Zeitung Heute : Als Düsenjäger über die Datenrennstrecke jagen

PETER DEHN

"WWW", das Internet, wird oft genug mit "weltweit warten" assoziiert - zurecht.Die bisweilen immensen multimedialen Datenmengen sind selbst per ISDN-Leitung nicht in passablen Zeiten an den Nutzer zu bringen."Schneller" und "billiger" ist folgerichtig eine der Forderungen der Internetgemeinde und aller, die auf leistungsfähige Datenkommunikation angewiesen sind.Der Datentransfer, erläutert Ian Craig, Präsident der Broadband Networks Division des kanadischen Technikkonzerns Nortel, "wächst zehnmal so schnell wie der Sprachverkehr" und werde zur Jahrtausendwende annähernd 80 Prozent des gesamten Telekommunikations-Aufkommens ausmachen.Gefragt sind da nicht nur günstigere Tarifierungen.Neue Übertragungstechnologien sollen dabei helfen, die Gebührennetze der Monopolisten zu umschiffen.

Doch zumindest auf Zeit führt kein Weg an Telekom & Co.und ihren Telekommunikationsnetzen vorbei.Nachdem die DTAG im Vorfeld der Deregulierung das digitale ISDN mit 700-Mark-Geschenken massiv auf den Markt drückte, orientiert sich der Konzern jetzt mit ADSL von der Land- auf die Daten-Bundesstraße.Bis 2002 soll der Zugang zur Asymetric Digital Subscriber Line in 70 Städten, auch in Berlin, angeboten werden.ADSL soll das Leistungsloch zwischen ISDN (64 Kilobits pro Sekunde) und dem Hochleistungsnetz in ATM-Technik (Asychroner Transfer Modus, bis 155 Megabits pro Sekunde) füllen.Dem Kunden werden skalierbare Datenraten bis 8 Megabits pro Sekunde zur Verfügung gestellt, die Datenanforderung geschieht mit maximal 768 Kilobits pro Sekunde.

Intensiv arbeiten Industrie und Diensteanbieter daran, die mobilen D-Netze multimediafähig zu machen.Universal Mobile Telecommunications System (UMTS) heißt der Standard, der den Datentransfer durch die Luft vom "Doppeldecker" GSM mit gerade für das Faxen ausreichenden 9600 Kilobits pro Sekunde zum "Düsenjäger" mit Datenraten bis 144 Kilobits pro Sekunde ausbauen soll."Handtops", so verspricht die Industrie, könnten spätestens im Jahr 2010 multimediale Computerei und Kommunikation auf kleinstem Raum mit unbeschränkter Mobilität vereinen.Allerdings müßte die GSM-Infrastruktur komplett erneuert werden.

Auch der digitale Rundfunk soll durch neue Dienste attraktiv werden.Während sich die Einführung von Digital Video Broadcasting (DVB) per Antenne (stationär oder mobile) und via Kabel nach Dekoderstreit und der Zurückweisung der d-Box-Allianz durch Europas Konzentrationswächter verzögert, bietet beispielsweise der Satellitenbetreiber Astra Business-TV Multimedia-Dienste an, die für autorisierte Empfänger und zu festgelegter Zeit abgestrahlt werden, um am Computer genutzt zu werden.Die Leistung wird mit maximal 38 Megabits pro Sekunde angegeben.Im Gegensatz zum Breitbandkabel ist ein schneller Rückkanal via Satellit möglich.Kommt Breitband-Internet durch den Orbit auf die Überholspur?

Als "Linksfahrer" wollen sich die Versorgungsbetriebe einen Stammplatz auf der Datenautobahn sichern.Schließlich verfügen sie über eigene Telekommunikationsnetze, die durch interne Aufgaben kaum ausgelastet sind.So schickt BerliKomm, eine Tochter der Berliner Wasserbetriebe, Roboter aus, die in den Abwasserkanälen die Glasfaserleitungen eines stadtumspannenden Hochleistungsnetzes verlegen.

Im September 1997 stellten der britische Energieversorger United Utilities und Nortel die Digital PowerLine (DPL) für den Datentransfer über das bis in jedes Büro und jeden Haushalt führende Stromnetz vor.Dabei sollen Datenraten bis zu einem Megabit pro Sekunde erzielt worden sein.Die Daten werden an lokalen Trafostationen vom Telekommunikations- in das Stromnetz gespeist und beim Kunden zwischen Sicherungskasten und Zähler ausgekoppelt.Von dort gehen sie per Ethernet oder Universal Serial Bus in den Computer.Die britischen Versuchsergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf deutsche Verhältnisse übertragen.In England konnten aufgrund einer anderen Kabelabschirmung gegen Funkstörungen geheimgehaltene Trägerfrequenzen benutzt werden, die in Deutschland nicht zur Verfügung stehen.Außerdem müssen sich alle Teilnehmer, die an einer Übergabestelle zwischen Telekommunikations- und Stromnetz "hängen", die verfügbare Datenrate teilen.Was hierzulande machbar ist, wollen Nortel und die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) demnächst erproben.Auch RWE soll sich interessiert gezeigt haben.

Für Furore könnte DÜNE sorgen.Die Berliner Bewag startete das Projekt "Datenübertragung über Niederspannungs-Energienetze" gemeinsam mit den hamburgischen und Kölner Energieversorgern.Ein Patent ist bereits erteilt, weitere sind angemeldet.Nach Aussage des Projektleiters Frank Brandt von der Bewag rechnen die Entwickler mit "Datenraten im mehrfachen Megabit-Bereich", was auch Videokonferenzen gestatten würde.Überdies sollen die Daten laut Brandt direkt an der Steckdose entnommen werden können, verglichen mit Nortels DPL eine wichtige Vereinfachung.Mit "energienahen Diensten" wie dem Fernablesen des Stromverbrauchs und der Fernsteuerung von Maschinen, Haushaltsgeräten oder Sicherheitseinrichtungen, versprechen sich Stromlieferanten Einsparungen und den Einstieg in neue Märkte durch Synergien mit Wohnungswirtschaft und Verbrauchern.Das Stromnetz bringt solche Dienste direkt zum Endgerät, ohne die zusätzlichen Leitungen der bisherigen Gebäude-Managementsysteme.Und die Telekom bleibt draußen.

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