Zeitung Heute : Alte Ladies, junge Punks - Alle suchen den Verbund

Robert von Rimscha

Die Übernahme des Mediengiganten Time Warner durch den Internet-Provider AOL mag die größte Fusion der Wirtschaftsgeschichte sein. Einmalig ist sie nicht. Was Amerikas Medienkonzerne angeht, ist sie nur ein Steinchen im Mosaik. "Da vollzieht sich gegenwärtig ein Konzentrationsprozess wie vor hundert Jahren in der Schwerindustrie", meint die Historikerin Doris Kearns Goodwin. "Der Unterschied ist, dass das damals als Gefahr für die demokratische Kultur begriffen wurde. Heute kümmert sich niemand um die neuen Meinungs-Trusts!"

Gerade erst hat die "Washington Post" eine strategische Allianz mit dem Fernsehsender MSNBC geschlossen. Die Zeitung und der Sender werden Journalisten und deren Recherche-Ergebnisse teilen. Die "Post" wird künftig mit ihren Geschichten auf der Homepage von MSNBC vertreten sein, der erfolgreichsten Nachrichten-Seite im Internet mit mehr als einer Million Nutzern am Tag. MSNBC selbst ist bereits ein Unternehmen mit zwei Eltern: der Fernsehsender NBC und der Software-Gigant Microsoft.

Das "Wall Street Journal" hat sich mit dem auf die Börse spezialisierten Nachrichtenkanal CNBC zusammengetan. Der Chefredakteur von dessen Internet-Ableger CNBC.com heißt Merill Brown. "Heute laufen Anzeigenkunden doch Sturm, wenn ich in die Sitzung komme und ihnen kein Paket aus Zeitung, Fernsehen und Internet anbieten kann", begründet Brown die Fusionswut.

Die auch vor den Trutzburgen der Traditionalisten nicht Halt macht. Wie zu hören ist, wird sich die "New York Times" mit der Nachrichten-Redaktion des Fernsehsenders ABC, dem Internet-Projekt "go.com" aus dem Hause Disney und der Aktien-Webpage "TheStreet.com" zusammenschließen. Deren Chefredakteur witzelt: "Die graue Lady und der junge Punk heiraten!"

Um Gewinne geht es bei diesen Allianzen nicht, es geht um Marktanteile und Marken. Solange die Nutzungs-Gewohnheiten im Internet noch nicht gefestigt sind, will jeder sich sein Kuchenstück sichern. Dass Zeitungen dabei ein Stück Selbst-Kannibalisierung betreiben, ist den meisten Verantwortlichen klar. "Natürlich schaffen wir vor allem für Jüngere die Möglichkeit, statt unserer Zeitung das Konkurrenzprodukt Internet-Seite zu nutzen", sagt der Redaktionsdirektor der "Post". "Aber die Alternative wäre, langsam und schweigend zu sterben."

Kostenersparnis ist bei anderen Allianzen die Triebfeder. Drei der vier landesweit ausgestrahlten Nicht-Kabel-Sender, haben beschlossen, ihre Videoarchive auszutauschen. Fox, CBS und ABC wollen vermeiden, dass drei Kamerateams hinter jedem Präsidentschaftskandidaten herlaufen. CBS gehört im Übrigen Viacom. Ob der Sender über dieses Unternehmen auffallend freundlich berichtet hat, seit es zum Eigentümer wurde, oder ob Kino-Flops von Warner Bros. mehr lobpreisende Geschichten im Magazin "Time" bekamen, seit beide Häuser fusionierten - all dies sind Fragen, auf die US-Medien-Kritiker noch keine konsensfähige Antwort gefunden haben.

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