Zeitung Heute : Alles Gras aufgefressen

CHRISTOPH FUNKE

Über die Ängste des Dichters namens Brecht im batCHRISTOPH FUNKESpielen und Zuhören verschmelzen zu einer widersprüchlichen Einheit.Vier Männer, zwei Frauen sitzen unten in sauber ausgerichteten Reihen auf numerierten Stühlen, rauchen, sehen unter verhalten blauem, zuckendem Licht träumerisch ins Weite.Ihnen gegenüber die Zuschauer - und dann löst sich die Gruppe der Darsteller, im Trenchcoat und mit dem Hut auf dem Kopf, allmählich aus dem Nachdenken.Sie scheinen sich zunächst nur irgendwie zu erinnern an Lieder und Gedichte von Brecht, was sie dann, immer gelöster, freier vortragen, behält dennoch dieses Staunen, diese Vorsicht, diese Behutsamkeit: Brecht im bat, mit Studenten des IV.Studienjahres Schauspiel der Hochschule "Ernst Busch".Der Titel für die neunzig Minuten ist dabei nicht, wie so oft, einfach ein Spaß, eine provokante Zeile, er deutet die Absicht an, mit der hier einem Dichter begegnet wird: "Ja meine Lieben, jetzt ist alles Gras aufgefressen.Und die Zeit wird heißen / Die Gummizeit." Die Studenten verweigern sich dem sinnenfrohen, dem völlig unverschämten jungen Brecht nicht, aber sie wahren dabei einen freundliche Überlegenheit.Denn ihre Botschaft ist eine andere.Sie nähern sich einem Dichter, der verletzlich war, ängstlich auch, der sich mit Provokationen gegenüber bösen Einsichten zu schützen trachtete.Sie zeigen einen tief Verletzlichen, der den technischen Fortschritt preist, ihn durchschaut und die durch ihn heraufbeschworenen Katastrophen ahnt.Sie geben den Liedern und Gedichten, vorwiegend aus den zwanziger Jahren, einen eigentümlichen Hauch von Resignation und Melancholie.Brecht als einer, der sehr viel weiß und sich gegen dieses Wissen wehrt, der dem Glauben abschwört und sich nach Glauben sehnt, der mit schwachem Herz ein altersloses Leben vorhersieht - so konnte man ihm in diesen Tagen und Wochen der Jubiläumsfeiern bisher nicht begegnen. Peter Kleinert und Carl-Hermann Risse, die Regisseure, haben den Studenten auf der Bühne von Jörg Landgraf aber nicht etwa das Temperament beschnitten, Naivität eingedämmt.Manches Lied, mancher Vers mag von anderen gewandter, virtuoser dargeboten worden sein.Aber gerade dieser Verzicht auf Artistik, auf glatte Vollendung macht den Reiz des Abends aus.Kay Dietrich, Thomas Hamm, Claudia Hübbecker, Friederike Pöschel, Henrik Schubert, Lutz Wessel haben sich mit den Texten auseinandergesetzt, sie offerieren sie als eine Denkleistung, sind Spieler und Zuschauer zugleich, zwingen sich und das Publikum in diese gespannte Haltung hinein, mit staunenswerter Musikalität, singend und an vielen Instrumenten (musikalische Leitung: Jürgen Beyer).Es gibt Spaß an der Kletterstange und auf dem hohen Balkon, Einverständnis und Streit in der Gruppe, Trennung der Frauen von den Männern, Verschwörungen und Proteste, Kommen und Gehen, immer aber mit einem fragenden Charakter.Brecht, wer ist das? Nicht zuletzt wird ein Dialog hergestellt zwischen Jugend und Alter, zwischen Hoffnung und Enttäuschung.Warum ging dieser Dichter, noch nicht dreißig Jahre alt, so gnadenlos mit sich und seiner Zeit ins Gericht? "Es ist schon alles herum" schreibt Brecht 1925, und läßt sich doch keine Lust entgehen.Er erfindet die sexuelle Bedienungsanleitung für "Engel" und weiß zugleich: "es kommt nichts nachher".Die Studenten, etwa im Alter Brechts zur Entstehungszeit der Lieder und Gedichte, prüfen diesen höhnischen Protest gegen alle bürgerlichen Wertvorstellungen und die Trauer über frühes Alter, über ein Leben, das nicht mehr wert ist, gelebt zu werden.Sie entdecken die Verstellungen, das Versteckspiel des Dichters, seine Kunst der Manipulation, des Jonglierens mit dem Schrecken - aber sie sind nicht klüger als er.Brecht hatte mit mannigfachen Ängsten umzugehen, und für die Spieler, für uns sind diese Ängste nicht vorbei.Spöttisch und frech, aber eben zugleich behutsam und nachdenklich bringt das der mit jubelndem Beifall aufgenommene Abend nahe. 28.Februar 21.00 Uhr; am 1., 5.und 6.März jeweils 19.30 Uhr.

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