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GREGOR SCHMITZ-STEVENS

"Eros & Ecclesia": "Anonymous 4" singt Hildegard von BingenGREGOR SCHMITZ-STEVENSBis auf die Orgelempore füllt sich die Gethsemanekirche an diesem Abend.Ein buntgemischtes Publikum strömt herbei, um Musik von Hildegard von Bingen zu hören.Die Heilige, Mystikerin, Dichterin und Komponistin des 12.Jahrhunderts erfreut sich, ein Jahr vor ihrem neunhundertsten Geburtstag, größter Beliebtheit.Und gesungen wird ihre Musik von vier Damen aus Boston, dem Vokalquartett "Anonymous 4". Auf dem Programm stehen liturgische Gesänge zum Fest der Heiligen Ursula, die - wie die Legende berichtet - mit ihrem Gefolge von elftausend Jungfrauen in Köln den Märtyrertod gestorben ist.Die mittelalterliche Liturgie ist der Sinnzusammenhang, aus dem heraus diese Gesänge zu verstehen sind, und folgerichtig haben die vier Sängerinnen ihre Auswahl aus Hildegards Ursula-Gesängen in einen Rahmen von Vigil, Laudes und Vesper gebettet.Langsam und feierlich deklamieren sie die lateinischen Texte als einstimmigen Choralgesang - die wenigen zweistimmigen Passagen fallen als herausragende Ereignisse sofort ins Ohr. "Eros & Ecclesia" - das Festival-Motto ist hier ganz und gar zutreffend, denn Hildegard beschreibt in ihren Gesängen die Kirche mit den Attributen weiblicher Schönheit (im Hymnus "O Ecclesia") und Religiosität als ein Liebesverhältnis zu Gott (in der "Sinfonia virginium").Hildegards Musik hierzu ist, gemessen am gewöhnlichen liturgischen Gesang der Zeit, ausdrucksstark, reich an Melismen und Sprüngen, was das Vokalquartett wunderbar hervorhob."Anonymous 4" singt für ein großes, vielfältiges Publikum, was eigentlich für die betrachtende religiöse Versenkung konzipiert war.

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