Zeitung Heute : Alltags-Europäer

Dank der kleinen Nachbarn Deutschlands

Jean-Claude Juncker

Preisträger war Helmut Kohl schon oft. Ihm fliegen Ehrungen aller Art regelrecht zu. Dass das so ist, ist kein Zufall.

Seit die konjunkturbedingten Aufgeregtheiten der vergangenen Jahre sich gelegt und die Zensoren verschiedenster Provenienz sich beruhigt haben, ist der Blick auf die historischen Leistungen dieses Mannes ungetrübter geworden.

Wer ihn würdigen soll steht angesichts der Dichte dessen, was es zu würdigen gäbe, vor einer nicht zu bewältigenden Aufgabe. So wären allein schon die Aufzählung und die Kommentierung seiner Erfolge als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz ein buchfüllendes Unterfangen. Die Abschaffung der Konfessionsschulen und die gelungene Verwaltungsreform in seinem Bundesland belegen: der junge Ministerpräsident Kohl hatte Mut und Fantasie.

Dem Menschen Helmut Kohl kommt der näher, der sich mit seiner politischen Leidensfähigkeit befasst. Kaum ein anderer Nachkriegspolitiker wurde von Publizisten und Konkurrenten so verschmäht und verunglimpft wie Helmut Kohl. Bis fast in die Mitte seiner Kanzlerschaft wurden ihm – bis hinein in die Reihen seiner eigenen Partei – Unfähigkeitsatteste für das wichtigste Amt im Staate ausgestellt. Er reagierte darauf manchmal bitterböse und auch nachtragend, meistens jedoch mit der distanten Ironie dessen, der sich mit sich selbst im Reinen weiß.

Von der Lebenseinstellung her fest im christlichen Glauben verankert, vom Elternhaus mit soliden Grundeinstellungen eingedeckt, durch Kriegserfahrung an der Flak und Nachkriegsbescheidenheit in Ludwigshafen gestärkt, trat er seinen vorlauten Kritikern selbstbewusst entgegen. Es war als würde er ihnen den Lichtenberg-Satz an den Kopf werfen: „Auf euren Kleinkram lach ich aus heiterer Höh“. Heiter ist er, aber auch – obwohl er es nur selten zeigt – auf seine Art empfindsam und verletzlich. Doch heitere Menschen, jene die das Leben lieben, haben einen längeren Atem als die Miesmacher, die ihnen die Lebensfreude abspenstig machen möchten.

Einen langen Atem hat Helmut Kohl gebraucht. Er hat ihn auch gehabt.

Die deutsche Wiedervereinigung war zu Beginn seiner Kanzlerschaft zwar nicht als absehbare Dominante derselben zu erkennen. Aber er hat das Thema, als es sich stellte, nicht üben müssen. Er hatte sich mit dem Thema umfassend beschäftigt bevor die Geschichte es auf die Tagesordnung zwang. Nur wer sich mit einem Thema lange auseinander gesetzt hat, vermag es, seinen langen Atem richtig einzuteilen, wenn es in Etappen bewältigt werden muss. Die Behauptung mag verwegen klingen, sie sei dennoch gewagt: Wenn Helmut Kohl die Chance zur Wiedervereinigung Ende 1989 nicht so beherzt ergriffen hätte, sie wäre nie gekommen oder wenn doch, dann zu einem viel höheren Preis für alle. Es mag ja sein, dass die Wiedervereinigung nicht frei von handwerklichen Fehlern war – wer hätte keine gemacht –, aber die Grundarchitektur der Zusammenführung der Deutschen in einer Nation war stimmig. Sie hat Deutschland etwas gegeben, das den Deutschen unerreichbar schien. Und sie hat Europa etwas geschenkt, das Europa dringend brauchte: Stabilität in seiner Mitte.

Dass Europa und seine Einigung zu einem beherrschenden Dreh- und Angelpunkt seiner Jahre im Kanzleramt würden, das war zu Beginn der Kanzlerschaft von Helmut Kohl durchaus absehbar. Helmut Kohl ist Europäer aus einem Guss, Europäer vom Verstand, Europäer mit dem Herzen, nicht Sonntags-Europäer, sondern Alltags-Europäer. So wird er in Erinnerung bleiben und so wird er in die europäische Geschichte eingehen: als ein Europäer, der die Einigung des Kontinents irreversibel machen wollte und der sie unumkehrbar gemacht hat.

Er hat für die Einführung des Euro manches innenpolitische Risiko auf sich genommen, vielfältige Anfeindungen aus Politik und Wissenschaft erfahren, ist vielen Zweiflern begegnet, die aus der Inflationsangst der Deutschen den Argumentationsstoff gegen die Währungsunion machten. Auch hier hatte er den längeren Atem.

Der Historiker Kohl hat die Währungsunion als Friedenspolitik mit anderen Mitteln begriffen. Ohne Kohl wäre die Erweiterung nach Ost- und Mitteleuropa in ihrer Anfangseuphorie stecken geblieben: Er hat ihr Beine gemacht, weil er in Budapest und Prag soviel Europa stecken sah wie in München und Paris. Ohne Kohl wäre Europa für die kleinen und mittleren Mitgliedsländer frostiger gewesen: Er hat es verstanden, Niederländern, Österreichern und Luxemburgern sich auf gleicher Augenhöhe mit Deutschland fühlen zu lassen.

Letztendlich haben die kleinen Nachbarn es ihm mit einer breiten Zustimmung zur deutschen Wiedervereinigung gedankt. Er hatte ihr Vertrauen dadurch erworben, dass er aus den Deutschen die besten Nachbarn gemacht hat, die sie je hatten.

Helmut Kohl ist des Preises, den er am Sonntag erhält, mehr als würdig. Weil er als deutscher Bundeskanzler europäisch genug war, um nicht nur gedankenverloren auf seinen deutschen Nabel zu blicken. Weil er als europäischer Staatsmann deutsch genug war, um die vitalen Interessen seines Landes einfühlsam aber stets bestimmt zu vertreten. Er hat beiden gut getan: Deutschland und Europa.

Der Autor ist Premierminister des Großherzogtums Luxemburg

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