Zeitung Heute : "Alles über den neuen Kanzler"

THOMAS WIEGOLD (AP)

Wer nach Gerhard Schröders Leibgericht sucht, findet es - wo sonst? - im Internet.Allerdings werden die Vorlieben des SPD-Kanzlerkandidaten für Nudeln und Currywurst nicht auf der offiziellen SPD-Wahlkampfseite mitgeteilt, sondern auf der "nicht autorisierten Schröder-Homepage".Die hat mit der SPD wenig, mit der Person Schröder dafür um so mehr zu tun: "Alles über den neuen Kanzler", werben die Macher, die nicht zur Wahlkampfzentrale der Partei gehören, auf ihrer in dezentem Blau gehaltenen Homepage.

Ähnlich wie beim designierten Wirtschaftsminister Jost Stollmann geht es den Machern von " schroeder98.de " nicht um den klassischen Wahlkampf, um grundsätzliche politische Aussagen oder gar Wahlprogramme."Meldungen ohne Bezug zu Schröder finden nicht statt", sagt Oliver Zeissberger, der gemeinsam mit zwei Gleichgesinnten einer Kölner Multimedia-Agentur die Homepage aufgebaut hat.Folgerichtig gibt es von dieser Website aus auch keinen direkten Zugang zum Internet-Angebot der SPD - aber zur Seite von Stollmann.

Der "Personality-Server", der alles auf den Spitzenkandidaten zuschneidet und wichtige Aussagen aus Interviews oder Internet-Konferenzschaltungen und nicht etwa aus Wahlprogrammen nimmt, ist den Planern in der Bonner SPD-Wahlkampfzentrale "sympathisch".Die Partei stellt auch schon mal Material wie Interviewabschriften zur Verfügung.Doch sonst arbeiten die drei Kölner Macher "auf eigene Rechnung", betont Stefan Lennardt aus dem Wahlkampfstab.Die Idee kam Zeissberger und seinen Freunden nach dem Sieg Schröders bei der Niedersachsen-Wahl: "Das wird der neue Kanzler." Die Schröder-Homepage, die ständig aktualisiert werden soll, verlangt von ihnen vor allem Zeit: pro Tag sind eineinhalb Leute mit der Arbeit an dem Angebot beschäftigt.Finanzielle Ressourcen haben sie dafür allerdings nicht.Nur ein Kölner Internet-Provider stellt als Sponsor Platz auf dem Web-Server und bei Bedarf auch einen Techniker zur Verfügung.

Trotz der Personality-Show im Internet wollen die Initiatoren ihr Angebot aber nicht als unpolitischen Personenkult verstanden wissen."Es geht um einen neuen Stil von Politik", sagt Zeissberger.Zu finden sei dieser neue Stil bei Schröder wie bei Stollmann - und für seine Arbeit geradezu lebenswichtig: Ohne neue Umsetzungspolitik gebe es "für unsere Branche wenig Chancen".

Die Idee, einem Politiker seine persönliche Internet-Homepage zu widmen, steckt zwar noch in den Kinderschuhen.Bei der Union gibt es ähnliches bislang noch nicht, auch wenn sich SPD-Wahlkampfmitarbeiter Lennardt auch für die eigene Partei wundert, "wie lange es gedauert hat, bis jemand auf die Idee gekommen ist".In den Startlöchern scheinen aber mehrere zu stehen: Vorsichtshalber hat sich jemand den Namen "gerhard-schroeder.de" für eine Homepage gesichert, die noch im Aufbau ist.

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