Zeitung Heute : Alles hat Geschichte

Doch auch Zeitgenössisches kommt ins Museum, denn morgen erzählen diese Objekte von der Vergangenheit. Ein Gespräch mit Sammlungsleiterin Inka Bertz.

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Zehn Jahre Jüdisches Museum Berlin wären ein Grund zurückzuschauen. Doch die Macher der Jubiläumsausstellung „Heimatkunde“ haben sich für das Hier und Jetzt entschieden. Dreißig namhafte Künstler zeigen ihren Blick auf Deutschland. Natürlich geht es auch um jüdische Kultur, aber auch ganz allgemein um das Gefühl von Fremdsein und Ankommen in einer Gesellschaft. Einige Arbeiten hat das Museum angekauft, andere neu in Auftrag gegeben und, wenn es nicht einmalige Installationen sind, in die Sammlung aufgenommen. So stehen Ausstellung und die Erweiterung der Sammlung in einem engen Zusammenhang. Heute sind diese Arbeiten Zeugnisse der Gegenwart, doch schon bald werden sie von der Vergangenheit erzählen. „Dies ist ein Teil unseres aktiven Sammelns, wie wir es auch in anderen Bereichen, etwa bei Foto-Projekten praktizieren“, sagt Sammlungsleiterin Inka Bertz.

Der Markt an Judaica, an Objekten jüdischer Kultur, ist relativ klein. Vieles ist seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen, unwiederbringlich zerstört, anderes ist im Rahmen der Restitution an jüdische Einrichtungen in die ganze Welt gegangen. „Die Museumsarbeit wird sich in den kommenden Jahren noch einmal verändern“, prophezeit Inka Bertz. „Allein schon wegen des Umstands, dass die Zeitzeugen, die das deutsche Judentum vor 1945 erlebt haben, bald nicht mehr da sein werden. Als wir vor zehn Jahren anfingen, so aktiv und intensiv zu sammeln, war das schon relativ spät. Wir haben also nicht mehr viel Zeit.“

Immer wieder startet das Museum Aufrufe, Personen in Besitz entsprechender Nachlässe mögen sich melden. Sammeln heißt bewahren, dokumentieren. Und im Jüdischen Museum Berlin bedeutet das vor allem, nach Objekten zu suchen, die mehr als einen kunsthistorischen Wert darstellen. „In ihnen soll sich die vergangene Zeit verdichten“, sagt Inka Bertz. Die Objekte und diejenigen, die sie dem Museum überlassen, sollen Geschichten erzählen.

„Es kommt daher darauf an, welche Interpretationsmöglichkeiten ein Objekt eröffnet. Wir sammeln eigentlich nicht nur Objekte, wir sammeln Erzählungen, kurzum: Bedeutungen. Zum einen sind es die Kuratoren mit ihrem historischen Wissen, die den Objekten Bedeutungen zuweisen. Aber uns interessiert auch die Perspektive derjenigen, die uns ein Objekt schenken“, sagt die Sammlungsleiterin.

„Heute allerdings blicken wir stärker auf die Gegenwart.“ Denn Veränderungen brächten schließlich neue Objekte mit sich. So werde etwa im egalitären Ritus die Frau stärker eingebunden. „Jetzt gibt es beispielsweise eine Kippa und einen Gebetsschal für die Frau“, erklärt Inka Bertz. So etwas kommt zu ihr ins Museum.

So nahm das Museum auch ein heutiges amerikanisches Chanukka Spielset in die Sammlung auf, an dem man wunderbar studieren kann, wie sich die Kulturen mischen: Eigentlich gibt es an Chanukka, dem Lichterfest, keine Geschenke. Da es aber meistens in die Weihnachtszeit fällt, passen sich viele Familien an und überraschen ihre Kinder doch mit Päckchen. In der Spielfiguren-Familie sind sie genauso groß geraten wie die Kinder selbst.

Auch wenn das Jüdische Museum Berlin sich in Zukunft stärker den Phänomenen der Gegenwart widmen wird: Es sind immer die Objekte und Kunstwerke, die als Seismographen die kulturellen Veränderungen aufzeichnen und es möglich machen, sie nachzuvollziehen und besser zu verstehen.

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