Zeitung Heute : Alpträume aus Korea

ARPE CASPARY

Vier Filme des jüngst verstorbenen Regisseurs Kim Ki-YoungVON ARPE CASPARYDie Filmkritik suchte auf dem letzten koreanischen Filmfestival in Pusan nach den Vätern des zur Zeit so lebendigen koreanischen Kinos.Man fand den 1919 geborenen Kim Ki-Young, der seit Mitte der fünfziger Jahre regelmäßig Filme drehte und vor einigen Tagen tragisch verbrannte.Seine Werke sind vorwiegend Melodramen, in denen Männer im Kampf zwischen Konkubine und Ehefrau zerbrechen ("Hanyo" und "Chung nyo"), Babys Ratten anfallen ("Chung nyo") und Tabus wie Kannibalismus und Nekrophilie behandelt werden ("Ido").Männliche Sexualität erscheint als lächerliche Abhängigkeit, die von dämonisch lüsternen und machtbesessenen Frauen beherrscht wird.Zwar entschärfen die Filme solche Tabuverletzungen oberflächlich, wenn sie sich am Ende als Traum, Wahn oder Phantasie entlarven, doch bleibt ihre Bildsprache beunruhigend genug.Man muß sich erinnern, daß Korea bis 1945 unter japanischer Besetzung litt, und daß die Nachkriegsgeschichte bis in die siebziger Jahre von Krieg und autoritären Regimen geprägt war. "Chung nyo" (The insect women) zeigt einen impotenten Ehemann, dessen Frau das Geld verdient, während er sich mit einer Prostituierten zu therapieren sucht.Die Ehefrau duldet das Verhältnis vordergründig, versucht jedoch die Konkubine in den Wahnsinn zu treiben.Unter einer Oberfläche der Verteidigung familiärer Werte herrscht schlimmster Psychoterror.Die Erfahrung der Welt ist so beschädigt, daß die Zuordnung der Erlebnisse und Bilder zu den handelnden Personen kaum noch eindeutig möglich ist.Zwar überwindet der Mann seine Impotenz, indem er die ihn blockierenden Kindheitserfahrungen im Geschlechtsakt ausagiert, doch über den Mitteln der Therapie verzweifelt man an deren Zweck.Der Film läßt keinen Zweifel daran, daß die Menschen in seiner Welt einander nur noch als Mittel dienen.Auch in dem früheren Film "Hanyo" (The Housemaid) wird Liebe fast nur über Perversionen ausagiert.Ein Klavierlehrer wird zwischen Ehefrau, Schülerinnen und Hausmädchen aufgerieben.Eine der Schülerinnen ist in ihn verliebt und lebt ihre eigenen Hemmungen aus, indem sie andere Mädchen anstiftet, ihn zu verführen, während sie ihr eigenes Begehren zu Klavierstunden sublimiert.Sie vermittelt ihrem Lehrer ein Hausmädchen, das ihn verführtund die ganze Familie erpreßt.Die beiden Erlebnispole des Hausmädchens sind Rattengift und Klavierunterricht und ihr Mittel als Schülerin anerkannt zu werden: die Schwangerschaft.Für die Ehefrau schließlich bedeutet Liebe Arbeit bis zur Erschöpfung, die sich in einem neuen Haus und Fernseher zu materialisieren haben.Nur mit der behinderten Tochter zeigt der Film Mitleid.Sie bleibt menschlich, weil sie an der eigenen Beschädigungund der beschämten Beflissenheit der anderen deren Ängste zu sehen lernte.Wie in vielen B-Pictures ist auch bei Kim Ki-Young die melodramatische Handlung eine Produktionsnotwendigkeit.Klischees bewegen und motivieren die Geschichte und geniale Momente entstehen aus Improvisation und Übersteigerung.Solche Filme stellen ein Gerüst, das sich fast allzu leicht mit Interpretationen bekleiden läßt, wobei fragwürdig bleibt, ob sie diese nicht nur erlauben, sondern auch wirklich bestätigen. "Chung nyo": heute 17 Uhr (Akademie der Künste), Sonntag 18 Uhr (Arsenal); "Hanyo 82": heute 15 Uhr (Arsenal), Sonntag 20.15 Uhr (Akademie); "Hanyo": Montag 11 Uhr (Delphi); "Iodo": Dienstag 11 Uhr (Delphi)

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