Zeitung Heute : Alles für die Katz? Die Bundesregierung überlegt,

ob Tierfutter teurer werden soll. Unsere Autorin fragt sich, was ihre Katze in Zukunft essen soll.

Christine Lemke-Matwey

Von Christine Lemke-Matwey

Die Spuren des Gemetzels waren unübersehbar: Hier ein Fetzen Gedärm, dort die Galle, da, angenagt und lustlos ausgespien, das Herz. Die Sauerei aber zierte nicht etwa den Steinboden, wo man sie – Ekel hin oder her – einigermaßen mühelos hätte aufwischen können, nein, das Ganze trug sich mit Vorliebe auf dem einzigen Teppich des Hauses zu. Oder, besser noch, auf dem senfgelben Leinensofa, damit jedermann sehe, wie kurz und jämmerlich so ein Mäuseleben ist, und dass Hauskatzen nun einmal Raubtiere sind. Entsprechend gab es das tägliche Gemetzel noch in den Varianten mit Federn (Blaumeisen und übermütige Amseljunge) oder, etwas seltener, mit Krallen (kleine Maulwürfe). Und einmal hat die Katze ihr Jägerinnenglück sogar an einer ausgewachsenen Fledermaus versucht - ohne Erfolg.

Dies alles ist lange her. Unser Leben verlagerte sich aus dem Hochgebirge ins flache Land und vom Land in die Stadt, die Städte wurden immer größer und die Mäuse immer rarer (von Maulwürfen ganz zu schweigen), und die Katze stieg, einer gewissen Bequemlichkeit naturgemäß nicht abgeneigt, auf Fertigfutter um. Sheba, Whiskas, Kitekat oder Friskies, Rind, Huhn, Lamm, Wild, Lachs, Krabben oder Kaninchen und dazwischen eine Handvoll Brekkies, Kitbits oder ähnliche, praktischerweise gleich Zähne und Zahnfleisch reinigende Snacks: Man suhlte sich in der Vielfalt des alltäglichen Überangebots, mäkelte nach Katzenart mal ein bisschen mehr an dieser, mal mehr an jener Sorte herum und legte sich eine stabile Wampe zu.

Schließlich enthält Industrienahrung garantiert alles, was der dekadente Großstadttiger braucht: bei den Eiweißen genügend Taurin und Arginin, bei den Fetten das richtige Quantum Arachidonsäure, ein paar Ballaststoffe, Vitamin B und C, außerdem Mineralien wie Kalium, Kalzium, Natrium, Magnesium, Eisen, Zink und Selen. Und heimische Sofas und Teppiche bleiben in der Regel auch intakt – und sauber.

Mit dieser tierischen Wohlstandsfettlebe soll es, folgt man Hans Eichel, in naher Zukunft aus und vorbei sein. Eigentlich war es für uns damit schon länger und ganz von selber aus und vorbei, denn die Katze wurde alt - und heikel. Neuerdings ist Trockenfutter für ihre Nieren und (Rest-)Zähne also von Übel, und auch in Sachen Feuchtfutter weiß sie sich plötzlich ganz instinktiv zu beschränken: auf die luxuriöseste, weil vollfleischhaltigste der handelsüblichen Marken nämlich, auf Produkte der Osnabrücker Animonda GmbH. Deren aktuelles Sortiment reicht von diversen Menüs „vom Feinsten“ (Junior, Classic, Senior) über Light Lunches, Ragouts, Patés, Soupés, Terrinen, Töpfchen und Mahlzeiten bis hin zum opulenten Country Dinner.

100 Gramm des Edelfressens kosten im Schnitt 62 Cents. Wenn die rot-grüne Bundesregierung ihre Androhung aus der vergangenen Woche nun tatsächlich wahr macht und am 21. Februar im Sinne der zu sanierenden Staatsfinanzen den Mehrwertsteuersatz für Hunde- und Katzenfutter von bislang sieben auf 16 Prozent erhöht, dann wird das ganz hübsch teuer. Ein Päckchen „Rind mit feinen Kartoffelstückchen“ etwa (das derzeitige Lieblingsmenü der Katze) kostet dann statt der genannten 62 stolze 67 Cents. Drei Päckchen pro Tag, das macht 21 Päckchen pro Woche macht 84 im Monat - macht am Ende des Steuerjahres 675 Euro und 36 Cents nur dafür, dass das Tier für seine häusliche Verdauung ja auch noch jede Menge Katzensand braucht. Ist das für Deutschlands Haushalte, in denen schätzungsweise sechs Millionen Katzen leben, noch tragbar?

Haustiersozialismus

Petra Pau, die haustierpolitische (!) Sprecherin der PDS im Bundestag, erklärte dazu: „Der rot-grüne Vorschlag ist sozial ungerecht. Er ist obendrein hinterlistig. Katzen und Hunde sind keine juristischen Personen, sie verfügen de facto auch über kein Streikrecht. Rot-Grün saniert sich wieder einmal auf dem Rücken Wehrloser.“

Was immer Frau Pau dazu bewogen haben mag, sich haustierpolitisch derart in die Brust zu werfen: Von Katzen hat sie leider keine Ahnung. Denn „wehrlos“ sind diese monomanischen Leisetreter zuallerletzt. Und streiken können sie sehr wohl.

Zum Beispiel so: Man hat zwei Tage lang nichts anderes als „Rind mit feinen Kartoffelstückchen“ in sich hinein geschlungen - und besteht nun durch stoische Nahrungsverweigerung auf, sagen wir, Geflügeltöpfchen Classic Senior. Geflügeltöpfchen Classic Senior wiederum bringt unsere Zoohändlerin regelmäßig an den Rand des Nervenzusammenbruchs, weil nämlich keine andere Katze im Kiez dieses Gericht anrührt, und sie doch nicht wegen eines einzigen, nachweislich launischen Tiers ihre ganze schöne Bestellung…

Wie also Eichels drohender Steuerfalle entgehen? Früher, sagt meine Mutter, sei für Hunde wie Katzen ganz selbstverständlich gekocht worden. Das heißt, was immer es zu essen gab - Eintopf, falscher Hase, Grießbrei oder eine Gans -, die Tiere fraßen mit. Ob es nun am postmodernen Mäusemangel liegt oder daran, dass wir uns heute mit Taurinen und Arachidonsäuren verrückt machen, oder einfach daran, dass nicht mehr so bodenständig gekocht wird: Mit Spaghetti und Spinatpfannkuchen im Napf wäre die Katze bestimmt nicht 19 Jahre alt geworden.

Okay denken wir, also ab in den nächsten Supermarkt und Hühnerschenkel gekauft, die Schonkost für sensible Kätzinnenmägen. Die Euphorie freilich währt auf beiden Seiten nicht lange, denn zum einen kommt das Ganze unterm Strich kaum billiger, und zum anderen befindet die Katze bereits nach wenigen Tagen und zu Recht, dass dieses gekochte Massengeflügel sie anödet. Den Gestank nicht zu vergessen, der sich wie ein fettiger Trauerflor unverzüglich auf Teppiche und Sofas legt!

Was jetzt noch bleibt, ist der Griff zum Katzenkochbuch. Die Ausbeute ist durchaus ergiebig. Zunächst geben wir uns literarisch ambitioniert und wühlen uns im „Katzenkochbuch“ von Sneaky Pie Brown & Rita Mae Brown (Ullstein Taschenbuchverlag, 5,95 Euro) durch zahllose Histörchen, Hunde- und Menschenrezepte, die weder die Katze noch wir wirklich witzig finden. Das liegt aller Wahrscheinlichkeit nach daran, dass weder die Katze noch wir Rita Mae Browns hochgelobte Katzenkrimis wirklich schätzen (zuletzt: „Mord auf Rezept“). Und das wiederum mag damit zu tun haben, dass Katzenbesitzer die Katzen anderer grundsätzlich für weniger intelligent, scharfsinnig und anbetungswürdig halten als die eigenen. Endlich aber stoßen wir auf Praktikables: auf den Silvesterthunfisch etwa (170 gr. Thunfisch in Öl mit 1/4 Liter Vollmilch vermanscht) oder eine gewürfelte frische Kalbsniere (brrrr!) oder auf das Sardinensandwich (eine gut gebutterte Toastbrotscheibe mit zerdrückten Sardinen aus der Dose belegt). Laune und Verdauung der Katze allerdings lassen nach diesen drei Versuchen zu wünschen übrig, und so kehren wir reumütig zu Geflügeltöpfchen und Menschenkäse zurück.

Fischrisotto Napoli

Nächster Anlauf: „Das Katzenkochbuch. Die besten Rezepte für Minka, Moritz & Co.“, herausgegeben von Elisabeth Meyer zu Sieghorst-Kastrup (DuMont, 4 Euro). Entsprechend aufwändig gestaltet sich das Projekt. Vom Fischrisotto „Napoli“ mit Krevettenkrone etwa frisst die Katze nur die Krone, um diese gleich wieder von sich zu geben; der Seeteufel „Höllenbraten“ (150 gr. Seeteufel, 1 gr. Nori-Algenpulver, 1 geraspelte gekochte Möhre, 1 EL Hefeflocken) macht seinem Namen alle Ehre und wird argwöhnisch beschnuppert; vom „Zerbrochenen Herz im Napf“ (100 gr. Rinderherz, 100 gr. Schweineherz) schleckt sie den geriebenen Parmesan ab, dieses freilich mit Genuss; und die Paella „Viva Espana“ findet sie erwartungsgemäß komplett unter ihrer Würde. Die Zuckererbsen „Süße Schnauze“, den Spargel in Sahnereis und das Perlhuhnbrüstchen à la crème haben wir dann gleich selber gefre ..., pardon, gegessen, und wenn die Portionen auch allesamt etwas mickrig ausfallen, so macht sich das Buch inzwischen doch ganz gut in unserem Küchenregal, neben Biolek, Bocuse, Giuseppe Verdi und den Ratschlägen zur makrobiotischen Trennkost. Sonderlich preiswert aber ist solches Kochen nicht. Und so wird Herr Eichel am Ende wohl bekommen, was er begehrt.

Und die Moral von der Caprice? Jüngst habe ich unsere Tierärztin gefragt, was denn nun das beste Katzenfutter sei. Ach, meinte sie, „in einer Maus ist eigentlich alles drin.“

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