Zeitung Heute : Allzu späte Zerknirschung

Erst geleugnet, dann gestanden und am Ende zurückgetreten. Wie Stanislaw Wielgus als Warschauer Erzbischof das Land spaltete

Paul Flückiger[Rom],Warschau[Rom],Paul Kreiner[Rom]

„Wielgus – Schande!“, steht auf dem Transparent, das zwei ältere Männer vor dem Warschauer Königsschloss hochhalten. „Haut ab, ihr Verräter!“, schreien ein paar Rentner die beiden Demonstranten an. Wenige Meter von hier, in der Kathedrale Johannes des Täufers, soll Stanislaw Wielgus als Nachfolger von Kardinal Jozef Glemp feierlich als Warschauer Erzbischof eingesetzt werden. Ein Ereignis, das Polens Gläubige tief gespalten hat. Denn Stanislaw Wielgus hat über 20 Jahre lang im In- und Ausland für den polnischen Sicherheitsdienst gearbeitet.

Gleich mehrere Fernsehstationen haben auf dem Platz ihre Übertragungswagen aufgestellt. Auf eine geplante Freiluftübertragung hatte das Episkopat erst am Samstagabend ohne Angabe von Gründen verzichtet. Menschenmengen vor der Kathedrale ließen sich allerdings dennoch nicht verhindern. An ein Durchkommen in der Johannesgasse war nicht zu denken, Demonstranten und eifrig singende Gläubige hatten sich bei strömendem Regen zu beiden Seiten der Kathedrale bis auf den Schloss- sowie den Altstadtmarkt gestaut. Presseleute und Fotografen wurden immer wieder angepöbelt. Erst die Medien hatten die Vergangenheit von Wielgus ans Tageslicht gebracht.

Und dann die Überraschung. Wenige Minuten, ehe der feierliche Antrittsgottesdienst beginnen sollte, sind aus den Lautsprechern über dem Portal der Kathedrale leise Worte zu vernehmen: Stanislaw Wielgus verliest seine Rücktrittserklärung. Ein Aufschrei geht durch die Menge. „Nein! Nein!“, skandiert ein Chor, „Bleib bei uns! Bleib bei uns!“ Anderswo brandet Beifall auf.

Weiter hinten schreien ein paar Gläubige „Grey! Grey!“ – Stanislaw Wielgus’ Kodename als Informeller Geheimdienstmitarbeiter. „Nach der Ermordung des Solidarnosc-Priesters Popieluszko durch den Geheimdienst haben sich die meisten Spitzelpriester zurückgezogen, Wielgus aber arbeitete als Agent munter weiter“, sagt Maria Temekin, eine gläubige Katholikin. Für Wielgus habe doch nur seine Karriere gezählt.

Besonders empört hatte viele, dass Wielgus seine Spitzeltätigkeit so lange leugnete und am Ende noch meinte, ein Geständnis „mit zerknirschtem Geist und unter schwerer Belastung des Gewissens“ könnte ihn retten. Nach langem Hin und Her gab er zu, er habe „Kontakte mit den damaligen Sicherheitsbehörden“ unterhalten, um einen Reisepass für einen Studienaufenthalt in Deutschland zu erlangen. Er habe mit diesen „Verstrickungen“ und mit seinem „Leugnen“ der Kirche „Unrecht getan“: „Ich stelle aber heute mit voller Überzeugung fest, dass ich niemanden denunziert habe und bemüht war, niemandem Unrecht zu tun.“

Wielgus sitzt inzwischen mit versteinertem Gesicht in der Kathedrale. Der polnische Primas Glemp, der laut dem Willen des Vatikan die Amtsgeschäfte bis zu einer Neuberufung weiterführen soll, setzt in seiner Predigt gerade zu einer Verteidigung Wielgus’ an. Da treffen vor der Kathedrale mit Schirmen bewaffnete Alte ein. Die ultra-katholische Vereinigung „Radio Maryja-Familien“ hat Hunderte von Gläubigen mit Autobussen in die Hauptstadt gekarrt; doch die Busfahrer konnten die Kathedrale offenbar nicht rechtzeitig finden. „Der arme Wielgus konnte den Druck psychisch nicht verkraften“, ruft eine Frau mit einer Radio-Maryja-Flagge. „Sie haben einen Polen gehenkt!“, ereifert sich einer der Neuankömmlinge. Unter dem Schlossplatz zieht die Polizei derweil neue Ordnungskräfte zusammen.

Der zweite Ort dieses schweren kirchenpolitischen Unfalls ist Rom. Als Benedikt XVI. am Sonntagmittag, hoch über den Gläubigen auf dem Petersplatz, den „Angelus“ betet, sagt er allerdings kein Wort dazu. Er erwähnt ihn nicht einmal im Gruß an die polnischen Pilger.

Die Affäre Wielgus hatte über die Weihnachts- und Neujahrstage hinweg dem Vatikan keine Ruhe gelassen. Eine Erklärung, mit der Rom den Fall rechtzeitig zum Fest abschließen wollte, war ergebnislos verpufft. Am 21. Dezember hatte der Vatikan bekannt gegeben: „Der Heilige Stuhl hat bei der Ernennung Wielgus’ zum Erzbischof von Warschau alle Umstände seines Lebens in Betracht gezogen, auch solche, die seine Vergangenheit betreffen. Das heißt, dass der Heilige Vater volles Vertrauen zu Wielgus hegt und ihm in vollem Bewusstsein diese Mission anvertraut hat.“

Trotzdem ging die Diskussion weiter. In der polnischen Gemeinde im Vatikan, die seit dem Tod Johannes Pauls II. und dem Auszug seiner grauen Eminenz, Stanislaw Dziwisz, verwaist, stark verkleinert und führungslos dasteht, gab es offenbar recht verschiedene Meinungen. Eine Autorität, die den „Fall Polen“ aus vertiefter Landeskenntnis hätte entscheiden können, war nicht mehr vorhanden.

Jedenfalls kursiert im Vatikan die Meinung, Johannes Paul II. hätte einen wie Stanislaw Wielgus von Anfang an nicht ernannt – und das gibt durchaus eine Unzufriedenheit mit dem politischen Management von Benedikt XVI. wieder. War Benedikt falsch oder einseitig informiert? Hat die Bischofskongregation zu wenig Vorsicht bei der Personalauswahl walten lassen? Hat man Wielgus’ Erklärungen in eigener Sache allzu naiv und ohne Nachprüfungen geglaubt? Oder wollte man, im eigenen Rechthaben wieder einmal bestärkt durch den Widerstand „der Welt“, unbedingt einen bestimmten Kandidaten durchsetzen? Oder passierte dieser Unfall im Staatssekretariat, der obersten „politischen“ Behörde des Vatikan, wo Benedikt XVI. den gelernten Diplomaten Angelo Sodano durch den jovialen Hardliner-Theologen Tarcisio Bertone ersetzt hat? Es hat in den vergangenen Monaten immer wieder Abstimmungsprobleme mit diesem Staatssekretariat gegeben; der Apparat läuft offenbar nicht rund.

Am Sonntagmorgen dann wurde gemeldet, es habe in der Nacht zuvor noch lange Verhandlungen zwischen dem Vatikan und Polen gegeben, offenbar auch mit der polnischen Regierung. Da der Papst einen Bischof, dem er noch vor zweieinhalb Wochen sein „volles Vertrauen“ ausgesprochen hat, schlecht absetzen kann, hat man Wielgus wohl von Rom aus wie in Warschau „nachdrücklich“ gebeten, den Weg frei zu machen für die friedliche Lösung einer Affäre, an deren glücklosem Verlauf der Vatikan nicht ganz unschuldig ist.

Wielgus ist keineswegs der erste hochrangige polnische Geistliche, dem eine Zusammenarbeit mit dem polnischen Sicherheitsdienst SB vorgeworfen wird. Immer wieder tauchten Namen von Priestern auf, die Polens kommunistische Geheimpolizei mit Informationen versorgt habven. Selbst in der direkten Umgebung von Papst Johannes Paul II. hatte die polnische Staatssicherheit einen Spitzel platziert. Diese Enthüllungen waren für ein Land, in dem die Religion und die katholische Kirche noch immer eine zentrale Rolle spielen, besonders schmerzhaft.

Als der frühere Kaplan der Gewerkschaft Solidarnosc, Tadeusz Isakowicz-Zaleski, Einsicht in seine SB-Akte nahm, musste er feststellen, dass er auch von Kirchenmännern bespitzelt worden war. Seitdem setzt er sich dafür ein, dass die Kirche die dunkle Seite ihrer Vergangenheit aufarbeitet. Doch damit stieß er auf Widerstand: Die Kurie untersagte ihm eigene Nachforschungen. Erst nach massivem öffentlichen Druck hat sich Polens katholische Kirche der Aufarbeitung ihrer jüngsten Vergangenheit gestellt.

Im März vergangenen Jahres baten die polnischen Bischöfe all jene um Vergebung, die durch die Geheimdienstmitarbeit von Geistlichen Leid und Unrecht erlitten haben. Die Bischöfe erinnerten aber auch daran, dass alle Priester damals vom Staat unter Druck gesetzt wurden. Benedikt XVI. war bei seinem Besuch in Polen im vergangenen Mai indirekt auf die Verstrickung von Geistlichen in die Arbeit des Geheimdienstes eingegangen und forderte einen behutsamen Umgang mit der Vergangenheit: „Wir müssen uns gegen den arroganten Anspruch wappnen, über frühere Generationen zu richten, die in anderen Zeiten und unter anderen Umständen lebten.“ Die Kirche sei zwar heilig, in ihr gebe es aber sündige Menschen.

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