Zeitung Heute : Als der Krieg nach Hause kam

Die Frauen sollen nicht hoffen, dass sie dieselben Männer wiederkriegen, wenn es vorbei ist, sagt Margaret Plumridge. Sie hat da so ihre Erfahrungen. Ihr Mann war mit der britischen Armee 1991 am Golf und ist krank zurückgekehrt. Seitdem ist alles anders geworden – auch in ihrer Ehe.

Constanze von Bullion

Romsey

Dies ist die Geschichte von Charles Plumridge, der nicht mehr mit diesen blutigen Händen aufwachen und nie wieder auf seine Frau losgehen will. Es ist die Geschichte von Margaret Plumridge, die ihren Mann in der Schlacht verloren hat, obwohl er wieder nach Hause gekommen ist. Es ist die Geschichte von einem Krieg, der nicht zu Ende gegangen ist.

Charles Plumridge hat gute Laune heute Morgen, überhaupt ist er so ein Typ, der vermutlich noch Witze reißen würde, wenn der Sargdeckel schon über ihm zuklappt. „Ist natürlich Pech, dass die Deutschen nicht kämpfen wollen im Irak“, hat er am Telefon gesagt, „jetzt müssen Sie bis nach England reisen, um ein echtes Wrack zu treffen.“ Zwei Tage später steht das Wrack am Bahnhof bei Southampton, ein lebhafter Herr von rundlicher Statur, dem man nicht ansieht, was ihn so umtreibt. Plumridge ist 62, Golfkriegs-Veteran und sechsfacher Großvater. Er lebt in Romsey, einer Kleinstadt in Südengland, deren wohl größte Attraktion ein imposanter Landsitz ist, auf dem Lord Mountbatten, der Vizekönig von Indien, die letzten Tage des britischen Empire zählte.

Charles Plumridge wohnt etwas bescheidener, in einer Doppelhaushälfte aus Backstein, die haben sie vor zwölf Jahren gekauft, kurz bevor es losging. Drinnen in dieser höchst britischen Wohnwelt wartet Margaret Plumridge mit dem Tee, es ist still, der Fernseher ist aus. Margaret Plumridge ist eine schmale, fast zerbrechliche Frau, an der die letzten Jahre nicht ganz spurlos vorübergegangen sind. In letzter Zeit regt sie sich manchmal so auf, dass sie den Fernseher anschreit, deshalb erlaubt sie sich nicht mehr als fünf Minuten Krieg jeden Morgen. Er liest die Irak-Berichte im Internet, das muss reichen, sagt sie, sonst geht es wieder los.

Pillen gegen die Wut

„Tablets 6 p.m.“ – Tabletten um 18 Uhr, steht auf einem kleinen Zettel am Kaminsims. Hinter den Hirtenjungen aus Porzellan guckt eine Dose mit sieben Fächern hervor. Montag, Dienstag, Mittwoch, fünf Pillen für jeden Wochentag, sonst gerät hier eine Welt aus den Fugen. „Ich vertraue den Medikamenten, das ist jetzt unter Kontrolle“, sagt Charles Plumridge. „Ist es nicht“, sagt Margaret Plumridge und guckt zu diesem kleinen Koffer in der Ecke. Medikamente gegen Schmerzen sind da drin, gegen Herzinfarkt, Wasser und Arthritis. Und Psychopharmaka natürlich. Gegen die Wut.

Charles Plumridge ist ein Mensch, der die Dinge gern unter Kontrolle hat, und wenn man es genau nimmt, hat er vor allem Disziplin gelernt in diesem Leben, das im ärmlichen Londoner Arbeiterviertel Paddington begann. Da wohnten die Großeltern, und da war er Filmvorführer, als er mit 17 seine Chance sah. „Die Army“, sagt er, „das war eine Attraktion.“ Gutes Geld gab es für Berufssoldaten, man kam rum, und Kriege waren schließlich sehr selten, die Dinge schienen berechenbar. „Damals war der Feind ein Feind“, sagt Margaret Plumridge. Und heute? Sie blinzelt.

Schwer zu sagen, wo genau Margaret Plumridge abgebogen ist von der Marschroute, auf der sie ihrem Charles seit 1960 folgte, raus aus Nordirland, wo sie geboren ist, und rein in die Großfamilie der British Army. Er war „gunner“ damals, also einer, der aus dem Panzer schoss. Sie mochte ihn gleich und heiratete schnell, zog mit nach Deutschland, da wohnten sie in der Nähe von Celle. „Uns hat’s gefallen“, sagt er. „Sehr“, sagt sie. Später führten sie ein koloniales Leben in Malaysia, mit Dienstboten und Pool, das Militär stellte alles vom Löffel bis zur Bettwäsche, dazu diese Sicherheit, die Kameradschaft, das Netz. „Wir waren mit der Armee verheiratet“, sagt Margaret Plumridge. Es war eine glückliche Ehe, bis im Dezember 1990 der kleine braune Brief durch den Türschlitz rutschte.

Wenige Wochen später stand Charles Plumridge an der irakisch-saudischen Grenze, die Hände voller Blut. Zehn Jahre nach seiner Entlassung war das, er war 50 und Reservist, hatte den Aufmarsch zum Golfkrieg im Fernsehen beobachtet – ein wenig neidisch fast. Dann die Einberufung. Blitzkurs über Giftgas. 13 Impfungen. Schon stand er im OP-Zelt, wo er Verwundete ausziehen musste. Er erinnert sich noch gut an diesen Mann, der auf eine Mine getreten war, sein Fuß wurde nur noch vom Strumpf zusammengehalten. Amputationen, Schusswunden, alles kam hier auf den Tisch, 290 schwere Operationen in vier Wochen. „Nein, es ist nicht traumatisch“, sagt er. „Dafür bist du zu beschäftigt.“

Nun wäre Plumridge nicht Plumridge, könnte er dem Krieg nicht auch eine komische Seite abgewinnen. Da war doch mal dieser irakische Junge, dem eine Granate in der Hand explodiert war. Weil die Iraker ihren Kinder erzählten, sie dürften sich nie von Alliierten behandeln lassen, weil die ihnen die Gliedmaßen abschneiden und als Hundefutter heimschicken würden, strampelte er nach Leibeskräften. Als der Arzt anfing, ihm mit einem Lötkolben die offenen Gefäße zu veröden, fingen auch noch die Haare Feuer, weil sie voll Schwefel gegen die Läuse waren. „Da rannten dann die britischen Soldaten mit Feuerlöschern rum“, erzählt Plumrigde und kichert vergnügt.

Damals haben die Briten übrigens keinen einzigen Mann im Kampf verloren und nur sechs durch „friendly fire“, durch Beschuss von Mitkämpfern, erzählt er. Diesmal sehe es ja etwas anders aus. Er fängt an zu rechnen. 14 Briten stürzten mit Helikoptern ab, neun wurden im Kampf getötet, zwei von einer US-Rakete getroffen, zwei von Kameraden erschossen. Macht 27. Längst haben die britischen Medien begonnen, schonungslos mit den menschlichen Kosten des Kriegs abzurechnen. Eine deprimierte Stimmung hängt über dem Land, seit die Zeitungen neben den Erfolgsmeldungen auch Fotos von schlammbedeckten Soldaten und schreienden Irakerinnen zeigen. Oder diese trostlose Bierflasche, die die 18-jährige Wendy dem getöteten Vater ihres Kindes vor die Kaserne stellte.

Dass sich der Zweifel wie ein Spaltpilz durchs Land frisst, dass er sich auch in seinem eigenen Wohnzimmer festgesetzt hat, das ist Charles Plumridge nicht entgangen. Dennoch. Er steht hinter den Jungs im Feld, bringt es nicht über sich, ihrem Krieg jetzt die Gefolgschaft zu verweigern. „Der größte Fehler, den wir damals gemacht haben, war, nicht weiterzugehen“, sagt er. „Ich bin überzeugt, dass Saddam Massenvernichtungswaffen hat.“ Außerdem gebe es doch die Hoffnung, dass der Irak ein freies Land werde, oder? Seine Frau wendet sich ab, guckt angestrengt aus dem Fenster.

Es hat lange gedauert damals, bis er begriff, dass irgendetwas kaputt gegangen war. Nicht nur bei anderen, auch bei ihm selbst. Charles Plumridge hat seine Emotionen unter einer dicken Schicht von Selbstironie begraben, und man muss lange bohren, um zu ihnen vorzudringen. Sicher, sagt er irgendwann, der erste Golfkrieg war nicht schön, dauernd Gasalarm, dauernd Scud-Angriffe. Am schlimmsten war es nachts, wenn die B-52-Bomber neben dem Camp starteten. „Das ist so laut, das Zelt bebt, man ist eingesperrt, da kriegt man Angst tief drinnen.“ Plumridge hat nicht in die Hose gepinkelt wie viele Teenager seiner Einheit. Er war stolz, als es vorbei war, weil er endlich ausgeführt hatte, wofür er 23 Jahre übte. Und er war froh, „ohne Kratzer da rauszukommen“.

„Jetzt graust es mir“

Margaret Plumridge hält es jetzt nicht mehr aus. Tony Blair schickt die Leute heute in die gleiche Katastrophe wie damals, bricht es aus ihr heraus, „ich habe ein Leben lang Labour gewählt, jetzt graust es mir“. All die alten Märchen würden jetzt wieder aufgewärmt. „Die Jungs tun ihre Pflicht, sie werden als Helden gefeiert und dann vergessen – wie wir.“ Charles Plumridge stemmt sich aus dem Sofa, geht mit steifen Knien zum Glasschrank, holt drei Medaillen heraus und legt sie auf den Tisch. Eine vom saudischen König, eine vom kuwaitischen Volk, eine von der Queen. Kein Brief, kein Danke, kein Bedauern, sagt sie. „Es war eine Riesenparade“, sagt er.

Sie sind sich jetzt nicht mehr einig wie früher, und manchmal ist es, als hätte sich der Krieg aus der Wüste in ihr Haus geschlichen. Dabei hat Margaret Plumridge wie ihr Mann lange an alles geglaubt, an die große Mutter Armee, an das Netzwerk. Nie aber hat sie sich so verlassen gefühlt wie in der Zeit, als sie dieses Netzwerk wirklich brauchte. Zwischen zwei „bluies“, zwei blauen Feldpostbriefen, lagen manchmal zehn Tage. „Ich wusste nicht, ob er lebt oder tot ist“, sagt sie, „egal, wo man angerufen hat, keiner war zuständig.“ Und als er endlich zu Hause war, wusste sie manchmal nicht mehr, wen sie da eigentlich zurückbekommen hatte.

Am Anfang war es nur eine schwere Erkältung. Dann wurden seine Beine steif, und die Füße taten weh. Nachts kamen ihn seine blutigen Hände besuchen, er schlief nicht, wälzte sich herum. Ihr Mann sei früher ein friedfertiger Bursche gewesen, sagt Margaret Plumridge. „Plötzlich ging er hoch, wenn nur ein Löffel runtergefallen ist.“ Sie fingen an sich zu streiten, dann ging er auf sie los. „Es kann passieren, dass er gewalttätig wird und aufspringt oder mich mit dem Messer bedroht.“ Immer noch, trotz all der Psychopharmaka? Immer noch, sagt sie. Plumridge verlor zwei Jobs, weil er bei der Arbeit ausrastete. Er hatte einen Herzinfarkt, sechs Wochen später ein zweiten. Vor der Bypass-Operation riss die Aorta, er überlebte, aber begriff noch immer nicht. Bis er eine Sendung über Golfkriegs- Veteranen sah.

In Großbritannien sollen es 4500 sein, in den USA Tausende mehr, die an diesem rätselhaften Golfkriegssyndrom leiden und zu Grunde gehen. Depressionen, Gedächtnisverlust, Dauermüdigkeit, diffuse Nerven- und Organschäden plagen viele Golf-Veteranen. Da gibt es Leute wie Noel Baker aus Kent, bei dem nach dem Krieg Multiple Sklerose ausbrach. Oder Tony Flint, der in einer ärmlichen Wohnung in London sitzt, dieses Beben seines Kopfes nicht unterdrücken kann und mit Wutanfällen, Nierenentzündung, Asthma und Todesangst kämpft. Eine monatliche Invalidenrente von 106 Pfund zahlt ihm der Staat, 160 Euro. In den USA hat das Pentagon wenigstens die Behandlungskosten der kranken Soldaten übernommen, auch wenn das Golfkriegssyndrom dort wie in Großbritannien nicht offiziell anerkannt ist.

Das Schweigen der Behörden

Charles Plumridge glaubt, es lag an den vielen Impfungen, vor allem an dem Zeug gegen Anthrax, das diesmal über die Hälfte der Soldaten verweigert haben soll. Die Militärführung will jetzt alle Zweifel ausräumen und strenge Kontrollen durchführen. „Vergessen Sie’s“, sagt Plumridge, „wenn alles so harmlos ist, soll der Verteidigungsminister sich doch impfen lassen. Aus Solidarität.“ Auf seine Briefe hat ihm bis heute keiner geantwortet.

Aber da ist nicht nur das Schweigen der Behörden. Ein Lebenswerk droht zu zerbröckeln, seit Charles Plumridge dem Krieg ins Gesicht geschaut hat. 23 Jahre hat er stramm gestanden, „for the queen and my country“, wie er sagt. Er hat seine besten Jahre mit einem Handwerk zugebracht, das ihn am Ende selbst zerstört hat. Dass alles umsonst war und der Krieg Existenzen verwüstet, dass er das Schlechteste im Menschen ans Licht befördert und jetzt die nächste Generation kaputt macht – das alles gesteht sich Plumridge nur ungern ein. Manchmal ist es, als gebe es kaum noch jemanden, der ihn versteht.

Sagen wir mal so, sagt Margaret Plumridge vorsichtig, die Frauen sollen nicht hoffen, dass sie dieselben Männer wiederkriegen, wenn der Krieg vorbei ist, dass sie einfach weitermachen und in die Disko gehen können. „Da kommen andere Menschen zurück, die werden dramatisch verändert sein.“ Life changing – lebensverändernd sei so ein Krieg. Nicht nur, weil viele da draußen krank und aggressiv werden und später so viele Ehen in die Brüche gehen. Auch die Frauen sterben ja tausend Tode, daheim vor dem Fernsehen, wo sie alles live mitverfolgen. Ekelhaft findet sie die Berichterstattung und voller Lügen.

Naja, sagt Charles Plumridge, sie dürfen die Leute doch nicht demoralisieren. Wer will schon wissen, wie viele Golf-Veteranen gestorben sind, „es haben sich ja viele umgebracht“. Er selbst hat sich abgewöhnt, an die Zukunft zu denken, lebt irgendwie im Heute und noch lieber im Gestern. Früher war er Stunden im Garten, jetzt wird es ihm nach zehn Minuten langweilig. Früher hat er für sein Leben gern geangelt, heute ist das auch vorbei. Die Enkel immerhin, die kann er besuchen. Irgendwie muss es doch weitergehen.

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