Zeitung Heute : Als Karl zu Carlo wurde

In Italien ist er ein Held, in Deutschland ein Unbekannter. Weil Karl-Heinz Schnellinger sich 1963 dazu entschied, nach Mailand zu gehen, blieb dem begnadeten Verteidiger in seinem Heimatland die Anerkennung verwehrt, die er eigentlich verdient hätte – auch weil er 1970 mit seinem einzigen Länderspieltor die legendäre Verlängerung gegen Italien ermöglichte

-

Von Reiner Brückner

Es ist nicht Pelé, dem die Welt das größte Spiel aller Zeiten zu verdanken hat, es ist nicht Maradona, nicht Beckenbauer und auch nicht Zidane. Der Mann, der dem Fußball an jenem 17. Juni 1970 seine bis heute unerreichte Sternstunde ermöglicht hat, war ein deutscher Defensivspezialist. Mit seinem Tor zum 1:1 in der Nachspielzeit schickte Karl- Heinz Schnellinger das Halbfinale von Mexiko-City gegen Italien in jene ruhmreiche Verlängerung, an deren Ende Deutschland 3:4 unterliegt und von der noch Jahrzehnte später gesprochen werden wird.

Es war in der 92. Minute. Das Team von Bundestrainer Helmut Schön schien bereits geschlagen zu sein. Da flankte Jürgen Grabowski von links in den italienischen Strafraum. Nicht Gerd Müller, der Deutsche, schoss heran, sondern der Defensivkünstler Karl-Heinz Schnellinger. In einer Art Parterreflug waagerecht über dem Rasen, Füße voran, drückte er das Leder artistisch ins italienische Tor, unhaltbar für Italiens Schlussmann. Helmut Schön beschrieb die legendäre Szene in seinem Erinnerungsbuch „Fußball“ später so: „Ich werde nie vergessen, wie Schnellinger mit gespreizten Beinen heranflog, den Ball ins Tor klatschte – und sich dann wie tot auf den Rücken zu Boden fallen ließ. Er streckte alle Viere von sich, und Gerd Müller stürzte sich in unbeschreiblicher Freude auf ihn.“ Es war Schnellingers einziges Länderspieltor, und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass er es gegen seine Wahlheimat erzielte.

Denn Karl-Heinz Schnellinger war damals nicht irgendein deutscher Nationalspieler, sondern das italienische Fußballidol „Carlo il Biondo“ (Carlo, der Blonde). Er war Stammspieler beim italienischen Spitzenverein AC Mailand, seit 1965 unentbehrliches Puzzlestück in der von Weltstars wie Hamrin, Sormani, Rivera und Trapattoni durchsetzten Mannschaft. 1968 war er unter Trainer Nero Rocco mit Milan Meister geworden, ein Jahr später Europapokalsieger der Landesmeister und Weltpokalsieger. „Im Leben zählt am meisten, was einem niemand nehmen kann“, sagt der 67-Jährige heute, 36 Jahre später. „Und dieses Tor kann mir niemand nehmen.“

Als der blonde, sommersprossige Karl-Heinz 1963 Deutschland – frisch gekürt als Fußballer des Jahres – in Richtung Süden verließ, um zu Carlo zu werden, waren solche Abwanderungsgelüste noch höchst umstritten. Ihm wurde – missgünstig – Geldgier oder – chauvinistisch – Vaterlandsverrat vorgeworfen. Schnellinger hatte extrem unter dem hässlichen Odium „Fremdenlegionär“ zu leiden. Dabei wollte er als ehrgeiziger Profi bloß zweierlei: auf höchstem Niveau spielen und für seine Leistung angemessen bezahlt werden. Beides war damals in Deutschland nichts als ein frommer Wunsch. Die Bundesliga existierte noch nicht, und beim 1. FC Köln erhielt er ein Grundgehalt von 320 Mark plus gelegentlicher Siegprämien. Sein damaliger Vereinsboss, der berühmte Franz Kremer, riet ihm dringend, nach Italien zu gehen. „Was die dir bieten, können wir dir nicht in 20, 30 Jahren bieten“, soll er damals gesagt haben. Auch Sepp Herberger und Helmut Schön, damals für alle deutschen Nationalspieler das Maß aller Dinge, legten sich nicht quer, sondern hielten an ihrem Musterschüler Schnellinger auch dann fest, als er ins Ausland ging.

Der Mann aus Düren galt ab 1962, wo ihn Herberger bei der WM in Chile richtungsweisend als Libero agieren ließ, als unverzichtbar für das deutsche Team: Schnellinger war das Ein-MannBollwerk in der Abwehr, der letzte Mann in der Defensive, der Cheforganisator im eigenen Strafraum, der den Gegner vom finalen Abschluss abzuhalten hatte. Karl-Heinz Schnellinger war der direkte Vorgänger Franz Beckenbauers, der die Rolle als Libero in seiner Glanzzeit nahezu perfekt beherrschte. Nicht umsonst wurden die beiden später harte Konkurrenten; Beckenbauer schreckte bei seinem Ansturm auf die uneingeschränkte Führungsrolle im Nationalteam auch nicht vor dem verdienten Schnellinger zurück.

Snelli, wie er in Italien auch genannt wurde, spielte bis 1974 beim AC Mailand, ein anerkannter Leitwolf im Team. „Fußball ist für mich kein beliebiger Leistungssport“, sagt Schnellinger. „Fußball ist etwas Besonderes, weil vom Kollektiv geprägt. Ein professioneller Typ lebt im Team, denkt im Team und handelt im Team. Er muss sich einordnen, auch unterordnen können, muss immer mannschaftsdienlich auftreten, aber er muss auch Initiative ergreifen. Ein Führungsspieler reißt die ganze Mannschaft mit, letztendlich immer zum eigenen Vorteil.“ Zeiten auf der Reservebank hat er kaum erlebt, zumal er selten verletzt war. Er sei stets Stammspieler gewesen, weil er immer geleistet habe, was von ihm erwartet worden sei.

Das habe natürlich sein Selbstbewusstsein gestärkt und jede Diskriminierung im Keim erstickt. „Wenn einer nicht spielt, dann wird es natürlich schwierig. Das zermürbt und macht sauer. Natürlich muss man als Ausländer beweisen, dass man gut, ja besser ist als die einheimische Konkurrenz. Doch das ist überall so, egal, ob in Deutschland oder Italien.“

1975 kehrte Schnellinger zum Ausklang seiner Karriere noch einmal nach Deutschland zurück. Sein Gastspiel bei Tennis Borussia in Berlin war kurz und eher erfolglos, und so holten ihn italienische Freunde daraufhin nach Mailand zurück, verschafften ihm Arbeit als Kaufmann und später als PR-Experte einer weltweit aktiven Investmentkette.

Da seine gesamte Familie – auch die drei Töchter – in Italien heimisch wurden, zog es ihn danach nie mehr nach Deutschland zurück. Mailand wurde die Heimat des Karl-Heinz Schnellinger, der die italienische Lebensart respektive Kultur verinnerlichte und akzeptierte. In Italien werden seine Leistungen heute noch hoch gelobt, in seinem Herkunftsland dagegen sind sie trotz vier WM-Teilnahmen weitgehend unbekannt. „Ich komme mir in Deutschland manchmal wie eine vergessene Randfigur vor“, sagt Schnellinger.

Wie zum Beispiel 1990. Da war er richtig wütend, weil das Austragungsland der Fußball-WM Italien hieß, der Deutsche Fußball-Bund es aber versäumte, Carlo il Biondo, den Mailänder, als deutschen WM-Botschafter in seine Planungen einzubeziehen. Auch mit seiner Heimatstadt Düren – auf halbem Weg zwischen Aachen und Köln – liegt er in einer Art Dauerzwist. Bei der örtlichen Spielgemeinschaft begann seine Karriere als Zwölfjähriger, doch für Bürgermeister Paul Larue ist die Ehrenbürgerschaft des berühmten, unbekannten Sohnes der Stadt kein Diskussionsthema. Auch nicht, seit Schnellinger vor der WM 2006 von 18 Bundesligatrainern in „Deutschlands Traumelf“ gewählt wurde – als bester linker Verteidiger seit 1954, als Inkarnation deutscher Fußballtugenden, als professionelles Vorbild.

Reiner Brückner ist Autor der WM-Porträtsammlung „Deutschlands Traumelf“ (mit Karl-Walter Reinhardt), Fackelträgerverlag, Köln, 2006.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar