Zeitung Heute : Alles oder nichts - Südafrika - Dänemark: Schuld hat der "weißen Medizinmann"

WOLFGANG DRECHSLER

KAPSTADT .Tränen, Trauma und Trauer prägten zuletzt die Stimmung im Camp der Kicker vom Kap.Der dunkle Schleier, der sich nach der 0:3-Abfuhr durch Frankreich über die Nationalelf Südafrikas legte, lichtet sich nur langsam.Nichts konnte den Verdacht, daß sich die Fußballgötter gegen das Team verschworen haben, mehr erhärten, als die Bänderdehnung von Jungstar Benny McCarthy.Doch dann genas der 20jährige auf fast wundersame Weise und mit ihm die Hoffnungen der zerknirschten Nation.

Dennoch: Eine weitere Schlappe heute in Toulouse gegen die Dänen würde die Weltcupträume der Regenbogennation vorzeitig beenden.Vor allem bei den Fans in den Townships, deren Erwartungshorizont riesengroß war, sitzt der Stachel der Enttäuschung tief: Die Siege in Afrika haben bei vielen den Hang zur Selbstüberschätzung noch verstärkt.Nach dem zweiten Platz im diesjährigen Afrika-Cup wurde das Auftaktspiel nach dem Motto: "Wer gegen den Rest Afrikas gewinnt, kann auch Frankreich schlagen" bereits lange vorher als gewonnen abgehakt.

In vieler Hinsicht gleicht der Sport dabei der Politik: Auch hier kennt das Land am Kap keine Mitte, sondern nur Extreme.Siegesgewißheit und Zuversicht können in kürzester Zeit in Verzweiflung, Resignation und Hoffnungslosigkeit umschlagen.Auf der Suche nach dem Schuldigen wurde die schwarze Fangemeinde indes schnell fündig: Zum Sündenbock wurde der französische Coach Phillippe Troussier erklärt, der erst seit dem 1.März am Kap das Zepter schwingt und der "weiße Medizinmann" heißt.Zwar verfügt Troussier über zehn Jahre Afrika-Erfahrung und hat gerade erst mit dem viertklassigen Burkina Faso beim Afrika-Cup für eine Sensation gesorgt, doch stößt sein Nachdruck auf Strenge, Disziplin und Gradlinigkeit bei den Township-Youngstern auf wenig Gegenliebe.Er lasse den Spielern nicht genug freien Lauf, wird moniert.Daß es Südafrika nach den langen Jahren der Apartheid-Isolation vielleicht an internationaler Erfahrung mangelt, kommt dabei nur wenigen Fans in den Sinn.

Vor allem aber wird Troussier fehlender Patriotismus unterstellt.Erschwerend kam hinzu, daß Südafrika in seinem ersten Spiel ausgerechnet gegen Frankreich antreten mußte."Es war, als würden wir mit einem französischen General gegen französische Truppen kämpfen", empörte sich tags darauf ein schwarzer Hörer im Radio.

Die Kritik an dem Coach hat inzwischen solche Ausmaße erreicht, daß sich der Streit über seine Person zur Rassenfrage auszuwachsen droht.Der linksmilitante Panafrikanische Kongress (PAC) forderte gar die "sofortige Ablösung des Ausländers" durch einen einheimischen, sprich: schwarzen Coach und meinte, Troussier hätte schon wegen seiner geteilten Loyalität nie eingestellt werden dürfen.

Weit davon entfernt, die Nation zusammenzubinden, droht nach dem Rugby- nun auch das Fußballteam den Vielvölkerstaat am Kap zu entzweien: Während viele Schwarze die Schuld beim weißen Medizinmann suchen, rümpfen die Weißen am Kap über die bisherigen Erfolge von Bafana Bafana (Unsere Jungs) verächtlich die Nase.Hier wird darauf verwiesen, daß das Team international bislang kaum für Furore gesorgt und noch keinen einzigen wirklich großen Gegner geschlagen habe.Siege in Afrika zählen für die Weißen kaum.

Der Streit ist umso ernüchternder, als alles so harmonisch begonnen hatte: So hatte sich das Team in einem von dem Autokonzern Daimler Benz finanzierten Trainingscamp im Hochschwarzwald optimal auf das Weltturnier vorbereiten können.Die mitgereisten Journalisten berichteten jedenfalls von bester Stimmung und einem tollen Umfeld.

Der schwäbische Konzern ist traditionell ein Gönner der Kap-Republik.Sein Vorstandsvorsitzender Jürgen Schrempp hat sieben Jahre lang dort gelebt und gearbeitet und betrachtet das Land an der Südspitze Afrikas als seine zweite Heimat.Allerdings ist der Konzern beim Sponsoring letzthin in die Bredouille geraten: Denn Südafrika will nach der fehlgeschlagenen Olympiaberwerbung für 2004 nun auch die Fußball WM im Jahr 2006 ausrichten - und die wollen dummerweise auch die Deutschen.

ARD - live - 17.30 Uhr Südafrika - Dänemark

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