Zeitung Heute : Alt im neuen Deutschland

Zwei Mieter aus der Stalinallee: Für die DDR schleppten Horst Adam und Frida Krüger Steine. Er ging am 17. Juni arbeiten, sie zerschnitt rote Fahnen. Vor 50 Jahren zogen die ersten Bewohner an den sozialistischen Prachtboulevard. Sie waren Auserwählte. Einige von ihnen leben heute noch hier.

Robert Ide,Christoph Podewils

Von Robert Ide

und Christoph Podewils

Im Küchenradio läuft laute Musik, irgendwas Modernes. Horst Adam dreht am schweren, braunen Plasteknopf. Aus das Ding. Der Rentner schließt die Augen, schüttelt genervt den Kopf. Jetzt klingelt es auch noch. Horst Adam geht zur Gegensprechanlage. „Hallo, wer ist da?“, fragt er leise. Plötzlich schreit Adam ins Mikrofon: „Was, Werbung? Ihr Misthunde könnt unten bleiben.“ Er geht zurück in seine Küche, reißt sich die Brille vom Kopf und wirft sie auf den Tisch. „Für so was ist Geld da heutzutage, für diese Papierverschwendung.“ Pause. „Aber für die Arbeiter wird nichts mehr getan.“ Stille.

Horst Adam macht kein Hehl daraus, dass er sich in diesem Deutschland nicht mehr wohl fühlt. Er ist 75, und seine Heimat ist die Deutsche Demokratische Republik. Aus dieser Zeit sind ihm nur Erinnerungen geblieben – und seine Zweiraumwohnung an der Karl-Marx-Allee. Horst Adam lebt seit 50 Jahren hier. Er war einer der ersten Mieter am Prachtboulevard, der früher den Namen Stalins trug. Als „erste sozialistische Straße Deutschlands“ war die Allee konzipiert worden, mit wuchtiger neoklassizistischer Architektur und ungewöhnlich viel Komfort in den Wohnungen. Am 7. Januar 1953 fuhren offene Möbelwagen die einstige Trümmerstraße entlang, zwischen Schränken und Tischen winkten die neuen Bewohner von den Ladeflächen. Die Laster waren geschmückt mit bunten Girlanden und Transparenten, auf denen stand: „Wir ziehen in die Stalinallee.“ Ein weißes Band wurde durchschnitten, dann durften 70 Arbeiter die ersten „Wohnzellen“ beziehen – mit Fahrstuhl, Fernwärme, Müllschlucker und Badewanne. „Das war Luxus für 75 Mark“, sagt Adam. Heute zahlt er 450 Euro und hat Streit mit der Wohnungsbaugesellschaft.

Ein Mieter, genannt Taschenkrebs

Jawohl, Horst Adam ist stolz auf die Vergangenheit. Er blättert in Fotoalben, zeigt vergilbte Bilder von den Aufräumarbeiten nach dem Krieg. „Jeden Tag haben wir nach der Arbeit Steine gekloppt, das ganze Kollektiv.“ Adam, von Beruf Werkzeugmacher, ist in Neuruppin geboren. Als 17-Jähriger wurde er in Hitlers Krieg geschickt, er kam mit drei Schusswunden wieder und glaubte an den Neuanfang in Berlin, Hauptstadt der DDR. Als Prämie fürs Schuften und seine Überzeugung bekamen er und seine Frau die Wohnung. Zwei Zimmer mit Aussicht auf die breite Straße und den Rosengarten. „Früher sahen die Blumenbeete ordentlicher aus“, sagt Adam.

In der DDR war es ein Privileg, in der Stalinallee zu wohnen. Ohne Parteibuch, das ist bekannt, kam man kaum hierher, die Betriebe übernahmen die Verteilung des knappen Wohnraums. „Das ist doch alles Quatsch“, sagt Adam dazu. Als hätte er sich auf diese Frage vorbereitet, holt er einen Zettel aus dem Wohnzimmer, auf dem er mit Kugelschreiber alle Mieter des Hauses aufgelistet hat, die mit ihm eingezogen sind. Dann liest er vor: In der achten Etage wohnte ein Kunsthändler, in der siebten eine Monteurin aus dem Glühlampenwerk. Und weiter: Kraftfahrer, Maurer, Eisenbahner, sogar ein Laienpriester. Horst Adam lacht und reicht den Zettel über den Tisch. Hinter jeden Namen hat er eine Abkürzung gesetzt. SED oder PL – SED steht für SED und PL für parteilos. Sieben von 23 Mietern waren parteilos.

„Hier haben zu 90 Prozent Auserwählte gewohnt“, sagt Frida Krüger. Sie ist 81, ihr weißes Haar sticht ins Blonde, und ihre Haut hat noch im Winter einen sonnigen Teint. Sie lebt ein paar Blöcke weiter. Auch sie hat Trümmer in der Stalinallee weggeräumt, auch sie hat hier 1953 vom Betrieb eine Wohnung bekommen. Frida Krüger erinnert sich an ihre Mitmieter: „In meinem Haus gab es eine Gefängnisaufseherin, einen Polizisten und einen, den haben wir ,Taschenkrebs’ genannt. Der hat als Zöllner die Taschen kontrolliert, wenn man mit der S-Bahn von West-Berlin zurückgekommen ist.“ Am 17. Juni, beim Aufstand der Arbeiter, hätten sich diese Leute nicht mehr auf die Straße getraut. „Erst als die Russenpanzer kamen, gingen die Fenster auf, und überall kamen die roten Fahnen raus.“

Zuvor aber wäre die DDR fast zusammengebrochen. Am 16. Juni 1953 marschierten 10 000 Bauarbeiter von der Stalinallee zum Haus der Ministerien, um gegen die Erhöhung des Arbeitspensums zu protestieren. Fritz Selbmann stellte sich ihnen entgegen, auf einem Tisch vor dem Ministerhaus. „Seht euch meine Hände an“, rief der Minister für Erzbergbau und reckte seine Finger in die Luft, „ich bin selber Arbeiter.“ Doch die Demonstranten buhten ihn aus. Also verkündete Selbmann die Rücknahme der Verordnung. Die Demonstranten buhten weiter. Alfred Brun, ein Arbeiter, rief dazwischen: „Hier stehen nicht allein die Bauarbeiter von der Stalinallee, hier stehen Berlin und die ganze Zone. Was du hier siehst, das ist eine Volkserhebung. Wir fordern freie Wahlen!“ Selbmann gab auf und stieg vom Tisch. Die Masse applaudierte. Brun rief ihm hinterher: „Morgen kommen wir wieder.“ Doch am nächsten Tag sollten die Panzer kommen. 51 Menschen starben auf den Straßen, mehrere sowjetische Soldaten, die den Befehl verweigerten, wurden standrechtlich erschossen.

„Alles Quatsch!“, ruft Adam. „Das waren doch keine Arbeiter da unten, das waren Verbrecher, Strolche und alte Nazis.“ Mit dieser Konterrevolution wollte er nichts zu tun haben. Horst Adam ging am Morgen des 17. Juni zur Arbeit, drei Stunden lief er zum Fernsehwerk nach Schöneweide, um zu zeigen, auf welcher Seite er steht. Abends musste er ins Krankenhaus Friedrichshain. „Meine Frau war da eingeliefert worden, die hatte sich über alles so aufgeregt, dabei war sie doch schwanger.“ Das Kind kam tot zur Welt. Und Horst Adam meldete sich bei der DDR-Kampfgruppe. Fortan kochte er in seiner Freizeit für die Hilfsarmee, die sich bereithielt, die nächste Konterrevolution niederzuschlagen.

Der Schnurrbart des Diktators

„Arbeiter im Streik gegen den Arbeiterstaat – was ist da vorgegangen in den Menschen?“, fragte sich der Schriftsteller Stefan Heym in seinem Tagebuch. „Woher die Widersprüche, die plötzlich aufbrechen?“ Die Stalinallee – mehr und mehr wurde sie zum Symbol für die Widersprüche, die die DDR ausmachten. Die großen Paraden fanden hier statt, die bunten Umzüge am 1. Mai und am Republikgeburtstag, mit denen sich die alten Herren auf der Tribüne von den jungen Abordnungen aus den Schulen und Betrieben feiern ließen. „Für mich war es eine Ehre, da hinzugehen“, erinnert sich Horst Adam, „und selbstverständlich haben wir auch eine Fahne aus dem Fenster gehängt.“

Frida Krüger hat die Fahnen immer gehasst. Eine hing mal nach der 1.-Mai-Parade wochenlang vor ihrem Wohnzimmerfenster. „Die Genossen fanden immer neue Gründe, die Fahne nicht abzunehmen“, erzählt Krüger. „Der Blick auf die Straße war völlig versperrt. Da habe ich einfach ein Loch reingeschnitten.“

Doch nicht nur die Fahnen und die in dicken Lettern angebrachten Parolen prägten die Allee. Es waren auch die Bauten im Moskauer Zuckerbäckerstil, all die Türme und Säulen, die der Parteiführung erst nicht aufwändig genug sein konnten und die sie später wegen ihrer mangelnden Funktionalität geißelte. Es waren die 150 Geschäfte und Cafés, die Restaurants „Warschau“, „Moskau“ und „Budapest“, die wegen ihrer Weinkeller und der Stehgeiger an den Tischen so exklusiv waren und gerade deshalb so bedrückend. Die Stalinallee war der steinerne Versuch vom ideal existierenden Sozialismus. Ein gescheiterter Traum, der noch heute in einigen Wandmosaiken zu erahnen ist.

Vor allem aber war die Straße eins: Personenkult. Schon zur Umbenennung der Frankfurter Allee am 21. Dezember 1949 ließ SED-Chef Walter Ulbricht 50 000 FDJ-Mitglieder zu einem „Weihemarsch“ auflaufen und ein pompöses Feuerwerk abbrennen, dessen Höhepunkt ein großes Stalin-Bildnis aus Leuchtraketen war. Der Tagesspiegel notierte damals erstaunt: „Beim Verglimmen des Feuerwerks war nur noch der Schurrbart des Diktators zu sehen.“ Zwei Jahre später wurde das große Vorbild in Bronze gegossen und als Denkmal auf einen Sockel gehoben, direkt gegenüber einer monumentalen Sporthalle. Zehn Jahre danach, Stalin war schon tot und die Mauer gebaut, wurde das Denkmal wieder entfernt. In einer verregneten Nacht rissen Volkspolizisten alles weg, aus der Statue wurden bronzene Flamingos und Eisbären für den Tierpark Friedrichsfelde.

„Ein richtiger Nachtstaat“

Ihren Namen verlor die Stalinallee auch über Nacht – von einem Tag zum anderen war es aus mit dem Stalinismus. Der Ost-Berliner Magistrat beschloss die Rückbenennung des östlichen Teils in Frankfurter Allee, das Stück zwischen Alexanderplatz und Frankfurter Tor war fortan Karl Marx gewidmet. Frida Krüger traute ihren Augen nicht, als sie am Morgen des 14. November 1961 aus ihrem Haus trat. „Überall standen neue Straßenschilder an den Kreuzungen, sogar die Hausnummern hatten sich geändert.“ Ob die Bewohner denn nicht vorher informiert worden seien? „Ha“, lacht sie auf und schlägt mit ihrer braun gebrannten Hand auf den Tisch. „Diese DDR…“ – wenn Frida Krüger von der DDR spricht, dann sagt sie gerne ,diese DDR’ – „…diese DDR war ein richtiger Nachtstaat.“

Vielleicht ist die Karl-Marx-Allee ein guter Ort der Erinnerung. Die Bauten von damals sind geblieben, die großzügigen Hochhäuser mit ihren hellen Porzellankacheln aus Meißen, die irgendwann der Schwerkraft nachgaben. Jene Häuser, in denen der Architekt Hermann Henselmann „weiße Schwäne“ entdeckte, „die aufsteigen aus den Trümmern Berlins“. Auch die Menschen von damals sind noch da. Bertolt Brecht schrieb: „Friede in unserem Lande, Friede in unserer Stadt, dass sie den gut behause, der sie gebauet hat.“ Vielleicht meinte Brecht damit die alten Trümmerfrauen und -männer, die Frida Krüger oder Horst Adam heißen und hier nicht mehr wegkommen.

Die Menschen bewahren die Geschichten der Stalinallee. Sie haben sie sogar aufzeichnen lassen für eine Ausstellung über das „Leben hinter der Zuckerbäckerfassade“, die von Mittwoch an in der Filmlounge in der Frankfurter Allee zu sehen ist. Zum Beispiel die Geschichte vom Obstladen, in dem es manchmal Ananas, Nüsse und Weintrauben gab. Oder die von den empfindlichen Wasserrohren, die immer wieder brachen und nur notdürftig mit Manschetten geflickt wurden. Und natürlich die von den Dachterrassen, auf denen die Hausgemeinschaften feierten und grillten. Die Auserwählten.

Heute gibt es die Dachterrassen nicht mehr. „Da sind jetzt Luxuswohnungen drin“, sagt Horst Adam, „aber die kriegen die nicht alle vermietet.“ Adam setzt die Brille auf und geht zum Küchenfenster. Da unten sei mal ein Kinderspielplatz gewesen. „Den haben die wegrationalisiert. Bringt ja kein Geld.“ Immer wieder „die“. Adam meint die Banken, die die Straße nach der Wende aufgekauft haben, und die Kapitalisten, denen es nur ums Geld gehe. Deshalb gebe es heute so viele Ramschläden an der Allee und diese neumodischen Galerien, außerdem „Kneipen, in denen keiner sitzt“. Gut, die neuen Eigentümer haben die Häuser saniert. Die Fenster sind jetzt dicht. „Aber früher waren die größer. Und auf die Fensterbank konnte man viele Blumentöpfe stellen.“ Heute hat dort nur noch das „Neue Deutschland“ Platz.

In Frida Krügers Wohnung gibt es nur wenige Zeitungen und Bücher. Sie sind in einem braunen Eckschrank versteckt – dem letzten DDR-Überbleibsel in ihrem Wohnzimmer. „Das Ding mag ich nicht“, sagt Krüger. Sie will sich was Neues anschaffen, etwas, das besser zur grünen Ledercouch passt und das so neu glänzt wie der Videorekorder, der Fernseher und die Stereoanlage. „Ein normaler Mensch braucht diese Technik nicht, diesen ganzen Dreck“, beharrt Horst Adam. Er hat all seine Möbel behalten, auch das brummende Radio in der Küche. An den Wänden hängen Bilder von seinen Segeltouren nach Tallinn und Riga und von seiner Frau Erna. Unter einem Porträtfoto von ihr steht, dass sie mal Aktivistin im Einzelhandel war, eine Auszeichnung für ihre Arbeit im Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz. An der Ecke des Bilderrahmens ist eine schwarze Schleife angebracht. Erna ist vor ein paar Wochen gestorben.

Frida Krüger bricht inzwischen öfter aus der alten Welt aus. Wenn sie Geld hat, verlässt sie die Karl-Marx-Allee und geht auf Reisen. Zuletzt war sie auf den Kanarischen Inseln und zum Rudern in Jugoslawien, für dieses Jahr plant sie einen Asien-Urlaub. Adam schaut lieber bei seinen Seglern vorbei, ansonsten bleibt er in der Gegend.

Es gibt Tage, an denen sitzt Horst Adam allein in seinem Wohnzimmer und sucht im Atlas nach den schwedischen Städten, in denen sein jüngerer Sohn jetzt arbeitet. Der Ältere ist arbeitslos. Wenn Horst Adam draußen ist, schaut er im Roten Laden der PDS vorbei oder bei ein paar Nachbarn. Manchmal geht er sogar in eine der neuen Kneipen und trinkt einen Kaffee. „Auch wenn das nicht mehr mein Vaterland ist“, sagt Adam und legt die Brille vorsichtig auf den alten Küchentisch, „diese Straße ist mein Zuhause.“

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