Zeitung Heute : Alte Sachen tragen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

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Ich weiß genau, warum ich in Berlin und nicht in München wohne: Ich hätte gar nichts anzuziehen dort. Und wer läuft schon gerne nackt durch die Stadt.

Neulich zum Beispiel, als Stephan Braunfels große neue Pinakothek der Moderne eröffnet und gefeiert wurde, schnell noch fünf Tage vor der Bundestagswahl (hat auch nichts genützt), da stand auf der Einladung genau drauf, was die Gäste zur Eröffnung zu tragen hätten: „Uniform, Tracht, kurzes Kleid, dunkler Anzug“. Ich habe nichts davon. Früher hatte ich mal ein fesches Dirndl. Aber das musste ich als Kind so lange tragen, dass es für den Rest meines Lebens reicht. Denn als Jüngstes von fünf Kindern blieben mir zwar die Lederhosen meines Bruders erspart, dafür musste ich sämtliche Klamotten meiner drei großen Schwestern abtragen. Und da meine Eltern uns alle in einem einmaligen Anfall von Ordnungssinn im Partnerdirndllook eingekleidet hatten, hieß das für mich: jahrelang im gleichen Kleid mit Schürzchen rumlaufen. Während die Großen längst Schlaghosen und hautenge Oberteile trugen. Nicht, dass das unbedingt besser ausgesehen hätte. Aber flotter schon.

Eine dieser großen Schwestern rief mich jetzt an, ich müsste unbedingt zu Bramigk am Savignyplatz, die hätten so schöne Taschen dort. „Das gäbe Dir ein bisschen Pepp… Mehr sag ich dazu nicht.“ So sind sie, die großen Geschwister, erst lassen sie einen jahrelang ihre ollen Klamotten abtragen, und später meckern sie, dass man einen ollen Geschmack hätte. Brave kleine Schwester, die ich bin, hab ich mir natürlich gleich so eine Tasche gekauft, in Grün und Rostrot, die Riemchen gestreift. Sieht schon ganz lustig aus. Und gar nicht bayerisch.

Neu eingekleidet habe ich mich in dem Laden nicht, in Berlin kann ich schließlich rumlaufen wie ich will. Und komme trotzdem überall rein. Zum Beispiel ins Paul-Löbe-Haus. Ja, liebe Münchener, einen Braunfels haben wir nämlich auch, viel länger schon als Ihr. Und für dieses Haus der modernen Kunst muss man nicht mal Eintritt zahlen: Anruf genügt. An jedem Wochenende werden Besucher durch das Gebäude geführt, in dem die Ausschüsse des Bundestags tagen. Durch die eleganten Sitzungssäle werden wir, das Volk, geleitet, durch die Höfe und zu allen Werken der Kunst – von Neo Rauch bis Josef Kosuth kommt da Einiges zusammen. Aber der Star ist das Gebäude selbst, von außen gar nicht so imposant, von innen aber luftig, edel und hell, im besten Sinne modern. Da ist nichts abgetragen und gebraucht, nicht mal die Mies-van-der-Rohe-Stühle. Und das Paul-Löbe-Haus hat nicht nur die vermutlich aussichtsreichste und kunstvollste Kantine der Stadt, sondern auch den besten Blick aufs Bundeskanzleramt. In dem nun doch nicht Stoiber sitzt. Also: come as you are. Susanne Kippenberger

Die Brontlay-Taschen gibt es für 90 Euro bei Bramigk, Savignypassage, Bogen 598. Anmeldung zur Führung im Paul-Löbe-Haus unter Tel. 227-32548. Am 13. 10. zusätzliche Führungen, Tel. 850 369 25. Bis zum 13. 10. ist die Kunstausstellung im Eingangsbereich geöffnet, Mo 9-14 Uhr, Di-Do 9-16 Uhr, Fr 9-13 Uhr. Auch zu den Ausschusssitzungen ist Publikum zugelassen. Info-Tel. 227-32152.

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