Zeitung Heute : Als Anwalt im Ausland punkten

Die Jobaussichten für Juristen ohne Prädikatsexamen sind trübe. Doch international gibt es Chancen – wenn man sich spezialisiert

Johannes Honsell

Irgendwann hatte Holger K. genug. Erstes Staatsexamen, Referendariat, zweites Staatsexamen, jahrelange Prüfungsvorbereitungen, Sattelfestigkeit auch in den entlegensten Gebieten des deutschen Rechts. Doch nach der Mühle der deutschen Juristenausbildung folgte nur ein karger Lohn: Vollzeitarbeit auf einer Dreiviertelstelle in einer kleinen Kölner Wirtschaftskanzlei.

Nach drei Jahren packte Holger K. seine Koffer und zog nach Frankreich. Seit einem halben Jahr arbeitet der 34-Jährige nun als Wirtschaftsanwalt in Paris, als deutscher Rechtsexperte bei einer Kanzlei mit 20 Angestellten. Bislang hat er es nicht bereut. „Man hat nichts zu verlieren“, ermutigt K. Absolventen ohne Prädikatsexamen zum Schritt über die Landesgrenzen. „Je länger man allerdings wartet, desto schwieriger wird es zu gehen.“

Wie viele Juristen aufgrund trüber Aussichten ins Ausland wechseln, darüber gibt es keine Zahlen. Doch dass es immer mehr werden, kann Wolfgang Eichele, Geschäftsführer der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) und Experte für den internationalen Rechtsmarkt, bestätigen. Zwar haben sich die Jobaussichten für Juristen in Deutschland in letzter Zeit wieder verbessert. Doch nur für einen Teil der Absolventen. Prädikatsjuristen mit mindestens der Note „Voll befriedigend“ in beiden Examen sind in internationalen Großkanzleien oder für Top-Positionen in der Wirtschaft begehrt. Doch solche Ergebnisse konnten nach den Zahlen des Bundesjustizministeriums zuletzt nur etwa 15 Prozent der Absolventen vorweisen. Für den großen Rest bleibt die Lage schwierig.

2005 ergriffen nach Angaben des Deutschen Anwaltvereins (DAV) 85 Prozent der Absolventen den Anwaltsberuf, zwei Drittel als Einzelanwälte. „Weil sie mussten, sagt Cord Brügmann. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des DAV warnt: „Die Zahl steigt deutlicher als der Bedarf.“ Diesem Rennen entkommt, wer seine Nische im Ausland sucht. Denn da geht es auch ohne Prädikat.

Holger K. hat seinen Platz bereits gefunden. Nach dem zweiten Staatsexamen versuchte er es zunächst auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Eine gute Note im ersten Examen hatte er vorzuweisen, im zweiten bloß Durchschnitt. „Was ist denn da passiert?“, fragte ihn einmal ein Personaler. Nach einigen gescheiterten Bewerbungen musste K. seine zweite Note vorkommen wie ein Kainsmal. Schließlich bekam er einen Dreiviertelposten in einer kleinen Kölner Kanzlei – auf Dauer keine Lösung.

Als er in der Neuen Juristischen Wochenschrift die Anzeige einer Pariser Kanzlei sah, die einen deutschen Anwalt suchte, ergriff er die Chance. Die Voraussetzungen: gutes Englisch, „ein wenig Berufserfahrung und irgendein Papier, das beweist, dass man schon mal im Ausland war.“, sagt K.. So ein Papier hatte er dank eines Studienjahres in Paris, gutes Französisch und Grundkenntnisse der Rechtsterminologie dazu.

Mandanten in französischem Recht zu beraten, dazu ist K. nicht in der Lage. Aber das verlangt die Kanzlei auch gar nicht. Mit seinem Wissen über deutsches Wirtschafts-, Gesellschafts- und Arbeitsrecht soll er französischen Unternehmen den Zugang zu deutschen Märkten erleichtern.

Die wechselseitigen Abhängigkeiten im europäischen Rechtsmarkt wachsen. Und damit auch der Bedarf an Juristen, die sich in mehr als einem Rechtssystem bewegen können. Mit diesem Plus lassen sich auch mäßige Noten ausgleichen. BRAK-Experte Eichele rät dem Nachwuchs daher, sich zu spezialisieren, „zum Beispiel auf EU-, Kartell- oder Urheberrecht“. Auch internationales Wirtschaftsrecht sei eine gute Basis.

Stephen Nündel von der Jobmesse JuraCon empfiehlt den im Examen weniger Erfolgreichen, vor allem in kleineren ausländischen Kanzleien mit zehn bis 20 Anwälten zu suchen. „Da kann man mit Persönlichkeit mehr reißen“, sagt er. Denn der Traum von der Tätigkeit in einer internationalen Großkanzlei mit Büros auf der ganzen Welt ist für Absolventen mit durchschnittlichen Noten nur schwer zu verwirklichen. An den vier zentralen Kriterien LL.M. (Master of Laws) und Doktor plus zwei Prädikatsexamen lässt sich kaum vorbeikommen. Namentlich die Noten und der internationale Abschluss gelten als unabdingbar. Anlaufstellen für Infos über kleine und mittlere Arbeitgeber sind die Career-Center ausländischer Hochschulen oder die deutsch-ausländischen Juristenvereinigungen.

Rechtliche Beschränkungen für die Niederlassung als Anwalt im europäischen Ausland hat die EU weitgehend aus dem Weg geräumt. Das EU-Recht erlaubt deutschen Anwälten seit einigen Jahren das Arbeiten in allen EU-Ländern, unter dem Titel „deutscher Rechtsanwalt“. Holger K. musste sich dafür bei der heimischen Anwaltskammer von der Kanzleipflicht befreien lassen und sich in Paris in den örtlichen Ordre des avocats einschreiben.

Um sich allerdings den französischen Titel eines Avocat ans Revers zu heften, müsste K. entweder die französische Anwaltsprüfung ablegen oder drei Jahre Berufserfahrung in Frankreich vorweisen. Generell empfiehlt es sich, die Anwaltsprüfung des jeweiligen Landes so bald wie möglich abzulegen, um auch alleine vor Gericht aufzutreten. In großen EU-Ländern wie Spanien, Großbritannien oder Frankreich ist dies nur mit dem nationalen Anwaltstitel möglich.

Wer es nicht als Anwalt im Ausland versuchen will, für den kann ein Posten bei Uno, EU oder Weltbank das Richtige sein. Doch die Anforderungen sind hoch. Zwar zählt „in internationalen Organisationen vielfach nicht das Examen“, weiß Wolfgang Eichele. Doch ohne entsprechende Praktika und Auslandsaufenthalte ist es schwierig, hier unterzukommen.

Birgit Schäder, 28, wollte von Anfang an in einer internationalen Organisation arbeiten. Nach ihrem ersten Staatsexamen an der Uni Trier absolvierte sie das Europakolleg in Brügge, danach ihr Referendariat. Trotz guter Qualifikation bewarb Schäder sich nach dem zweiten Staatsexamen nicht um eine feste Stelle, sondern hängte ein Praktikum am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg dran. Das halbe Jahr machte sich bezahlt: Schäder erhielt einen Zeitvertrag. „Man hat Chancen im internationalen Bereich, muss sich aber früh spezialisieren. Das geht nur mit Eigeninitiative“, sagt die Juristin. Notbewerbungen ohne Auslandserfahrung seien zwecklos.

Das bestätigt auch Brigitte Schmieg vom Büro Führungskräfte zu Internationalen Organisationen (BFIO) der Bundesagentur für Arbeit. „Es kommt darauf an, die wenigen Möglichkeiten zu nutzen, die das deutsche Rechtsstudium für internationale Erfahrungen bietet.“

Ein Praktikum bei einer internationalen Organisation als Wahlstation zum Beispiel. Die Uno mit ihren zahlreichen Unterorganisationen bietet ebenso Chancen wie die Europäische Union. Die EU vergibt ihre Stellen zentral über einen einheitlichen Auswahltest, den berühmt-berüchtigten Concours. Wenn der bestanden ist, „ist die Examensnote zweitrangig“, sagt Eichele. Die genaue Kenntnis der EU und ihrer Institutionen sowie mindestens eine EU-Fremdsprache sind allerdings Grundbedingung für erfolgreiches Abschneiden.

Bei der Uno sollte man sich für ein bestimmtes UN-Programm bewerben. Wer sich schon während des Studiums spezialisiert – etwa auf Asylrecht für das UN-Flüchtlingshilfswerk –, erhöht seine Chancen deutlich. Auch das Auswärtige Amt verfügt über eine Jobdatenbank.

Ob als Anwalt oder zu einer internationalen Organisation ins Ausland: Mut und Mühe lohnen sich. Holger K. jedenfalls hat sich nicht nur beruflich, sondern auch finanziell verbessert. Und er ist froh, sich nicht mehr auf dem schwierigen deutschen Arbeitsmarkt zu bewegen. An Paris und seine neuen Kollegen hat er sich schnell gewöhnt. Wenn alles weiter so gut läuft, erzählt er, kann er sich sogar vorstellen, für immer zu bleiben. (Karriere)

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