Zeitung Heute : Alte Bücher aus dem Cyberspace

GRIT JASSMANN-EGNER

Stundenlang nach schönen alten Schwarten stöbern - das geht auch am Computer.Unter www.zvab.com finden alle, die nach Verschüttetem suchen, ein wahres Paradies vermeintlich verschollener Bücher.Die Recherche in dem Verbund virtueller Antiquariate ist für den Besitzer eines Internetanschlusses kostenfrei und sehr empfehlenswert, denn in den aus HTML-Dokumenten gezimmerten Bücherwänden gibt es ein enormes Angebot.Momentan sind über 220 000 Titel aus allen erdenklichen Bereichen aufgenommen, und die Tendenz ist steigend, da sich immer mehr Buchantiquariate diesem Verbund anschließen - in der Erkenntnis, daß es sich hier nicht um eine Bücherramschkiste handelt.



Bei der Suche nach Antiquarem lassen sich in dem "Zentralen Verzeichnis Antiquarer Bücher" (ZVAB) unter Eingabe von Sachgebieten, Stichwörtern oder genauem Titel die Antiquariatsbestände systematisch durchforsten.Nachdem der Besucher dieses virtuellen Antiquariats den ausgefüllten Suchtext abgeschickt hat, werden alle Antiquariate, in denen das gewünschte Werk vorrätig ist, aufgelistet.Über einen Hyperlink kann er dann mit der Buchhandlung, in der das gefundene Werk steht, in Verbindung treten.

Dort angelangt, erhält er zusätzlich zum Preis Hinweise über den Erhaltungszustand des aufgefundenen Buches.Wer sich regelmäßig online auf die Suche begibt, läßt sich nur die Neuzugänge eines bestimmten Zeitraumes nennen.Preisvergleiche sind hier leicht möglich, aber wenig ergiebig, da der Zustand und die Ausgaben der alten Bücher stark differieren.Wenn sich der Netzkunde für den Kauf entschieden hat, kann er das Buch sofort bestellen.Dazu versendet er entweder eine E-Mail oder benutzt den Online-Bestellschein.Nach den im Bildschirmtext ausgewiesenen Zahlungsbedingungen des jeweiligen Antiquariats erwirbt man dann das gute Stück per Kreditkarte, Bankeinzug, Überweisung oder Scheck.Beispielsweise wird dieser Dienst auch von Bibliothekaren genutzt, die sich auf diese Weise alte Bücher für ihre Bibliotheken besorgen, weil sie von dem Vorteil, den die vernetzten Buchantiquariate bieten, überzeugt sind.



Die Antiquare schicken ihre meist auch in gedruckter Form vorliegenden Antiquariatskataloge an den kommerziell organisierten Berliner Anbieter.Von ihm werden dann die digitalisierten Bestände im ZVAB-Gesamtbestand online ausgewiesen.Die Preise in den Offline-Listen unterscheiden sich nicht von denen der Online-Kataloge.Für 50 000 ins Netz gestellte Titel zahlen die Antiquariate einen Monatsbeitrag von 58 Mark an den Cyber-Verbund.Je nach Wunsch der Antiquariatshändler werden die elektronischen Kataloge verschieden häufig aktualisiert.Gewöhnlich sind die Angebotslisten im Netz äquivalent zu den herkömmlichen gedruckten Listen und also auch wie diese binnen kurzer Zeit veraltet.Die Möglichkeiten einer mediengerechten Aufzeichnung werden allerdings nicht ausgeschöpft: Ein denkbarer Sofortabgleich bleibt bislang aus.Wer daher an eine Liste gerät, die vom Antiquar nur einmal jährlich aktualisiert wird, muß damit rechnen, daß er ein schon verkauftes Buch bestellt.



Die Idee zur Einrichtung der Datenbank des ZVAB wurde im September 1996 geboren.Zu Beginn konnten sich nur wenig Antiquariate dazu entschließen, die Datenbank zu bereichern.Jetzt finden sich in dem längst etablierten Verbund Gleichgesinnter fünfundsiebzig Antiquariate aus dem deutschsprachigen Raum versammelt.Neunzehn davon sind in Berlin beheimatet.Bernd Heinisch, Computerexperte und Leiter des dreiköpfigen jungen ZVAB-Teams berichtet von einer "enormen Überzeugungsarbeit", die zu Beginn notwendig gewesen sei.Heute verzeichnet er täglich bis zu 1 700 Suchanfragen.Nach seinen Angaben gehen über das ZVAB maximal 20 Bestellungen pro Woche in einem Antiquariat ein.



Wer über den Zentralen Katalog im Netz Bücher kauft, ist selten in der Kundendatei des jeweiligen Antiquariats verzeichnet.Die Nutzer dieses Services sind hauptsächlich europäischer Herkunft.Bestellungen aus Japan, den USA und Afrika sind aber längst keine exotischen Ereignisse mehr.Udo Röhm, verantwortlicher Buchhändler für den Bereich Internet bei "Fachbuchhandlung & Antiquariat Struppe und Winckler" hat sich dafür entschieden, den zweimal im Jahr erscheinenden Antiquariatskatalog in die Kartei des Berliner Anbieters aufnehmen zu lassen.Der rege Kundenzulauf bestätigt auch hier die Attraktivität dieser Einrichtung und die wunderbare Erweiterung des Leserklientels.Mit einem umfangreicheren Linkservice, vor allem zu Antiquariaten außereuropäischer Länder, würde auch der Berliner Surfer, der sein Lieblingsbuch in Kuala Lumpur bestellt, keine Seltenheit mehr sein.

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