Zeitung Heute : Alles interpretieren, nichts ändern

Wie ein Berliner, Ost, diese Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Karl Marx (lt. ZDF etwas schlechter als Luther, aber viel besser als Bismarck) war ein großartiger Interpret seiner Welt. Verständlicher-, wenn auch verhängnisvollerweise erschien ihm ihre Veränderung aber noch viel wichtiger als ihre Interpretation (vgl. Feuerbach-These Nr. 11 und div. Ereignisse des 20. Jahrhunderts).

Im vorletzten Film, den ich gesehen habe, wurde wenig interpretiert, dafür sehr viel verändert. Es ging um einen goldenen Ring, dessen Aggregatzustand unverständlicherweise von fest nach flüssig verändert werden musste, sowie um einige zehntausend Monstren, die die Welt vermonstern wollten und in langen lauten Schlachten daran gehindert wurden – daher mussten die Ausstatter am Schluss die düstergraue Filmwelt in eine hellgrüne ändern. In mir änderte sich die Meinung von „Der Herr der Ringe ist gewiss ein schlechter, aber bestimmt unterhaltsamer, jedenfalls sehr erfolgreicher Film, den man sich unvoreingenommen angucken sollte“ in: „Der Herr der Ringe ist ein ultralangweiliges, strunzdoofes Machwerk, das schlechte Träume macht und sonst nichts.“

Der letzte Kinofilm, den ich gesehen habe, trug einen Titel, der besser zum „Herrn der Ringe“ gepasst hätte – „Die Invasion der Barbaren“, hatte jedoch alles, was dem Ring-Film fehlte, Witz und Tiefe und all das (dafür kamen keine fiesen Kampfelefanten und auch keine Stuka-Drachen darin vor). Im Barbaren-Film geht es um die elfte Feuerbach-These von Karl Marx, das ist die Sache mit der Interpretation und der Veränderung. Ein Interpret stirbt und fragt sich während dessen, ob er in seinem Leben nicht besser etwas hätte verändern sollen (die Veränderung seiner selbst vollzog sich lediglich im Rahmen der gewöhnlichen Marxismus-Maoismus-Feminismus-Poststrukturalismus-Logik). Außerdem ärgert er sich über die jungen Leute, die nicht mehr lesen und also auch nicht mehr interpretieren würden. Währenddessen verändert sein nie lesender, nichts interpretierender, dafür aber sehr gut verdienender Sohn die Welt, zumindest die des Sterbenden.

Der Film ist großartig, hat aber den Nachteil, dass nach der ganzen innerfilmischen Interpretiererei kaum etwas zu interpretieren bleibt. Freund M. und ich gingen nach dem Kino in eine Bar, in der hauptsächlich junge Leute saßen, die nicht aussahen, als läsen sie viel, andererseits auch wieder nicht so, als änderten sie in der Welt viel mehr als regelmäßig ihre Anzugsordnung. Wir versicherten uns der uneingeschränkten Solidarität mit allen, die „Die Invasion der Barbaren“ wertschätzen und die „Herr der Ringe“-Filme verachten, und dann fiel uns nichts mehr zum Kinoabend ein. Also sprachen wir über Carl Schmitt (das ist der, mit dem sich gealterte Linke manchmal befassen, wenn sie nicht früh genug das Schicksal des Barbaren-Film-Helden ereilt). Auch bei Schmitt kamen wir rasch überein: Der war zwar vor allem Interpret und zum Glück kein Veränderer, letztlich aber doch nur ein weinerlich-opportunistischer Faschist, und wer ihn wegen seines „gefährlichen Denkens“ toll findet, dem gehören pausenlos „Herr der Ringe“-Filme vorgeführt.

In „Die Invasion der Barbaren“ sollte man schnell gehen, nur noch wenige Kinos zeigen ihn, z.B. das Broadway (18.30, 20.45) und das Moviemento (21.30).

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben