Zeitung Heute : Alte Socken pflastern den Weg ins Wahllokal

LUDWIGSHAFEN/HANNOVER (AP).Unter großem Medienandrang und sichtlich gut gelaunt haben Bundeskanzler Helmut Kohl und sein SPD-Herausforderer Gerhard Schröder am Sonntag in ihren Heimatorten ihre Stimmen für die Bundestagswahl abgegeben.Um punkt zwölf Uhr gingen Kohl und seine Frau Hannelore in Ludwigshafen-Oggersheim zur Wahl.Schröder und seine Frau Doris Schröder-Köpf hatten bereits am Vormittag in Hannover ihre Wahlzettel in die Urnen geworfen.Die Zeit bis zur Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen wollten beide Bewerber möglichst ruhig verbringen: "Gut leben bis 18 Uhr", wünschte sich Kohl.Die Schröders wollten in aller Ruhe Essen gehen.Sowohl Kohl als auch Schröder trafen rund zwei Stunden vor Schließung der Wahllokale in Bonn ein.Kohl wartete im Kanzleramt, Schröder in der SPD-Zentrale auf die Prognosen und Hochrechnungen.

Im Wahlkreis 157 in Ludwigshafen-Oggersheim schien die Festhalle am Mittag aus allen Nähten zu platzen.Nur mit Mühe und Hilfe zahlreicher Sicherheitsbeamter konnten Kohl und seine Frau die Wahlurnen erreichen.Rund 100 Journalisten aus dem In- und Ausland verfolgten den Wahlgang des Bundeskanzlers.Vor der Stimmabgabe besuchte Kohl den Gottesdienst in der katholischen Maria-Himmelfahrt-Kirche in Oggersheim.Zur Überraschung vieler ging er zu Fuß und ohne Begleitung den rund 200 Meter langen Weg auf den Haupteingang der bis auf den letzten Platz gefüllten Kirche zu.Neben ihm saß eine ältere Dame, die sich sichtlich unbeeindruckt gab.Nach der Kirche stieg Kohl in seine Limousine, holte seine Frau ab und fuhr zum Wahllokal.Beide wählten parallel in den Wahlkabinen.

Fünfzig Meter können ein ganz schön langer Weg sein.Diese Erfahrung mußten Schröder und seine Frau Doris machen.Auf dem kurzen Weg zum Wahllokal in Hannover waren sie so von Kamerateams und Fotografen umringt, daß sie dafür länger als fünf Minuten brauchten.Gut gelaunt und freundlich in die Objektive lächelnd, trat das Ehepaar gegen 10 Uhr 30 vor die Tür.Er trug einen schwarzen Anzug, sie zur schwarzen Hose eine weiße Jacke."Mir geht es gut.Ein wenig Aufregung will ich nicht verstecken", so Schröder.Noch einmal bezifferte er die Erwartungen für die SPD mit "40 Prozent plus X".Doch ansonsten war ihm nicht nach langen politischen Erklärungen zumute.

Nur auf eine Arbeitsloseninitiative, die die letzten zehn Meter vor dem Wahllokal mit einem bunten Teppich aus alten Socken gepflastert hatte, ging Schröder näher ein.Die Initiative wollte mit der Aktion darauf aufmerksam machen, "daß immer auf den armen Socken herumgetreten wird" und eine Politikwende notwendig sei.Das war ganz nach Schröders Geschmack: "Darum wird es in den nächsten vier Jahren gehen, um die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit."

So mühsam wie der Weg ins Wahllokal gestaltete sich für das Ehepaar Schröder auch der an sich einfache Akt des Stimmzettel-Einwerfens in die Wahlurne.Fast zwei Minuten Dauerlächeln und demonstratives Halten des grau-blauen Umschlages in den Schlitz der Wahlurne - eine umgerüstete gelbe Mülltonne - waren notwendig, um alle Fotografenwünsche nach guten Bildern zu erfüllen.Was Schröder gewählt hatte, blieb kein Geheimnis."Mit beiden Stimmen SPD, aber das überrascht Sie nicht, oder?", antwortete er den Journalisten.Damit ging seine Erststimme an Edelgard Bulmahn, die im Fall eines Regierungswechsels in Bonn Wissenschaftsministerin werden soll.Sich selbst konnte Schröder nicht wählen, da er ohne eigenen Wahlkreis antrat.

Trotz des teils trüb-regnerischen Herbst-Wetters hatten sich schon bis zum frühen Nachmittag deutlich mehr Wähler als vor vier Jahren beteiligt.Vor allem in Ostdeutschland wurde an vielen Orten ein Ansturm auf die Wahllokale verzeichnet.Bis zur Schließung der Wahllokale um 18 Uhr stieg die Spannung in den 328 Wahlkreisen immer weiter an.In Essen mußte ein Wahllokal am Nachmittag wegen einer Bombendrohung geschlossen und in ein anderes Gebäude verlegt werden.Die Polizei leitete Ermittlungen ein.

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