Zeitung Heute : Alles Lüge? Zweifel am Ergebnis der Pisa-Studie

Der Tagesspiegel

Von Susanne Vieth-Entus

Bei Berlins zweitem Pisa-Durchgang wird nichts mehr dem Zufall überlassen. Die Senatsschulverwaltung hat dieses Mal vorgeschrieben, dass die Teilnahme an der internationalen Leistungsstudie verpflichtend ist. Dies ist die Konsequenz aus dem Flop der ersten Testreihe im Mai 2000. Erst jetzt wurde bekannt, dass die Daten aus Haupt- und Gesamtschulen nicht ausreichen und überdies die Teilnahme am Test freiwillig war.

Unterdessen wird allerdings weiter gerätselt, warum Berlin so kläglich scheiterte und mit Hamburg das einzige Bundesland ist, dass „nachsitzen“ muss. Die CDU diagnostiziert ein „peinliches Versagen der Schulbehörde“. Andere vermuten eine „klammheimliche Sabotage“ durch einzelne Lehrer. „An den Schulen gab es unterschiedlich viel Engagement für Pisa“, sagt ein Lehrer, der an seiner Schule die Pisa-Abläufe koordinierte. Es habe zwar anders als in Hamburg keinen offenen Boykott der Pisa-Teilnahme gegeben. Allerdings sei es vorgekommen, dass Kollegen sich nicht besonders dabei angestrengt hätten, Schüler und Eltern von der Bedeutung der Studie zu überzeugen. Sie hätten die Sache laufen lassen, obwohl sie wussten, dass eine Teilnahme von 80 Prozent notwendig sei. „Ich schließe eine klammheimliche Sabotage nicht aus“, sagt er im Rückblick.

Dies weisen die meisten Schulen allerdings weit von sich. „Es gab keine Verweigerung“, betont Wolfgang Lüdtke, Leiter der Neuköllner Kepler-Hauptschule. Er erläutert, warum auch an seiner Schule die Beteiligung nicht ausreichte: Wie an allen Haupt-, Realschulen und Gymnasien waren 37 Schüler für die Teilnahme per Zufallsprinzip ermittelt worden. Dass zwei Schüler, etwa Dauerschwänzer, ausfallen, wird von vornherein eingeplant, so dass nur 35 Schüler letztlich mitmachen sollen. Von diesen hatten aber trotz vieler Nachfragen nur 28 die Einverständniserklärung der Eltern beigebracht. Sieben weitere fielen durch Krankheit aus, so dass letztlich nur 21 mitmachten.

Lüdtke betont, dass sich sein Pisa-Koordinator „richtig reingekniet“ habe. Auch die meisten betroffenen Kollegen hätten sich „ins Zeug gelegt“. Einzelne hätten sich allerdings auch gefragt, warum es an ihrer Schule nicht einmal Geld für das Nötigste gebe, dann aber viel Geld für Pisa ausgegeben werden könne.

GEW-Chef Ulrich Thöne gibt zwar zu, dass er nicht gerade begeistert von Pisa war, zumal es die Schulverwaltung versäumt habe, genügend über den Umgang mit den Pisa-Daten aufzuklären. In Berlin sei man aber „weit entfernt“ von der Hamburger Situation gewesen, wo der Gesamtschul-Personalrat zum Pisa-Boykott aufgerufen hatte. Thöne betont, dass er nicht einmal ein Fax oder einen Anruf erhalten habe, wo sich ein Lehrer in Richtung Pisa-Verweigerung geäußert habe.

Auch die Senatsschulverwaltung sieht „keine Anzeichen für einen Boykott“. Allerdings wüsste sie gern, warum Berlin nicht schaffte, was Kölner oder Frankfurter Schulen gelang, die ebenfalls zum Teil einen hohen Anteil von Schülern aus sozialen Randgruppen haben. Unter den Pisa-Organisatoren hält man sich vornehm zurück. Lapidar heißt es, dass es in Großstädten eben besonders schwierig sei, auf freiwilliger Basis einen derart aufwändigen Test zu managen. Inoffiziell ist allerdings zu hören, dass es „viele Lehrkräfte gibt, die der Studie skeptisch gegenüber standen“. Im Übrigen sei Deutschland „einzigartig in seiner Kompliziertheit“, was die Bedingungen bei Leistungsvergleichen betrifft. In anderen Staaten sei es eben durchaus üblich, solche Testreihen verbindlich anzuordnen.

Wie berichtet, hatten bei den Hauptschulen nur 54 Prozent und bei den Gesamtschulen nur 65 Prozent der Schüler die Fragebögen abgearbeitet. 80 Prozent wären allerdings nötig gewesen, um den statistischen Anforderungen zu genügen. Aus diesem Grunde müssen nochmals 25 Haupt- und 25 Gesamtschulen an der Pisa -Studie teilnehmen, was rund 60.000 Euro zusätzlich kostet. Der neue Durchgang startet am 3. Juni.

Schon jetzt steht fest, dass einige Schulen aus dem ersten, misslungenen Anlauf zum zweiten Mal dabei sein werden. Denn alle Haupt- und Gesamtschulen kommen wieder in den „großen Topf“, aus dem dann per Zufallsprinzip die 50 Testschulen ausgewählt werden. Dennoch hat niemand Sorge, dass sich das Desaster vom ersten Mal wiederholt. Dies liegt zum einen daran, dass diesmal nicht das Einverständnis der Eltern verlangt wird. Dadurch sind von vornherein mehr Kinder im Boot. Zum zweiten hat Pisa in der Vergangenheit derart hohe Wellen geschlagen, dass viele Schulen schlicht und einfach „dabei sein“ wollen. Dies jedenfalls glaubt Pisa-Chef Jürgen Baumert.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben