Beschwerden beim Sexualverkehr in die Brüche gegangen, manche Betroffene werde gar in die Psychiatrie geschickt. Im Endometriose-Zentrum der Charité wird die Diagnose ebenfalls per Bauchspiegelung vorgenommen. Es folgen die Entfernung der Herde sowie eine Hormontherapie. Oft kann so eine größere Operation vermieden werden.

Das jüngste Projekt der Universitäts-Frauenklinik sind robotorassistierte Operationen per Laparoskop, die noch schonender sein dürften. Hier aber ist noch einiges an Forschungsarbeit zu leisten. Für Achim Schneider, Jahrgang 1950 und Vater zweier Töchter, der erst seit drei Jahren in Berlin wirkt, gibt es einen guten Grund, weiterzuforschen: „Es ist ein Privileg, für von Krebs bedrohte Frauen da zu sein – so werden wir jeden Tag daran erinnert, was eigentlich wichtig ist im Leben. Wir Ärzte lernen mehr von unseren Patientinnen als umgekehrt.“ Justin Westhoff

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