Zeitung Heute : Als Erster denken, als Letzter gehen

Jürgen Schrempp zieht bei Mitsubishi die Notbremse

Dieter Fockenbrock,Ursula Weidenfeld

Von Dieter Fockenbrock

und Ursula Weidenfeld

Jürgen E. Schrempp lächelt. Richard Holbrook, Ex-US-Botschafter, lobt ihn in höchsten Tönen. Der Bundeskanzler spricht von „tief empfundenen Dank“, andere schätzen in ihm den „entschlossenen Kämpfer“. Die Redner des Abends überschlagen sich in Hymnen auf den Chef des Automobilkonzerns Daimler-Chrysler. Das war Mittwoch in der Firmenniederlassung am Potsdamer Platz. Schrempp wird gefeiert als Kämpfer gegen die Immunschwäche Aids.

Zwei Wochen zuvor – ebenfalls in Berlin. Ein anderer Ort, das Internationale Kongresszentrum. Aktionäre fallen über Jürgen Schrempp her, beschimpfen ihn als „größten Kapitalvernichter in der Industriegeschichte“, als gescheiterten Konzernstrategen. Einige fordern seinen Rücktritt. Ihre Geduld ist am Ende.

Schrempp hat offensichtlich verstanden. Am Freitag gab das Unternehmen unerwartet das Ende seines Engagements bei dem japanischen Automobilbauer Mitsubishi bekannt. Damit bricht die Welt AG des Jürgen Schrempp zusammen. Europa, Amerika, Asien – so hatte sich der 59-Jährige sein automobiles Weltreich vorgestellt. Chrysler in den USA und Mitsubishi in Japan machen aber so große Probleme, dass der Macher aus Stuttgart jetzt die Notbremse zieht.

Noch auf der Hauptversammlung verteidigt Schrempp das japanische Abenteuer – mürrisch inzwischen, weil ihm die wachsende Kritik auf die Nerven geht. Widerständlern schleudert er seine gestanzten Sätze entgegen: Synergieeffekte, Kostenvorteile, Marktchancen. Wenn Schrempp sagt „wir wollen unterschiedliche Kulturen in unserer Welt AG“, dann klingt das steif und vorgefertigt. Und seitdem er mehr in den USA als in deutschen Landen weilt, kommt Schrempp noch ungelenker daher. Seine Sätze wimmeln vor Anglizismen, das „R“ in Chrysler rollt nur so aus seinem Mund.

Früher, als der gelernte Kraftfahrzeugmechaniker noch nicht so genau wusste, was man als Chef eines Weltkonzerns sagen darf und vor allem wie, da garnierte er seine Sätze gern mit Adjektiven wie „extremst“. Inzwischen ist seine Sprache geschliffen, neun Jahre, nachdem er seinen Ziehvater Edzard Reuter aus dem Amt gedrängt hatte. Damals handelte sich Schrempp den Beinamen Rambo ein. Dazu passte „extremst“.

Schrempp trat mit spektakulären 7,5 Milliarden D-Mark Verlust an. Daimler schien am Rande des Abgrunds zu stehen. Drei Jahre später wurde Schrempp zum Manager des Jahres gekürt. Mit der „Hochzeit im Himmel“, der Chrysler-Fusion, die sich später als Übernahme entpuppte, schien Schrempp auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Doch der ehrgeizige Mann wollte mehr. Das nächste Angriffsziel hieß Asien – es könnte ihm jetzt zum Verhängnis werden.

Schrempp, so hieß es in den vergangenen Monaten, habe sich isoliert. Misstrauisch sei er geworden. Beraten lasse er sich nur noch von seinen engsten Vertrauten, seiner Büroleiterin und zweiten Ehefrau, Lydia Deininger, und Hartmut Schick, dem Kommunikationschef des Hauses. Die beiden haben versucht, aus dem „Mister Speed, Speed, Speed“ einen Unternehmer mit Weltverantwortung zu machen. Aids in Südafrika, Sonderaufträge für Mercedes do Brazil, als dort die Auslastung nicht mehr stimmte – wenn in Entwicklungs- und Schwellenländern die Bilanz des Unternehmens nicht mehr stimmt, greift Schrempp auch mal persönlich durch. Aids in Afrika sei ein Thema, das ihn persönlich wirklich umtreibe, versichern seine Getreuen. Sie zeichnen ein Bild, das außerhalb des engen Zirkels nur selten aufscheint. Geholfen hat es, aber nicht viel: Im Unternehmen gilt Schrempp immer noch als unnahbar. Und seitdem er in die Nähe von München gezogen ist, ist er in Stuttgart nicht einmal mehr so präsent, wie ihn die Schwaben gerne hätten.

Es gibt auch einen anderen Jürgen Schrempp. Der auf dem Volksfest in Stuttgart ins Kettenkarussell klettert und damit seine Bodyguards in Panik versetzt. Mitarbeiter berichten gern, wie sie ihrem Big Boss am Wochenende über den Weg gelaufen sind. Und der sich keineswegs zu schade dafür war, der Köchin aus der Werkskantine die Hand zu schütteln, mit dem Werksmeister für einen Schnappschuss zu posieren. In solchen Momenten ist Schrempp der gutmütige Konzernchef – eine Rolle, die so gar nicht zu ihm passen will.

Vertraute erzählen, neu denken – das sei der Lieblingssport von Schrempp. Dann werde der Tisch abgeräumt, bis dort keine Akten mehr zu sehen sind, bis die letzte Power-Point-Datei von den Laptops weggeklickt ist. Dann werden Bleistifte verteilt in der Chefetage in Stuttgart-Möhringen und weiße Blätter. Eine, zwei, drei Flaschen Rotwein kommen auf den Tisch. Und dann wird neu gedacht, sagen die Teilnehmer solcher Runden.

Deshalb würde es auch niemanden überraschen, wenn Schrempp den Ausstieg bei Mitsubishi selbst vorgeschlagen hätte. Nicht ohne die Deckung von Hilmar Kopper natürlich, dem ehemaligen Chef der Deutschen Bank und langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden im Hause Daimler. Kopper verhalf Schrempp auf den Chefposten, mit Kopper fädelte Schrempp den Chrysler-Deal ein. Und Kopper wird ihn nicht fallen lassen, heißt es in Frankfurter Bankenkreisen. Kopper und Schrempp teilen mehr als nur die Aufgaben beim Stuttgarter Autobauer. Beide seien in ihrer Zielstrebigkeit und Ungeduld sehr wesensverwandt, sagen Wegbegleiter. Und beide teilen die Erfahrung, wie man sich in der Öffentlichkeit unbeliebt macht. Schrempp haftet der „Mister Shareholder Value“ an, der Makel des Erzkapitalisten, der nur die Interessen der Aktionäre im Auge hat. Kopper hatte sich die Finger mit den berühmten „Peanuts“ verbrannt. So bezeichnete der Deutschbanker die existenzbedrohenden Schulden, die der gestürzte Baulöwe Schneider bei kleinen Handwerkern hatte.

Schrempp hat in den vergangenen Jahren deshalb viel unternommen, um sein Negativimage abzustreifen. Das macht er so zäh und beharrlich wie seinen Job auch. Bei Herrenabenden ist er der Letzte, der geht. Und wenn andere schon schwer angeschlagen sind, bestellt Schrempp noch ein Bier. Reines Platzhirschverhalten sei das, urteilen seine Kritiker – Schrempp sei so vom Leistungsgedanken durchdrungen, dass er es nicht einmal ertrage, wenn ein anderer ein Glas mehr trinke als er. Es sei die Ausdauer, die man brauche, wenn man am Ende erfolgreich sein will, sagt Schrempp selbst – und viele vermuten, dass er das nun wieder unter Beweis stellen will: der Letzte zu sein, der geht. Auch bei Mitsubishi.

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