Zeitung Heute : Almanya in Alanya

Parallelgesellschaft oder Multikulti – diese Schlagwörter kennt man aus Deutschland. Doch mittlerweile leben auch tausende Deutsche an der türkischen Riviera. Integration mal andersrum: ein Besuch in Alanya.

Katja Michel

Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert.“ Pedro und Heidi singen aus vollem Hals. Lichtorgeln leuchten auf, rotgelbgrünrotgelbgrün, unter glitzernden Diskokugeln schieben weißhaarige Herren blondgefärbte Damen über die Tanzfläche. „Josef, noch ein Bier“, ruft einer im Werder-Bremen- T-Shirt. Josef ist der Kellner und heißt eigentlich Yusuf. Aber das sagt er nur denen, die nachfragen. Josef ist einfacher für die deutschen Gäste. Und um die geht es hier ja schließlich, im Bistro Schaka, gleich hinter der Strandpromenade.

In Alanya geht es überhaupt ziemlich viel um die Deutschen. Die ersten kamen schon in den 50er Jahren, als Alanya noch ein kleines Nest war, irgendwo an der türkischen Riviera, umgeben von Orangenhainen und Bananenplantagen. Auf der einen Seite liegt damals wie heute tiefblau das Mittelmeer, auf der anderen thront eine Festung aus der Zeit der Seldschuken, vor den dunklen Gipfeln des Taurusgebirges. Aber zwischen Meer und Bergen gibt es in Alanya mittlerweile einen Aquapark, Souvenirshops mit gefälschten Marken-Shirts, Hotelbauten aus Beton und Touristenrestaurants mit mehrsprachigen Speisekarten.

Heute hat Alanya fast 400 000 Ein wohner und ist einer der bekanntesten Urlaubsorte der Türkei. Mehr als 6000 Deutsche leben dauerhaft hier, die meisten von ihnen im Rentenalter. Ferien für immer, an einem Ort, wo die Sonne scheint, Rheuma, Gicht und Depressionen dafür weniger quälen. Wo Brot und Tomaten weniger kosten, genauso wie T-Shirts, einen dicken Wintermantel braucht hier sowieso niemand. Deutsche Bäcker verkaufen in Alanya Heidebrötchen und Laugenbrezeln. Es gibt die „Prima Türkei Zeitung“ und ein paar andere deutschsprachige Blätter, einen Friedhof für Nichtmuslime und sonntags um halb zwölf einen christlichen Gottesdienst.

Parallelgesellschaft, fehlende Integrationsbereitschaft, mangelnde Sprachkenntnisse, was bringt der Einbürgerungstest, ist Multikulti eine Illusion? Die Schlagwörter kennt man aus Deutschland. Aber funktioniert das Zusammenleben auf der anderen Seite? Wie leben Deutsche, die in die Türkei auswandern? Und hat sich Alanya verändert, seit sie gekommen sind?

Kamil Polat, Chef vom Bistro Schaka, kennt die Wünsche seiner zu „100 Prozent deutschen“ Gäste genau: „Billig muss es sein.“ Und Sauberkeit, die sei auch ganz wichtig. Pedro und Heidi heizen jetzt mit türkischen Klängen ein. Wenn es auf dem Parkett doch einmal leer wird, tanzen die Kellner mit Mittfünfzigerinnen in Lackstiefeln im Kreis und klatschen in die Hände. Freundlich seien die Deutschen, sagt Kamil Polat, und immer korrekt. Dass sie kein Türkisch können? Da geben alle die gleiche Antwort, vom Schaka-Wirt Polat über den Taxifahrer bis zum Zeitungsverkäufer. „Müssen sie auch nicht, wir können ja Deutsch.“ Wer Geld in die Stadt bringt, muss sich nicht mit Vokabelnpauken rumschlagen.

„Respekt, ihr lernt Deutsch, und wir sind zu faul“, ruft von der anderen Tischseite Monika Jahrstorfer, 59. Monika Jahrstorfer hat lange, weißblonde Haare und sehr braune Haut, mit ihrem Mann Ferdinand ist sie jeden Samstagabend im Schaka. Seit sechs Jahren leben die Münchner in Alanya. Vorher hat er bei der Telekom gearbeitet, sie war Hausfrau, hat den gemeinsamen Sohn großgezogen. Die „Herzlichkeit der Menschen“ und der „lockere Lebensstil“ hätten ihnen in der Türkei von Anfang an gefallen. „Problem yok, kein Problem“, sagt Ferdinand Jahrstorfer, mit grauem Bürstenschnitt und Glitzerohrstecker, und grinst. In Alanya störe sie nur, dass es oft zwei Speisekarten gebe, mit unterschiedlichen Preisen. „Da leuchten bei manchem schon die Dollarzeichen in den Augen“, sagt Monika Jahrstorfer und nimmt einen großen Schluck von ihrem Bier.

Die Jahrstorfers haben in Alanya eine Eigentumswohnung gekauft und in München ihr Apartment zur Miete behalten. Denn wenn einer von ihnen mal schwer krank wird, sagt Monika Jahrstorfer, dann möchten sie schon lieber nach Deutschland zurück.

Die Sprachkenntnisse der Jahrstorfers reichen nicht für viel mehr als den Einkauf im Lädchen um die Ecke. Haben sie jetzt mehr Verständnis, wenn Türken in Deutschland kein Deutsch sprechen? Es stimme schon, sagt Ferdinand Jahrstorfer, er selbst könne die Landessprache nicht fließend sprechen. Aber nach dem Weg fragen, mit dem Handwerker reden, sich auf den Ämtern verständlich machen, manchmal mit Händen und Füßen, das gehe schon. „Manche Türken in Deutschland sind seit zehn Jahren da und können kein einziges Wort.“ Das sei doch nun wirklich was anderes. „Die kapseln sich ab, die wollen sich nicht integrieren.“ Die Menschen hier in der Türkei seien dagegen offen und freundlich. Ferdinand Jahrstorfer ist keiner, der ein Blatt vor den Mund nimmt. „In jeder deutschen Stadt stehen die Dönerspieße auf der Straße, aber nicht in Alanya. Alles wegen der Hygiene, so ein Blödsinn!“ Da gehe doch das orientalische Flair ver loren und deswegen seien sie ja ge kommen.

Auch Apfelsinen- und Tomatenkisten sind von den Straßen Alanyas verschwunden. Waren hinauszustellen, ist seit einiger Zeit verboten. Der Basar liegt im alten Ortskern, bis zum Hafen sind es nur ein paar Schritte. Die Atatürk-Straße, in der sich Fastfood-Restaurants, Cafés mit süßem Gebäck und Modegeschäfte aneinanderreihen, zerschneidet ihn in zwei Hälften, rechts und links ein Gewirr aus kleinen Straßen. Man kann sich gut vorstellen, dass es hier mal lebhaft zuging. Aber jetzt sieht es aus, als hätte jemand zu gut aufgeräumt und das Markttreiben gleich mit weggeputzt. In den Läden und an den Hauswänden der Geschäfte hängen Bauchtanzkostüme mit glitzernden Pailetten, Plastikhandtaschen, Bade tücher von Arsenal London und Borussia Dortmund. „Hello Lady. Deutsch? Alles klar?“ Touristen auf der Straße vor den Läden anzusprechen, ist eigentlich auch verboten.

Seitdem Hasan Sipahioglu 1999 zum Bürgermeister gewählt wurde, hat sich in der Stadt einiges getan. Sipahioglu gilt als ausländerfreundlich. Dass etwas vom alten Geist Alanyas verloren gegangen ist, beklagen viele. Dafür ist Alanya moderner geworden. Die rumpeligen, schmalen Bürgersteige sind neu gemacht, ebenso die Kanalisation. Es gibt jetzt sogar Mülltonnen. In anderen türkischen Städten landet der Unrat zum großen Teil einfach auf der Straße, wird dann von Müllsammlern und der Müll abfuhr weggebracht.

Unter Sipahioglu ist außerdem der Ausländerbeirat gegründet worden. Rund 10 000 Menschen aus anderen Nationen leben in der Stadt, Deutsche, Skandinavier, Russen, Engländer. Sie haben ein „Ikamet“, eine Aufenthaltsgenehmigung für bis zu fünf Jahre, die die türkische Polizei problemlos erteilt und verlängert. Der Ausländerbeirat sammelt ihre Anliegen und gibt sie dann an die Gemeindeverwaltung weiter. Da geht es um zu laute Diskotheken, kaputte Strandtoiletten, das Stempeln von Auslandskrankenscheinen. Vorsitzender des Beirates ist Abdullah Karaoglu. „Neu-Alanyaner und Einheimische passen gut zusammen“, erzählt er am Telefon auf Deutsch. Dass die strenggläubigen Muslime Alanyas das vermutlich anders sehen, wenn sich im Sommer barbusige Europäerinnen an den Stränden aalen, erwähnt er nicht. „Die Neu-Alanyaner sind glücklich hier“, sagt Karaoglu. Und das sei ja nun wirklich kein Wunder. „Im Winter kann man in Alanya schwimmen gehen. Das ist wie im Paradies.“

Mitten in diesem Paradies liegt Willis Kneipe, mit Blick auf den sanft geschwungenen Kleopatra-Strand. Der Legende nach hat der römische Feldherr Marcus Antonius Alanya seiner Frau Kleopatra zum Geschenk gemacht. Es heißt, die ägyptische Königin habe hier häufig ein Bad genommen. Auf Willis Speisekarte stehen Gulasch, Schnitzel und Buletten, serviert wird auf der Holztheke, überm Zapfhahn hängen Fußballwimpel.

Rainer Wutzkowsky findet, die ganze Integrationsfrage sei falsch gestellt. Nachsicht mit Menschen zu haben, gehört zu seinem Beruf. Wutzkowsky, 62, ist Pfarrer, seit diesem Sommer arbeitet er in Alanyas christlicher Gemeinde. Jetzt sitzt er in einem Straßencafé und trinkt Tee. „Warum sollen sich denn die alten Deutschen überhaupt integrieren? Wer gibt das vor?“ Wutzkowsky hat graue Haare, eine Halbglatze und ein warmes Lächeln. Die Geschichten über Deutsche in Alanya, sagt er, die kein Wort Türkisch könnten und sich überhaupt nicht für Land und Leute interessierten, seien übertrieben.

Die Leute reden gerne hier, am liebsten übereinander. Eine dieser Geschichten handelt vom „König von Alanya“. Manche sagen, er heiße Rudi, andere nennen ihn Eberhard. Dieser König jedenfalls sitze den ganzen Tag am Strand, trinke Bier, habe eine große Klappe und behaupte, dass in Deutschland sowieso alles besser sei. Der König hat einen Stammplatz, sagen sie, vor dem Panoramahotel am Oststrand. Liegestühle stehen im feinen Sand, in einem liegt eine deutsche Rent nerin im Bikini und strickt. Die Sonne scheint vom Winterhimmel, spiegelt sich auf dem Meer, ein paar graue Haarschöpfe blitzen zwischen den seichten Wellen auf. Aber der König von Alanya? Ist in diesen warmen Wintertagen hier nicht anzutreffen. Vielleicht ist er doch nur ein Phantom, ein Klischee, finsterer als die Wahrheit?

Wenn der König von Alanya in dieser Geschichte der Böse ist, dann ist Peter Hockenholz, 71, der Gute. Leibhaftig läuft er in der Nachmittagssonne durch sein Viertel, in weißem Shirt und schwarzer, langer Hose, es ist Sonntag, und er war ausnahmsweise im Gottesdienst. „Das ist eine Nachbarin“, sagt er leise. Die Frau geht grußlos vorüber. Auch Hockenholz sagt nichts. „Ich muss warten, ob sie zuerst grüßt, sonst beleidige ich ihre Ehre.“

Es ist still hier oben, das „Hello, Lady“- Alanya ist plötzlich weit weg. In der Ferne ruft der Muezzin zum Gebet. Hockenholz und seine Frau Luise, die gerade zu Besuch in Deutschland ist, leben in den Bergen von Kestel, einer Nachbargemeinde Alanyas. In ihrem Haus wohnen andere Ausländer, die Nachbarn ringsum sind Türken. Die gewundene Straße zu Hockenholz’ Haus hat keinen Bürgersteig, sie führt vorbei an schlichten Bauten, sonnengelb, rot oder weiß gestrichen, schmucklos quadratisch und aus Beton. Die meisten Frauen hier tragen lange Röcke und Kopftücher, die Männer Schnauzbärte.

Peter Hockenholz hat in Deutschland als Versicherungsmakler gearbeitet, jetzt gibt er türkischen Studenten Nachhilfe in Deutsch, vermittelt sie als Praktikanten nach Deutschland und redigiert den deutschsprachigen Teil der Website von Alanya, alles ehrenamtlich. Nur mit dem Türkisch hat es auch bei ihm nicht geklappt. Seine Frau spricht fließend, Peter Hockenholz nur ein paar Brocken. Er hat Unterricht in der Sprachschule genommen, sogar auf die Schulbank zu den Erstklässlern hat er sich zwei Wochen gesetzt, „um ein Gefühl für die Sprache zu kriegen“. Seitdem hat er zwar viele kleine Freunde, kann aber trotzdem kein Türkisch.

Ehepaar Hockenholz zahlt schon lange keine Touristenpreise mehr, sie werden von ihren Nachbarn zu Hochzeiten und Beschneidungsfeiern eingeladen. Der Bürgermeister von Kestel hat Peter Hockenholz versprochen, dass er einmal auf dem Friedhof der Stadt beerdigt werden kann, eine Ehre für Nichtmuslime. Das sei ihm sehr wichtig, sagt Hockenholz, denn er lebe gern hier. „Dennoch bleiben wir yabanci, Fremde, auch meine Frau und ich“, sagt Hockenholz. „Wir haben eine andere Kultur. Wir leben miteinander, ohne dass wir uns assimilieren möchten.“

Die Grenzen der Integration verkörpert in Alanya vielleicht niemand so gut wie Ahmet Algül. Er ist in der Türkei geboren, aufgewachsen im Odenwald. Jetzt sitzt er 3000 Kilometer von den grünen Odenwälder Bergen entfernt auf dem Sofa in seiner Erdgeschosswohnung in Alanya und spielt mit einer Gebetskette. Algül, 46, hat dunkle, glatt zurückgekämmte Haare, braune Augen und feine Gesichtszüge. Draußen scheint die Sonne, drinnen ist es ziemlich dunkel, im Hintergrund läuft das Samstagnachmittagsprogramm von RTL.

Vor ihm auf dem Couchtisch liegt der „Alanya-Bote“ neben einer Tasse türkischem Kaffee. „Die erste deutschsprachige Zeitung der Stadt“ sagt Algül. Er gibt das Blättchen seit zehn Jahren heraus, alle zwei Wochen vermeldet es Nachrichten und Boulevardeskes aus der Gegend auf Deutsch und Türkisch. „Tosmur, vom Dorf zur Gemeinde“ steht auf dem Titel. Der Artikel daneben erzählt von einem Bürgermeister, der den Männern seines Dorfes vermeintlich potenzsteigernde Mesir-Paste gegeben haben soll, auf dass sie mehr Einwohner produzierten.

Über 30 ist Algül, als er zum ersten Mal wieder in sein Geburtsland fährt, auch nach Alanya reist er. Er bleibt, weil hier schon im Februar Sommer ist. Und weil ihm die Stadt vertraut erscheint: Die Leute auf der Straße trinken Bier und lesen „Bild“. Das gefällt ihm. Auch dass „die Deutschen uns in Alanya wichtig sind“.

Mit „uns“ meint er in dem Fall die Türken, obwohl er sagt: „Ich bin Deutscher. Ich denke deutsch. Ich fühle deutsch.“ Algül hat einen türkischen Pass, seit zehn Jahren lebt er jetzt in Alanya. Hier ist er trotzdem für alle der „Alman Ahmet“, der deutsche Ahmet. Oder der „gâvur“. „Mit Vogel-V“, erklärt er, „das heißt Ungläubiger“. Nach Deutschland will er nicht zurück. Ahmet Algül, Deutscher, Türke, beides auf einmal oder nichts von beidem, hat in Alanya seine Heimat gefunden. So wie die deutschen Rentner.

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