Zeitung Heute : Alpenurlaub: "Zunahme der Zufriedenheit"

Paul Kreiner

Dass ein Aufenthalt in den Bergen irgendwie gesund sei, wird schon lange behauptet. Was eine gewisse Höhenlage aber tatsächlich im menschlichen Körper anrichtet, das haben österreichische Mediziner erst jetzt umfassend erforscht.

Die Sache ist heikel, das weiß man bei der Österreichischen Gesellschaft für Alpin- und Höhenmedizin. Ermöglicht, gesponsert und verbreitet wird die Studie nämlich von diversen Einrichtungen des österreichischen Tourismus; da gerät man schon leicht in den Ruch von Gefälligkeitsgutachten. Deshalb sagen die Mediziner ausdrücklich, dass es sich bei der "Amas 2000" um eine "rein akademische, nicht um eine Auftragsstudie" handele und dass das Forschungsteam "selbstverständlich ohne Honorar" arbeite, um sich "absolute Freiheit zu bewahren." Sie erklären: "Die Autoren verwehren sich vehement dagegen, das Argument Gesundheit ohne entsprechende Forschungsergebnisse werbemäßig zu verwenden."

Dabei wird es "werbemäßig" gar nicht so einfach sein, manche Forschungsergebnisse zu verwerten. Denn wer sich beispielsweise von einem bloßen, mehrwöchigen Aufenthalt in mittleren Höhenlagen eine Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit oder des Blutbildes erhofft, der wird enttäuscht. Das gilt dann auch für Österreichs Tourismuswirtschaft, die den immer hastigeren Feriengast - die durchschnittliche Zahl seiner Übernachtungen sank in den letzten zwanzig Jahren von 6,7 auf 4,5 - zu längerem Bleiben veranlassen will.

Andererseits sind die psychologischen Effekte eines Alpenurlaubs laut Studie durchaus beachtlich; an ihnen hat auch die Werbung wieder ihre Freude. Da ist die Rede von einer "kontinuierlichen, lang anhaltenden Abnahme negativer Befindlichkeit sowie einer Zunahme der Zufriedenheit". Die Testpersonen hätten von Tag zu Tag merklich besser geschlafen, und: "Die subjektiven körperlichen Beschwerden waren anhaltend rückläufig." Und das ist ja auch schon was, denn: "Zivilisationskrankheiten entstehen aus vielerlei Ursachen; deshalb ist in der Praxis ein weiter gefasster Therapieansatz wünschenswert." Erste kleine Einschränkung: Die kognitive Leistungsfähigkeit erhöht sich am Berg nicht. Zweite Einschränkung: Die genannten positiven Effekte zeigen sich erst vom zehnten Urlaubstag an - wobei die Österreich-Werbung das ganz und gar nicht als Einschränkung betrachtet.

Die Studie ist insofern gutbürgerlich, als die 22 für sie ausgewählten Flachlandtiroler von den üblichen Zivilisationskrankheiten (Übergewicht, Bluthochdruck, hohe Blutzuckerwerte, Fett-Stoffwechselstörungen) befallen waren und nach Einschätzung der Mediziner also "ein Spiegelbild unserer Gesellschaft darstellen". Außerdem wurden die Männer im Alter zwischen 35 und 65 Jahren drei Wochen lang in eine Zone geschickt, in der fast alle der jährlich zehn Millionen Alpentouristen in Österreich ihren Urlaub verbringen: zwischen 1500 und 2500 Meter Seehöhe. Dort vergnügten sie sich mit leichten Wanderungen und ohne irgendeine spezielle Diät.

Das Neue an der "Amas 2000" (Austrian Altitude Moderate Study) ist, dass nicht sportlich aktive Bergsteiger unter Extrembedingungen medizinisch untersucht wurden, sondern der Durchschnittsurlauber in Durchschnittshöhen. Während der drei Wochen am Arlberg verloren die Testpersonen jeweils etwa zwei Prozent des Körpergewichts, in diesen Fällen um die 2,5 Kilogramm Fett. Pulsfrequenz und Blutdruck gingen "deutlich" nach unten, selbst wenn die Medikamente dafür abgesetzt wurden. Allerdings bewegten sie sich sechs Wochen nach dem Urlaub wieder ungehemmt auf ihre früheren Höhen zurück. Die Blutzuckerwerte sanken, und mit ihnen nahm, wie die Mediziner schreiben, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ab. Die körperliche Leistungsfähigkeit erhöht sich durch einen weitgehend unsportlichen Höhenaufenthalt anscheinend nicht, und auch für entscheidende Veränderungen im Blutbild braucht der Körper weitere Anreize.

Der zweite praktische Teil der Studie, ein Vergleich zwischen den Höhenlagen von 1700 und 200 Metern - in diesem Falle Salzburg und Burgenland - ist vor wenigen Tagen abgeschlossen worden; die Ergebnisse werden im nächsten Jahr vorgestellt. Martin Uitz, der Tourismusdirektor im Salzburger Land, sieht aber jetzt schon eine "neue Art des Reisens" auf die Alpen zukommen. "Gesundheit" werde zu einem Leitmotiv des Tourismus werden, vermutet er - dies insbesondere in einer älter werdenden Gesellschaft: "Gerade Leute ab 50 sind subjektiv zunehmend unzufrieden mit der eigenen gesundheitlichen Situation."

Längere Aufenthalte statt "hedonistischem, aktivistischem, konsumorientiertem" Vorbeieilen stellten aber auch neue Anforderungen an die Gastgeber, sagt Uitz: "Größere Hotelzimmer, Bettenqualität, Zugang zu moderner Informationstechnik". Und eine andere persönliche Beziehung zum Urlauber: "Gespielte Urigkeit und gut eingelernte Höflichkeit werden nicht mehr genügen."

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