Zeitung Heute : Als würde der Verstand aussetzen

Thorsten Metzner

Manchmal hilft es, eine Situation nachzustellen. Man kann begreifen, warum jemand handelt, wie er handelt. Darum macht man in der Psychotherapie Rollenspiele. Manchmal bedient sich auch die Justiz dieses Mittels; das Gericht lässt mit verteilten Rollen Gesprächsprotokolle verlesen, wie an diesem Vormittag in Potsdam. Das geschieht zwar weniger aus therapteutischen Gründen, eher der Verständlichkeit halber - aber vielleicht kann man sich dem schweigenden Angeklagten so trotzdem am besten nähern.

Der Vorsitzende Richter übernimmt den Part des Angeklagten, der Beisitzer ist der Killer. "Ich habe von dir den Auftrag bekommen, deine Frau zu beseitigen. Und ich habe es getan", sagt der Beisitzer. "Ich will jetzt Kohle sehen!" Er spricht laut, so wie es der Killer in der Wirklichkeit getan hatte; im Hintergrund dröhnten die S-Bahnen, das Mikrofon hatte er unterm T-Shirt versteckt.

"Du brauchst nicht so zu schreien, ich höre dir zu", sagt der Richter-Auftraggeber. Er verlangt eine "offizielle Bestätigung", dass "das Problem" gelöst, Ehefrau Ursula tot sei. Vorher will er nicht zahlen. Der Richter-Auftraggeber:"Ich bin schon drei Mal verarscht worden... Dein Wort reicht mir nicht." Der Beisitzer-Killer: "Soll ich dir eine Schaufel geben? Willst du sie ausbuddeln?"

Am 27. Juli 2001, am Berliner Bahnhof Zoo, wurde der echte Dialog gesprochen. Die Besetzung der Rollen an jenem Tag:Ralf M., ein stämmiger Mann, man könnte sagen ein Rausschmeißertyp, und Jochen Wolf, früher einmal Bauminister von Brandenburg mit KarrierezielMinisterpräsident, ein paar Minuten später einer von Brandenburgs prominentesten Häftlingen. Als das Protokoll vom Observations-Tonband im Potsdamer Landgericht vorgetragen wird, kann sich mancher Zuschauer ein Grinsen nicht verkneifen.

Szenen wie diese gibt es in diesem Prozess häufiger, bei dem Wolf wegen zweifach versuchter Anstiftung zum Mord an der eigenen Ehefrau auf der Anklagebank sitzt. Das Unfassbare, das Ursula Wolf beinahe das Leben gekostet hätte, kommt in seinen Details oft daher wie ein drittklassiger, unfreiwillig-komischer Groschenroman.

Schwarzes Leder

Nur der Angeklagte verzieht keine Miene. Er schweigt, blickt starr aus dem Fenster, die Lippen zu einem dünnen Strich zusammengezogen, die Körperhaltung aufrecht, als ob es die Schmach nicht gäbe. Aber der einst so stechende Blick ist leer. Er blickt durch Ralf M. hindurch, der sich als Killer ausgab, als Referenz auf seine Vergangenheit als Fremdenlegionär verwies. Doch Ralf M. hatte nur vor, gemeinsam mit Wolfs Bekanntem André D. das Geld des ehemaligen Ministers "abzugreifen"; später bekam er kalte Füße und offenbarte sich der Polizei.

Vor Gericht entpuppt sich Ralf M. als vorbestrafter Klein-Ganove, der anschaulich erzählt, wie alles begann: Wie er eigens schwarzes Leder trug, sich den Kopf kahlscheren ließ, um auf Wolf "gefährlich" zu wirken. Wie er bald darauf das Opfer besuchte, sich als Gärtner ausgab, der bei den Wolfs arbeiten wollte. Wie er mit Ursula Wolf beim Kaffee plauderte und sie ihm prompt vom nervenaufreibenden Scheidungskrieg mit ihrem Mann erzählte. "Wir haben uns fantastisch unterhalten", erinnert sich Ralf M. Nur Jochen Wolf war es bitterernst. Den Auftrag habe der Angeklagte "kühl, mit ruhiger Stimme" erteilt, schildert der Zeuge, nicht aus einem Moment der Wut heraus, sondern sorgfältig abwägend und überlegt. "Da war direkt vom Töten die Rede." Das war im Frühjahr 2000. Alles wurde genau erörtert: Wolf habe sogar angeboten, eine "Pistole mit Schalldämpfer" zu besorgen, habe die Lebensgewohnheiten seiner Frau beschrieben. Habe darauf hingewiesen, dass "es" während seiner Abwesenheit geschehen müsse, "tausend Vorschläge" gemacht. Und er habe irgendwann an Ralf M., der zunächst "alles für Geschwafel" hielt, die ersten 10000 Mark übergeben. Noch einmal so viel wollte er nach der Tat zahlen.

Die Beweislast scheint erdrückend, Wolf hat in der Untersuchungshaft ein weitgehendes Geständnis abgelegt. Jochen W. wird am Ende mit Glück sechs Jahre Gefängnis bekommen, eher vielleicht werden es acht, vielleicht auch die Höchststrafe:15 Jahre. Ob das einen Unterschied macht nach dem Absturz, den er erlebt hat? Wer kann das schon sagen. Im Raum steht auch die viel gewaltigere Frage: Was führte ihn in tiefste seelische Abgründe?

Darauf versucht der psychiatrische Gutachter Alexander Böhle eine Antwort zu finden. Noch ist er nicht fertig mit seiner Arbeit, er rundet das Bild ab, das er vom Angeklagten hat, indem er den vor Gericht auftretenden Zeugen Fragen stellt. Diese Fragen zielen immer wieder auf die Doppelgesichtigkeit und Widersprüchlichkeit des 60-jährigen ehemaligen Ministers, der als hochintelligent und ehrgeizig, zugleich aber als selbstgerecht, aufbrausend, gewalttätig beschrieben wird. Eines Mannes mit narzisstischen, sogar paranoiden Zügen, dessen Verstand die Emotionen nicht zügeln kann.

Hatte Wolf nie Skrupel? Jedenfalls nicht in der Politik. Während einer Singapur-Reise empfahl sich der Bauminister bei einem Dinner mit ausländischen Diplomaten schon als Nachfolger von Regierungschef Stolpe, der wegen seiner Stasi-Kontakte unter Druck geraten war. Und vom dubiosen Immobilienmakler Axel Hilpert, einst Antiquitäten-Einkäufer im stasi-beherrschten Koko-Imperium von Schalck-Golodkowski, ließ sich Wolf provisionsfrei ein Grundstück für das standesgemäße Einfamilienhaus in Groß Glienicke vermitteln; die Affäre war der Grund für seinen Rücktritt im Jahr 1993.

"Ein sensibler Mann"

Schon gar nicht hatte Wolf Skrupel gegenüber seinen Frauen, die an dem Tyrannen verzweifelten: Die erste misshandelte er, als sie schwanger war, die zweite beging Selbstmord. Die dritte, Gabriele Noeske, ist froh, "rechtzeitig davongekommen" zu sein. Ganze elf Monate dauerte die Ehe. Dass er Minister werden konnte, hat sie nie begriffen: "Jeder, der mit ihm vier Wochen zu tun hatte, musste doch erkennen, dass er für ein solches Amt ungeeignet war: Er hat sich immer über alle anderen gestellt."

Gabriele Noeske erzählt das bei einem Treffen in einem Potsdamer Altenheim, in dem sie arbeitet. Sie hat selbst um das Gespräch gebeten. Die vielen Berichte über den Prozess gegen ihren Ex-Mann haben einiges aus ihrer Vergangenheit wieder aufgewühlt. Vor Gericht ist sie bisher nicht aufgetreten, aber auch sie will reden über damals, ergründen, wie es so weit kommen konnte.

Er sei zunächst ein sensibler Mann gewesen, mit dem man nächtelang über Literatur und Kunst diskutieren konnte, erinnert sich Gabriele Noeske. Doch noch vor der Hochzeit erlebte sie einen anderen Jochen Wolf: einen Choleriker, der ihren Sohn bei geringsten Anlässen verprügeln wollte, aber gegen sich selbst ankämpfte. Da funktionierte dieser Mechanismus noch. "Mit mir nicht im Reinen. Voller Zweifel und Bedenken. Unsicher und deshalb auch unglücklich", schrieb Jochen Wolf in jenen Tagen an Gabriele Noeskes Mutter. "Ja, Mu, meine Seele weinte." Er sei sich nicht sicher, dass Gabriele und der Sohn "mit mir glücklich sein können.

"Wenig später geht diese Beziehung in die Brüche, als Ursula Wolf im Sommer 1979 in sein Leben tritt, das spätere Opfer. Sie wird es 16 Jahre lang mit ihm aushalten. Als ihr Mann in der Wendezeit eine Blitzkarriere in der Politik macht, gibt die Industriekauffrau den Beruf auf, wird "gern Hausfrau". Aber dass auch diese Ehe zerrüttet ist, zeigt sich spätestens, als Wolf das Ministeramt aufgeben muss. "Er hat nicht mehr mit mir gesprochen", erzählt Ursula Wolf.

Fortan geht es nur noch bergab mit dem einstigen Wende-Aufsteiger. Er tritt aus der SPD aus, gilt in der Politik als Unperson. Seine Firma Wolf & Partner macht pleite. Vor Gericht muss er sich wegen Fahrerflucht verantworten. Weil sich die Ermittlungen wegen Korruptionsverdachts über Jahre hinziehen, kommt die erhoffte Karriere in der Privatwirtschaft nicht zustande. Er klagt sich in den Landesdienst zurück, wird Projektverantwortlicher für die GUS-Staaten bei der Außenhandelsagentur Braha. Auf einer Dienstreise lernt er 1995 die junge russische Dolmetscherin Oksana Kusnezowa kennen, seine "große Liebe", wie er den Boulevardzeitungen immer wieder verkündet. Er schmiedet große Pläne, will die fotogene Russin als Modell herausbringen, lässt sie in Dessous posieren. Fotos aus dieser Zeit zeigen ein strahlendes Paar.

Wie ein Ertrinkender klammert sich Wolf an den Strohhalm des neuen Glücks, hoffend, dass sich das Blatt nun wenden werde. Aber Oksana darf nur als Touristin einreisen, für einige Monate im Jahr. Wolf kämpft, prozessiert, spricht beim Auswärtigen Amt vor. Vergeblich, nur die Heirat könnte Oksana endgültig nach Deutschland bringen. Doch Ursula Wolf, eine willensstarke, ja dominante Frau, willigt nicht in die Scheidung ein. Dies war, sagt sie in einem Interview, ihr einziges "Druckmittel", um den Unterhalt, um vernünftige Konditionen zu erstreiten. "Er wollte nicht zahlen. Ich musste alles einklagen", gibt sie im Prozess zu Protokoll.

Sie trifft Jochen Wolf an seiner empfindlichsten Stelle: Er musste 5000 Mark für das Haus und 2000 Mark Unterhalt zahlen. Dass seine Frau in diesem hässlichen und öffentlich ausgetragenen Rosenkrieg am längeren Hebel saß, muss ihn, der schon im Alltag keinen Widerspruch vertrug, zur Weißglut getrieben haben. Er setzt einen Privatdetektiv auf seine Frau an, will ihr Schwarzarbeit nachweisen. Kurz vor Weihnachten 1998 lauert Oksana Ursula Wolf beim Jogging auf, bedroht sie mit einer Pistole. Die Staatsanwaltschaft wird später von einem ersten Mordauftrag sprechen. Es kommt aber nur zum Handgemenge, Ursula Wolf erstattet Anzeige. In der gleichen Nacht setzt sich "Oksanuschka", wie Wolf sie damals nennt, die Pistole an die Schläfe und drückt ab. "Oksana hat sich erschossen, aber meine Frau hat sie umgebracht", erzählt er später.

Triumphierender Blick

Jochen Wolfs Hass auf seine vierte Ehefrau muss sich ins Unermessliche gesteigert haben, bis zu jenem Punkt, wo er "nach sechs Jahren den seelischen Druck nicht mehr aushalten konnte", wie Wolf nach seiner Festnahme sagte. "Egal wie, ich wollte die Trennung, um jeden Preis." Er erteilt, laut Staatsanwaltschaft zum zweiten Mal, den Mordauftrag.

Bereut Jochen Wolf, was er getan hat? Sucht er erstmals die Schuld nicht bei anderen? Nur einmal hat man eine Ahnung. Es ist der Augenblick, als Hauptkommissar Ralf Oberhemm als Zeuge bei Gericht überraschend erklärt, dass er über frühere Polizeikontakte von Ralf M. nicht aussagen dürfe. Ein sicheres Indiz, dass der vermeintliche Killer ein V-Mann war. Da schickt Wolf einen triumphierenden Blick in den Raum, wird plötzlich ganz unruhig.

Sein Mandant gehe davon aus, so hatte schon Wolfs früherer Anwalt Sven Oliver Milke gesagt, dass er Opfer einer "raffiniert eingefädelten Politintrige" wurde, dass er zu den Mordplänen verleitet wurde: Der Anstifter verfüge über Verbindungen in die Potsdamer Regierung.

Gemeint war Wolfs Bekannter und Arbeitskollege André D.. Der Mann, der auch den vermeintlichen Killer vermittelte, hat im Gericht die Aussage verweigert. Aber seine Mutter - sie arbeitet im Wirtschaftsministerium, ihr Mann als Referatsleiter in Brandenburgs Staatskanzlei - hat als Zeugin ausgesagt: Wolf habe sich immer wieder darauf versteift, dass Regierungschef Stolpe und weitere Spitzenpolitiker sich gegen ihn verschworen hätten. "Es war für ihn Gewissheit, dass es so ist", sagte sie. "Es war, als würde der Verstand aussetzen."

Auch als sie diesen Satz sagt, sitzt Jochen Wolf da und schweigt. Aber vielleicht ergreift er, der als Minister das Blitzlicht und die Kameras so sehr liebte, ja noch die letzte Chance für einen großen Auftritt. Es sind noch fünf Verhandlungstage angesetzt.

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