Zeitung Heute : Als die Räuber nach den Sternen griffen

Fliegende Hotelwechsel, Zugriff in der Schweiz: Archäologe Harald Meller wurde zum Detektiv, um die 3600 Jahre alte Himmelsscheibe zu finden. Schatzsucher hatten sie ausgegraben und verkauft, dabei gehörte sie Sachsen-Anhalt. Jetzt ermittelt der Staatsanwalt. Ein Kriminalstück aus Nebra.

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Von Kerstin Decker

Eine Frühlingsnacht im Ziegelrodaer Forst. Zwei Männer gehen durch den Wald. Schatzsucher, aber keine Romantiker. Eher Modernisten, die Wälder grundsätzlich nur mit Sonden und Metalldetektoren betreten. Sie hören ein Signal, sie beginnen zu graben, sie stoßen auf etwas Festes. Sie öffnen eine Steinkammer. Sie finden zwei Bronzeschwerter und Beile gegen eine aufrecht stehende Scheibe gelehnt. Die Schatzgräber heben Schwerter, Beile und schließlich die Scheibe und wischen den Schmutz ab. Sie sehen – mitten in der Nacht – Sonne, Mond und Sterne. Sie halten die bis dato früheste bekannte Himmelsdarstellung der Menschheit staunend in den Händen, 3600 Jahre alt. So könnte es gewesen sein vor vier Jahren.

So war es nicht. Nichts von Ehrfurcht war dabei. „Sehen Sie das?“, ruft Harald Meller und zeigt auf die große Delle oben in der Menschheits-Scheibe, „sehen Sie das? Das waren die Täter!“ Harald Meller steht in seinem Arbeitszimmer im Museum für Frühgeschichte Halle und hält uns die grün-goldene Scheibe entgegen wie ein Beweismittel. Und wir sehen es: Sie haben den Kosmos verbogen. Sie haben die Sterne vom Himmel geholt. Sie haben die Sonne eingeschlagen. Sie haben den Horizont abgehauen. Meller legt die versehrte Scheibe auf seinen Schreibtisch zurück, stummes Grauen im Blick. Es überfällt den Landesarchäologen von Sachsen-Anhalt jedesmal, wenn er versucht sich vorzustellen, wie die beiden Raubgräber auf den Fund trafen. Er schließt die Augen. Er kann es sich nicht vorstellen. Er ist Archäologe.

Archäologen sind Menschen, die andere Ansichten über Erdarbeiten haben als ihre Mitbürger. Wer weiß schon, dass Hacken und Umgraben Kunstformen sind? Nicht-Archäologen benutzen das Wort Buddeln dafür. Aber der Archäologe ist der Chirurg der Erde. Gemeinhin hält man Leute, die auf die Frage nach ihrem Beruf mit „Archäologe!“ antworten, für harmlos. Man würde sofort mit ihnen in eine WG ziehen. Archäologen waschen immer ab, sie sind so zwanghaft sorgfältig. Aber eins müssen wir jetzt korrigieren: Harmlos sind sie nicht. Die Sternenscheibe hat den Landesarchäologen und Museumsdirektor Harald Meller zum Kriminalisten gemacht. Harald Meller ist der eigentliche Held der Himmelsscheiben-Kriminalgeschichte, die der Hallenser Oberstaatsanwalt Ingo Sierth beispiellos nennt.

Das erste Mal erfuhr Harald Meller im Mai letzten Jahres von der Himmelsscheibe. Er besuchte seinen Kollegen in Berlin, Wilfried Menghin. Sie führten typische Archäologengespräche. Was man alles finden müsste, einen Neandertaler mit Faustkeil in der Hand zum Beispiel. Und dann holte der Oberarchäologe von Berlin ein paar Fotos und zeigte sie dem Oberarchäologen von Sachsen-Anhalt. Händler hatten sich mit dem Berliner in einer Kneipe verabredet und ihm „das da“ zum Kauf angeboten. Meller sah auf laienhaften Fotos ein rundes, schmutziges Objekt auf einem Frotteehandtuch. „Was ist denn das?“, fragte Meller und hatte den Neandertaler mit Faustkeil augenblicklich vergessen. Sein Kollege erklärte, wofür er es hielt. Meller schwieg. Wenn das echt ist, sagte er schließlich, dann ist es eine Weltsensation. Der Oberarchäologe von Berlin nickte und schenkte dem erstaunten Oberarchäologen von Sachsen-Anhalt die Fotos: Die Scheibe würde ohnehin ihm gehören. Schon darum habe er sie nicht gekauft. Denn sie sei in Sachsen-Anhalt gefunden worden. Und alle Schätze in sachsen-anhaltinischem Boden sind mit ihrer Entdeckung Eigentum des Landes. So erfuhr Harald Meller, dass er einen Schatz besitzt. Rein theoretisch.

Kein Herz für Schatzsucher

Er legt mit Zärtlichkeit den Finger auf die Stellen der Weltsensation, wo bis vor vier Jahren noch goldene Sterne waren. 3600 Jahre hielten sie ihren Platz am Messingfirmament, und dann fielen sie ab. Der verschwundene Horizontbogen, die fehlende Ecke in der Sonne: das Werk von Menschen, die den Unterschied von Hacken und Graben nicht kennen. Keine Chirurgen der Erde, Schlächter. Und wir lesen die Frage in Harald Mellers Augen: Welcher Frevel könnte größer sein? Er hatte schon an den laienhaften Fotos gesehen, in welche Hände die Scheibe gefallen war. Dabei wusste er damals noch gar nicht, dass die Schatzgräber mindestens vier Sterne, eine ganze Sonnenecke und einen Horizont auf dem Gewissen hatten. Als er mit den Fotos in der Tasche nach Halle zurückkehrte, beschloss Harald Meller, nicht nur der theoretische, sondern auch der praktische Scheiben-Eigentümer zu werden. Und er wusste auch schon wie: „Nicht durch Steuergelder. Ich erwerbe die Scheibe kriminalistisch!“ Das war nicht reine Rücksicht auf den schütteren Landeshaushalt einer strukturschwachen Region, das war vor allem Mellers Gerechtigkeitssinn: Warum etwas kaufen, was sowieso mir gehört?

In Bayern hätte er das nicht sagen können, und Meller ist Bayer. Bayern ist genauso wie Nordrhein-Westfalen und Hessen ein Bundesland, das ein Herz hat für Schatzsucher. Dort darf der Finder seine Schätze behalten, er muss sie nur mit dem Grundeigentümer des Fundortes teilen. Mit zwölf Jahren fing Harald Meller an, in seiner Heimatstadt München paläontologische Grabungen durchzuführen. Er fand 16 Millionen Jahre alte Schildkröten und 15 Millionen Jahre alte Ginkgo-Blätter und durfte sie behalten. Hätten die beiden sachsen-anhaltinischen Schatzgräber die Sternenscheibe in München gefunden – sie wären ganz legale Schatzeigentümer. Doch Meller bleibt hart.

Der Bayer versteht die Bayern nicht. Wenn er von den beiden Schatzgräbern spricht, nennt er sie nur „die Täter“. Und Täter muss man stellen. Eine Tugend haben Archäologen und Kriminalisten gemeinsam: Geduld. Harald Meller ließ die Nachricht von seinem Kaufinteresse in den Archäologie-Graumarkt streuen und wartete. Umsonst. Der Markt schwieg.

Und dann geschah das, was im Leben eines Archäologen nicht eben häufig passiert: Plötzlich lief die Zeit gegen ihn. Er erfuhr, dass die Zeitschrift „Focus“ eine Geschichte über seine Scheibe bringen will. Was hatte „Focus“ mit seiner Scheibe zu schaffen, fragte sich der Hallenser Oberarchäologe. Er wusste, was das bedeutet: Die ganze Welt würde plötzlich davon erfahren. Und er sah die Scheibe schon unwiderruflich im Tresor eines amerikanischen Privatsammlers verschwinden. Meller ging zu „Focus“. Sie mussten ihre Geschichte verschieben. Sie mussten ihm, dem rechtmäßigen, wenn auch nicht realen Eigentümer, seine Chance lassen.

Archäologie als Sinnfindung

Auftritt Hildegard Burri-Bayer, Schatzgräber-Restaurantbesitzerin und Scheiben-Zwischenhändlerin aus Neuss bei Düsseldorf. Burri-Bayer hatte sich statt an das Landesmuseum Halle an „Focus“ gewandt, denn sie hatte inzwischen noch eine zusätzliche Profession erworben: Hildegard Burri-Bayer war Schriftstellerin geworden. Sie hatte bei der Gelegenheit des Scheiben-Zwischenhandels einen Roman über die Sternenscheibe geschrieben. Denn als sie die Scheibe zum ersten Mal in der Hand hielt, scheint Hildegard Burri-Bayer eine Vision gehabt zu haben. Die Vision und das Buch handeln davon, dass ein Mädchen eine Sternenscheibe findet, mit ihr in die Bronzezeit reist und schwanger nach Düsseldorf zurückkehrt. Aber was nützt ein Buch, das keiner kennt über eine Scheibe, die keiner kennt? Also wandte sie sich an das Magazin.

Meller gesteht, Burri-Bayers Buch immer noch nicht gelesen zu haben. Er hegt eine elementare Furcht vor der Handlung des Romans. Zwei tiefe Falten kerben sich in die Stirn des Landesarchäologen: Das kleine Nebra, Fundort der Sternenscheibe, hat eine nicht unbekannte Tochter: Hedwig Courths-Mahler. Sollte Hildegard Burri- Bayer etwa deren Reinkarnation…? Aber nein, der Wissenschaftler Meller glaubt so wenig an Reinkarnation wie an Archäologie als Sinnfindung. Burri-Bayer erklärte Meller in ihrem Museumsrestaurant „Historia“, dass sie das „urgermanische“ Kulturgut für Deutschland retten wolle, also für Meller. Meller erklärte beim Tintenfischessen, dass er das urgermanische Kulturgut erst prüfen müsse. Man verabredete sich in der Schweiz.

Einen Unterschied zwischen Kriminalisten und Archäologen gibt es doch. Sie denken in anderen Zeitmaßen. Hunderttausend Jahre sind für Archäologen eine recht kleine, überschaubare Einheit. Wenn Meller von der letzten einschneidenden Revolution in der Menschheitsgeschichte spricht, dann meint er nicht die Französische Revolution, sondern er denkt an den Übertritt der Jäger und Sammler zur sesshaften, bäuerlichen Lebensform. Damals ist zum letzten Mal wirklich etwas passiert. Und so jemand soll plötzlich auf Kriminialisten-Zeit umschalten? Auf fliegende Hotelwechsel, an deren Ende man sich plötzlich im Keller eines Schweizer Hotels wiederfindet. Da wusste Harald Meller nicht mehr, ob die Schweizer Polizei ihm noch folgen konnte, oder ob er nun allein war.

Ein Ort, den die Welt kennt

Das verabredete Zeichen zum Zugriff – Meller sollte den Bronzetest-Chemikalienkoffer aus dem Auto holen – funktionierte nicht. Er hatte den Koffer schon vorher gebraucht. Und hatte keinen Handyempfang im Hotelkeller. Bis Mellers Mobiltelefon in einer äußersten Ecke der Herrentoilette doch ging.

Nun wird gegen acht Verdächtige ermittelt. An dem Kriminalstück beteiligt sind die beiden Schatzgräber aus der näheren Umgebung von Nebra. Der erste Zwischenhändler, der die älteste kosmische Darstellung der Menschheit noch am Ausgrabungstag für 31000 Mark kaufte, die Courths-Mahler-Nachfolgerin, Schatzgräber-Restaurantbesitzerin und deren Bekannter, ein nordrhein-westfälischer Oberstudienrat, der die Scheibe für 700000 Mark vom ersten Zwischenhändler erwarb, und drei weitere Helfer. Im Juli ist der Erstaufkäufer nervös geworden und stellte sich der Polizei. Er zeigte ihr den Fundort. Es war nicht Sangerhausen, wie alle bisher glaubten, denn der erste Scheiben-Eigentümer wollte nachfolgende Schatzgräber auf die falsche Fährte locken. Nun ist die Sternenscheibe von Sangerhausen die Sternenscheibe von Nebra.

Nebra selbst aber lässt sich nichts anmerken, obwohl es plötzlich ein Ort ist, den die Welt kennt. Zwei steinerne Löwen lagern träge an der Unstrutbrücke, das Gasthaus dahinter heißt „Zur Sorge“. Es ist geschlossen. Am Gasthaus biegen wir ab zum Mittelberg. Wir sind gewarnt, man sehe am Fundort dasselbe wie in anderen Wäldern auch: vor allem Bäume. Wir gehen trotzdem, die Sorge nehmen wir mit. Denn noch hat Harald Meller sein kriminalistisches Gespür nicht verloren. In der letzten Woche präsentierte er den Fundort der Weltpresse. Und nun lässt er ihn gut bewachen. Mit Wachmännern und Hund. Meller hat uns einen Passierschein geschrieben. Wir hoffen, dass der Hund Mellers Passierschein erkennt.

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