Zeitung Heute : Alles immer hübsch für sich

HANNES SCHWENGER

Ein Sammelwerk zur deutschen Literatur in zwei Diktaturen weigert sich zu vergleichen - Eine BuchvorstellungHANNES SCHWENGEREs war Adenauers Außenminister Heinrich von Brentano, der sich 1957 im Bundestag mit der Bemerkung blamierte, "daß die späte Lyrik des Herrn Brecht nur mit der Horst Wessels zu vergleichen ist".So klang das damals, wenn man sich in der CDU zum Thema Literatur in der Diktatur äußerte.Vielleicht hätte ihn seine Partei mal zu einem Lehrgang in die Adenauer-Stiftung schicken sollen.In einer Buchvorstellung der Stiftung vom Leiter der Abteilung Politische Bildung, Günther Rüther, erfahren wir, wie man dort heute über dieses Thema denkt.Er hat dazu ein 500 Seiten starkes Sammelwerk herausgegeben (Literatur in der Diktatur.Schreiben im Nationalsozialismus und DDR-Sozialismus.Schöningh Verlag.Paderborn 1997.29,80 DM)."Dem Band", schreibt Rüther im Vorwort, "geht es nicht um einen Vergleich der Literatur in beiden deutschen Diktaturen dieses Jahrhunderts.Schon gar nicht geht er von einer Gleichsetzung aus." Dazu hätten sich die Mitarbeiter des Bandes auch kaum hergegeben, deren Spektrum vom früheren FU-Präsidenten Eberhard Lämmert über den Herausgeber von "Sinn und Form", Sebastian Kleinschmidt, bis zu Frank Hörnigk von der Humboldt-Universität reicht.Das ehrt die Stiftung und die Verfasser.Aber warum beeilt man sich so zu versichern, die beiden deutschen Diktaturen seien "unvergleichbar"? Sitzt das Trauma von Brentanos Blamage so tief? Die CDU war doch sonst jahrelang mit der Gleichsetzung von Rot und Braun nicht so pingelig.Und jetzt scheut sie sogar den Vergleich? Seltsamerweise tun sich damit auch die meisten Autoren des Bandes schwer.Man liefert zwar detailreiche Einzelstudien, aber immer hübsch für sich: Hörnigk über Heiner Müller, Helmuth Kiesel über Jünger, Jürgen Schröder über Benn und Jan-Pieter Barbian über Literaturpolitik im Dritten Reich.Warum keine Gegenüberstellung der Ausbürgerungen von 1933 und 1976 ff.? Kein Vergleich von Ina Seidels Führergeburtstagsgedicht mit Bechers und Hermlins Stalin-Oden? Und warum soll man nicht die gesteuerte Literaturkritik des "Neuen Deutschland" an den gleichen Kriterien messen wie die staatsfrommen "Literaturbetrachtungen" im "Völkischen Beobachter"? Nach 40 Jahren DDR gibt es dafür keine Rechtfertigung als die Tabus der literarischen Linken in Ost und West, die von solchen Vergleichen am meisten lernen könnte.

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