Zeitung Heute : "Als ich dem Führer in die Augen blickte"

MATILDA JORDANOVA-DUDA

"Als die zwei Lafetten mit den Särgen an mir vorbeizogen, dachte ich an meine Eltern, wie sie sich abends immer verabschiedeten.Mein Vater sagte: "Tschüß, bis morgen früh!", und meine Mutter antwortete mit den Worten: "So Gott will." So erinnert sich im Oberhausener Online-Magazin "Wir für Euch" ein 73jähriger Bergmannssohn an ein Grubenunglück, bei dem im Jahre 1938 sieben Bergleute umkamen.Das Magazin ( www.seniorweb.uni-bonn.de/oberhaus ) wird von 20 ehrenamtlichen Redakteurinnen und Redakteuren im Rentenalter produziert.Im Internet werden Zeitzeugen gesucht und vermittelt.

Meist sind es Initiativen, die sich mit der nationalsozialistischen und der kommunistischen Vergangenheit beschäftigen.Ehemalige Opfer totalitärer Gewalt, Widerstandskämpfer, aber auch Stasi-Offiziere berichten aus ihrer Lebenserfahrung beispielsweise als Referenten der "Aufarbeitungsinitiative Deutschland (AID) e.V" ( ourworld.compuserve.com/homepages/berlinnet ).

Sehr wenige Zeitzeugen sind jedoch bereit, im Netz ihre Identität zu offenbaren.Auch die ZeitZeugenBörse, die bis zum Ende des Jahres mit ihrer Datenbank ins World Wide Web gehen will, wird nur Stichwörter aufschreiben: Es gibt Erzähler zu "Entnazifizierung", "Luftbrücke", "Mauerbau" usw.Die ZeitZeugenBörse will Schülern, Lehrern, Fachleuten und Journalisten den Zugang zu authentischen und konkreten Erfahrungen über die vergangene Zeit verschaffen.Aber: "Es wird keine persönlichen Geschichten oder Portraits geben, damit man die Zeitzeugen nicht der Öffentlichkeit preisgibt", sagt Koordinatorin Birgit Hinsching.

Also ist das Koblenzer Projekt "Erlebte Geschichte" immer noch einmalig.1997 riefen die Landesbüchereistelle Koblenz und die Jugendkunstwerkstatt die Rheinland-Pfälzer auf, ihre Erinnerungen für das Internet aufzuschreiben, um sie dann weltweit zu veröffentlichen.Auch ein Jahr später ist es das umfangreichste Zeitzeugen-Sammelsurium im deutschsprachigen Netz ( www.koblenz.de/sehenswertes/erlebt ).120 Autoren mit rund 400 Beiträgen ranken sich um das vorgegebene Thema "50 Jahre Rheinland-Pfalz".In Wirklichkeit reichen die Geschichten bis weit in das vorige Jahrhundert.Durchschnittsalter der Erzähler: 70 Jahre.Im Internet-Café konnte der 71jährige Hans-Günter Weber nachvollziehen, wie das Internet funktioniert, sowie andere Autoren kennenlernen und ihre Texte lesen.Unter der "Erlebten Geschichte" finden sich Bilder und Auszüge aus dem autobiographischen Roman des querschnittsgelähmten Künstlers.Weber erzählt, wie er als Junge den Besuch Hitlers in Mainz miterlebt hatte.Er hatte die Augen des Führers ganz nah gesehen und danach sein Foto über dem Bett abgehängt.Zuviele Leute schrieben über die "gute alte Zeit", kritisiert der Heimatforscher Aleus van Irsen das Projekt.Die Veranstalter nehmen die Subjektivität und die Emotionalität des Erzählens jedenfalls bewußt in Kauf.Das Projekt ist eine Art Archiv, deshalb wurden dem Mitteilungsdrang keine Grenzen gesetzt.Die Geschichte von unten schlägt sich in Tagebüchern, Chroniken, Briefen, Gedichten, gar in Kochrezepten nieder.Das Internet biete sich für solche Geschichten geradezu an, sagt die Web-Spezialistin Christiane Schulzki-Haddouti von der Jugendkunstwerkstatt.Möglich wäre zum Beispiel die unbekannten Personen auf einem Foto von einer jüdischen Feier - nach denen sucht ein Heimatforscher - über amerikanische und israelische Newsgroups zu identifizieren.

Für die allermeisten Projektteilnehmer war dieses Medium völlig unbekannt.Zum Reinschnuppern und kostenlosen Surfen wurden in den Büchereien Terminals aufgestellt.In Internet-Cafés wurde den Autoren das Ganze vorgeführt."Ihre Geschichten, die sie zuvor vielleicht nur ihren Kindern vorgelesen haben, waren auf einmal im Internet", beschreibt Schulzki-Haddouti das Gefühl."Und ihre Kinder haben ein Stichwort, ihren Namen oder das Heimatdorf eingegeben - und flugs kommt es über Altavista oder Yahoo raus! Es war für die Älteren das Gefühl, bei einer Entwicklung, der Entwicklung zur Informationsgesellschaft, dabei zu sein.Eine Familie sagte, sie hätten über diese Zeit nie so geredet wie jetzt".

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