Zeitung Heute : Alte Schule

Klassenprimus

Bernd Matthies

VON TISCH ZU TISCH

ALTE SCHULE, Reichenwalde (b. Storkow/Mark), Kolpiner Str. 2. Tel. 033631/59464. Täglich außer montags ab 12 Uhr geöffnet, alle Kreditkarten. Foto: Anja Winkler

Wird das ein Jahr des Aufschwungs für die brandenburgische Gastronomie? Sagen wir: Schlimmer kann es kaum noch kommen, also wird es besser werden müssen. Hubertushöhe, Nummer eins über mehrere Jahre, ist auf dem absteigenden Ast, seit gleich drei Küchenchefs nacheinander das Haus verlassen haben, andere Betriebe stagnieren vor sich hin, Neugründungen auf gehobenem Niveau sind nicht zu erkennen, ausgenommen eventuell das umgebaute ehemalige Kempinski in Bad Saarow, das als Arosa-Resort im Juni wiedereröffnet werden soll.

Solche Flauten bieten den vorhandenen Restaurants immer die große Chance zur Profilierung, und wer sehen will, wie das auch ohne riesigen Aufwand geht, darf gern mal nach Reichenwalde fahren, einen winzigen Ort zwischen Storkow und Bad Saarow. Dort steht seit rund drei Jahren die „Alte Schule“, die ganz bescheiden damit begonnen hatte, für wenig Geld gute, einfache Küche zu bieten. Das hat sich geändert: Jetzt bietet sie für nur wenig mehr Geld einfach hervorragende Küche: eins der fünf besten Restaurants im Land Brandenburg, und zweifellos das mit der besten Preis-Qualitäts-Relation.

Das ist ein großes Wort, zumal für ein so schlichtes Gasthaus. Die Gäste sitzen an nackten Holztischen, die bequemen Stühle stehen auf geschliffenem Betonboden, und der mit allerhand kleinen Reminiszenzen an die Schulzeit geschmückte Gastraum ist klein und übersichtlich. Doch in der Küche steht ein Franzose, Jean-Pierre Potier, der ganz genau weiß, wie man ohne jeglichen Schnörkel, ohne exotische Gewürze und Dekorationsexzesse Geschmack erzielt. Nichts ist überflüssig auf dem Teller, nichts nur Routine. Als Amuse gueule könnte es einen kleinen Teller mit Krautfleckerln geben, Nudelstücke mit Sahnewirsing und etwas Bratenfond. Schon das war dermaßen köstlich, dass jegliche Zweifel, so vorhanden, zerstoben. Die Kalbsbriespastete mit rotem und weißem Zwiebelkompott war tatsächlich eine klassisch im Teig gebackene Pastete, aber leicht und würzig, die Lammzunge mit kleinem Salat und Linsenvinaigrette der Musterfall einer zarten Vorspeise, bestens ausbalanciert zwischen weich und bissfest, säuerlich und süß. In der sanften Blumenkohlcremesuppe schwamm ein herzhafter kleiner Rotwurstauflauf wie eine Insel der Regionalität, Deftigkeit ohne Plumpheit eben.

Es ist hier durchaus möglich, ja sogar dringend empfehlenswert, vier Gänge zu probieren, die Portionen sind darauf zugeschnitten. Was hatten wir noch? Eine zart geschmorte und dennoch knusprige Ente mit einem kleinen Kartoffelküchlein. Blutorangen dazu waren das klassische Element, knapp erhitzter Chicoree die moderne Ergänzung. Schließlich erfüllte auch die gefüllte Perlhuhnkeule unsere inzwischen hochgespannten Erwartungen, wenn auch das kleine Artischocken-Apfel-Gratin bei aller Köstlichkeit den Artischockengeschmack nicht richtig herauszustellen vermochte.

Die Desserts brachten Licht und (dezenten) Schatten mit einem tollen Grapefruitgratin mit Schokoparfait und einer zu stark aromatisierten, sehr kompakten Crème brulée, die durch das separat gereichte Vanilleeis mit grünen Feigenschnitzen nicht merklich gehoben wurde. Insgesamt bei Preisen um 8 Euro für die Vorspeisen und 15 Euro für die Hauptgänge eine tolle Bilanz. Nimmt man die zwar knapp sortierten, aber preisgünstigen Weine dazu, darunter eine ganze Serie des Top-Rheingauers Josef Leitz, ergibt sich, dass die „Alte Schule“ das Klassenziel nicht nur erreicht, sondern glatt eine Klasse überspringen darf. Unbedingt hinfahren!

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben