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JÖRG KÖNIGSDORF

Die Philharmoniker mit Zubin Mehta in der WaldbühneWas kann da noch schief gehen? Der heißeste Tag des Jahres, eine gesteckt volle Waldbühne und ein "russian pops"-Programm wie aus einer Klassik-Radio-Hitliste.Dazu noch Zubin Mehta am Philharmonikerpult, der Erzprofi unter den Dirigierstars, der wie kein zweiter weiß, wie solche Spektakel anzugehen sind.Hier darf, ja muß das Edelklang-Orchester ohne falsche Scham schmettern und knallen, muß die Tuttigewalt noch extra unterstrichen werden, um bis ganz hoch hinauf zu reichen.Die Tempi fallen da schon im ersten Geläufigkeitstest für die Streicher, Glinkas "Ruslan und Ludmilla"-Ouvertüre maßvoll aus, wuchtige Blecheinsätze und eine überprominente Pauke hieven das Werk auf Open-Air-Dimension.Erst recht in die Breite geht Tschaikowskys erstes Klavierkonzert, mit dem zweiten Universalprofi Daniel Barenboim an den Tasten.Das ist vollsaftiger Tschaikowsky, der im hemmungslosen Dehnbarkeitstest an unser aller Kitschbedürfnis appelliert.Den zweiten Satz, ein schlichtes Andantino, das eigentlich gar nicht sooo langsam sein sollte, läßt Barenboim genießerisch hereintröpfeln, kitzelt eine Fülle dynamischer Nuancierungen heraus und schleudert anschließend das Volkstanzthema des Finales geradezu brutal in die Runde. Optimal laufen Konzert- und Wetterdramaturgie zusammen.Spielt sich die erste Programmhälfte mit ihrer muskulösen Virtuosität noch im Sonnenlicht bei picknickgesättigter Ausflugsstimmung ab, entfaltet die Waldbühne mit Abenddämmerung und Kerzenlicht bei Mussorgskys "Chowantschina"-Vorspiel regelrechte We-shall-overcome-Andächtigkeit.Um der Wehmut einen Kontrapunkt zu setzen, eignet sich vielleicht kaum ein Stück besser als Rimskys lebensstrotzendes "Capriccio espagnol".Mehta leugnet mit keinem Takt, daß Rimsky im Brotberuf für die russischen Marinekapellen verantwortlich war, schon die Eingangssektion verströmt den Übermut einer spanischen Fiesta, schmeißt sich mit fast ordinär grellen Bläsern ohne Scheu mitten ins Leben hinein.Da fehlt nur noch die Sangria.JÖRG KÖNIGSDORF

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