Zeitung Heute : Alles Öko oder was?

Ein Design-Handbuch zum Durch-Zappen

Nora Sobich

Ökologisches Design lässt sich längst nicht mehr auf den Slogan „Jute statt Plastik“ reduzieren. Öko ist zu einem dehnbaren Begriff geworden. Diesen Eindruck bekommt man auf jeden Fall, wenn man das „Handbuch ökologisches Design“ von Alastair Fuad-Luke durchblättert. Sechshundert Öko-Produkte – unterteilt in dreizehn Rubriken wie „Möbel“, „Beleuchtung“, „Haushaltsobjekte“, „Büroeinrichtung“, „Architektur“ und „Maschinen“ werden hier mit Bild und Kurztext vorgestellt. Jedem Produkt ist ein kleiner, grafisch hübsch aufgemachter Infokasten beigefügt. Seitenangaben verweisen auf Abschnitte im hinteren Teil des Buches, wo der Leser stichwortartig zusammengefasste Informationen zu Öko-Strategien, Designern, Herstellern, verwendeten Materialien und internationalen Umweltschutz-Institutionen findet.

Die Öko-Welt scheint hier so bunt und vielfältig wie ein Gemischtwaren-Katalog und reicht vom Philips „AE1000Free-power Radio“ bis zum wasserlosen „Excel NE“-Kompost-Klo, von duftenden „Body Shop-Produkten“ bis zu energiesparenden LED-Lampen, von Skurrilitäten wie dem „Sessel Terra Gras“, ein mit Gras überwachsener Stuhl aus Wellpappe, der mehr wie ein Kunst- als ein typisches Öko-Alltagsobjekt aussieht, bis zum USA-Ventilator „Sycamore Fan“, dessen Propellerflügel aus recyceltem PET (Polyethylen-Terephathalat) besonders leicht und deswegen energiesparend sind. Auch avantgardistische Designklassiker wurden großzügig mit in die Öko-Design-Buch-Tüte hineingepackt wie der „Thinking Man’s Chair“ von Jasper Morrison (Cappelini), der stapelbare „Toy Chair“ aus Polypropylen von Philippe Starck (Driade) oder der Wäschekorb „Basket 2 Hands“ von Konstantin Grcic (Authentics).

Das ist also alles Öko, wenn man wie der am Falmouth College of Arts in England lehrende Alastair Fuad-Luke den so genannten öko-pluralistischen Ansatz vertritt. Diese Öko-Definition beginnt bei „kleineren Abänderungen bereits vorhandener Produkte“ und endet bei „grundsätzlich neuen Konzepten“. Die erste Hürde in Richtung „Grünes Design“ ist schon genommen, wenn ein Produkt langlebig wie der „Thinking Chair“ von Morrison ist. Auch Multifunktionalität bekommt einen Öko-Punkt, da dadurch die Produktion eines anderen Produktes überflüssig wird und man Ressourcen spart.

Alastair Fuad-Luke geht es aber nicht nur darum, seinen weit reichenden Ansatz des umweltfreundlichen Designs vorzustellen und zu veranschaulichen, dass Öko nicht unbedingt auf Kosten des guten Geschmacks und Lifestyles gehen muss. Er möchte vor allem einen „informativen Einkaufsführer“ und „unentbehrlichen Wegweiser für Designer und Produzenten“, wie es im Klappentext heißt, liefern und damit seinen Teil zur „besseren und grüneren Zukunft“ beitragen. Gerade von Designern mit ihrer „Rolle eines Katalysators“ wünscht sich der Autor, innovativeres Denken und mehr Mut, die Vielfalt vorhandener Öko-Materialien tatsächlich auch auszuprobieren und anzuwenden.

Dieses Handbuch soll also Profis und Otto-Normal-Verbrauchern eine Hilfe sein, den Grundsatz der Nachhaltigkeit bei ihren Kauf- beziehungsweise Gestaltungs-Entscheidungen mit zu berücksichtigen und umweltbewusster zu handeln. Ob man das umfangreiche Sachbuch als Konsument tatsächlich zum Nachschlagen braucht, bleibt allerdings zu bezweifeln. Das unterhaltsame Durch-Zappen der ökologischen Produktpalette hinterlässt auf jeden Fall den Eindruck, dass selbst ein bisschen Öko nicht nur überall sein kann, sondern auch sein sollte.

Alastair Fuad-Luke: Handbuch ökologisches Design. Möbel, Objekte, Geräte, Materialien, Adressen. Dumont, Köln 2002. 352 Seiten. 29,90 €.

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