Zeitung Heute : Als die Bilder kämpfen lernten

INA BOCKHOLT

"Krieg der Bilder" - europäische Druckgraphik als Medium der Politik im Absolutismus, eine Ausstellung im Deutschen Historischen MuseumVON INA BOCKHOLTIn seinem Korb bietet ein Händler Zeitungen, Almanache und Graphiken feil, auf denen die Zertrümmerung protestantischer Kirchen abgebildet ist.Eher zufällig ist der Zeitungskurier zu einer Krisensitzung gestoßen.Ihr steht eine debil dreinblickende Gestalt mit Teufelshörnern als personifizierter Irrtum vor.Rundherum ringen andere Club-Mitglieder, darunter Jan Hus, Ulrich Zwingli und Johannes Calvin, verzweifelt die Hände.Der 1685 in Frankreich veröffentlichte Kupferstich sucht Hochmut, Heuchelei und Häresie unter Protestanten zu denunzieren, um so ihre Verfolgung zu legitimieren, die Ludwig XIV.mit dem Widerruf des Edikts von Nantes eingeleitet hatte.Der katholische Gazettenverkäufer als Zeuge dieser Szene untermauert die eigene Glaubwürdigkeit und betont die Bedeutung von Nachrichten im 17.Jahrhundert.Daß Publizistik schon sehr früh ein herrschaftliches Mittel war, um Gegner zu diffamieren und die Bevölkerung zu sammeln, dokumentiert die Ausstellung "Krieg der Bilder.Druckgraphik als Medium politischer Auseinandersetzung im Europa des Absolutismus" im Deutschen Historischen Museum. An die Macht der Darstellung glaubten die Anführer großer Kriege wie Ludwig XIV., Wilhelm III.von Oranien und die englischen Könige Karl II.und Jakob II.von England.Sie gaben im 17.Jahrhundert in den zahlreich gegründeten Kupferwerkstätten und Verlagshäusern illustrierte Flugblätter, allegorische und emblematische Publikationen oder Bildsatiren in hundertfacher Auflage in Auftrag.Dabei rangierte Kalkül noch vor Eitelkeit.Für ihre politische Propaganda nämlich ließen sich die Staatsoberhäupter nicht nur zu mythologischen Göttern wie Herkules oder Mars stilisieren, vielmehr übersetzten sie ihre politischen Pläne oft in die Bildsprache des Volkes.Auf die Fabel von der Sonne und den Fröschen etwa spielt eine 1672 in Paris publizierte Bildsatire an.Darauf trocknet eine Sonne mit dem Antlitz von Ludwig XIV.einen Sumpf aus, den Lebensraum der als Amphibien verspotteten Niederländer.Sich auf die wehrlosen Lebewesen niederstürzend, unterstützen Milane und Raben (Franzosen und Engländer) die Bestrafung der Frösche, die sich im Holländischen Krieg (1782-1678) allzu wagemutig und undankbar im europäischen und kolonialen Machtgefüge nach vorn gewagt hatten. Mit den Kupfern wurde auch Innenpolitik gemacht.Als im Holland des 17.Jahrhunderts Anhänger der republikanisch gesinnten Brüder de Witt den Monarchisten um das Haus Oranien gegenüberstanden, suchte die Partei Wilhelms III.nicht zuletzt mit Druckgraphiken den Volkszorn gegen die Staatstreuen zu schüren.Und so blüht als Ausdruck eines fruchtbaren Lebens auf beinah jedem Bild irgendwo ein Orangenzweig, das Wappen der Oranier.Manchmal wird dem als schwerkranken Patienten allegorisch abgebildeten Holland eine Apfelsine als Heimittel verordnet. Die Pose des Retters bleibt auch in der Zeit der Glorious Revolution (1688-1689) charakteristisch für Wilhelm III.Als er mit seiner Armada 1688 nach England aufbrach, um die Gefahr einer Rekatholisierung des Landes durch Jakob II.zu bannen, inszenierte er eine frühneuzeitliche PR-Aktion.Mit der Reisepresse im Gepäck suchten die Niederländer die öffentliche Meinung zu gewinnen, nicht ohne dabei Zugeständnisse an den eher derben und wortspielerischen angelsächsischen Humor zu machen.So liegen auf einem sarkastischen Druck die abgeschlagenen und übel bearbeiteten Köpfe von Jakob II., Ludwig XIV.und Maria von Modena in einer holländischen Schmiedewerkstatt vor dem Amboß.Um die Volksjustiz zu rechtfertigen, benennt ein Text unterhalb der Graphik die Verfehlungen der Herrschenden.Er beschuldigt den Sonnenkönig, im Bündnis mit dem Teufel um die Protestanten gefreit zu haben, und verübelt dem englischen Monarchen und seinen Verbündeten das ganze Land mit dem Gestank ihrer verrottenen Hirne verpestet zu haben.Die Krönung von Wilhelm von Oranien und seiner Gemahlin Maria Stuart, Jakobs protestantischer Tochter, zum Königspaar von England löste 1689 eine große Nachfrage nach Portraits der neuen Regenten aus, die damit ihrerseits ihre Legitimität zu unterstreichen suchten.Spätestens zu diesem Zeitpunkt verlor die von Wilhelm III.lancierte Publizistik an Schärfe und etablierte sich als herrschaftsstablisierendes Huldigungsmittel. Weil jeder Kupferstich Geschichte verdichtet, erschließt sich die Bedeutung erst nach intensivem Sezieren mit aufmerksamen Augen.Wo im 20.Jahrhundert auch das Wissen um die Bedeutung vieler Symbole, Allegorien und Embleme verloren gegangen ist, dort helfen in der Ausstellung die leicht verständlichen Texttafeln und der ausführliche Katalog mit Erklärungen aus.Dann läßt sich aus den Bildern etwas nachlesen über die Entstehung der Öffentlichen Meinung, die mit Entwicklung des bürgerlichen Druckgewerbes eng verwoben war und in der am Anfang fast ausschließlich die monarchische Weltsicht dominierte.Aggressive Bildpropaganda ist also nicht erst in den Kriegen der Moderne zu einem entscheidenden Machtfaktor geworden. DHM, Unter den Linden 2, bis 3.März 1998.Katalog, 44 Mark.

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