Zeitung Heute : Alte und neue Nachbarn

Vor 68 Jahren musste ihr Haus Hitlers Alpenresidenz weichen – Johanna Stangassinger durfte nicht zurück. Nun eröffnet auf dem Obersalzberg ein Luxushotel

Peter von Becker[Berchtesgaden-Obersalzberg]

Für sie ist die Geschichte, die nicht vergeht, keine Floskel der Gedächtniskultur. Johanna Stangassinger, diese kleine 88-jährige Dame mit weißem, glatt zurückgekämmtem Haar und dem Lächeln eines alten Mädchens, hat Adolf Hitler hier auf dem Obersalzberg über Berchtesgaden erlebt. Sie hat gesehen, wie die NS-Größen und die Staatsgäste und die vieltausend kleinen Leute an ihrem Elternhaus vorbeigepilgert sind, um dem „Führer“ vor seinem Berghof zu huldigen. Johanna war die jüngste Tochter des Hölzl-Bauern, dessen Hof Oberwurflehen schräg gegenüber an der Landstraße zum Hitlerhaus lag. Bis zum 1. Februar, heute vor 68 Jahren.

In vier Wochen wird nun einen guten Steinwurf entfernt ein Luxushotel eröffnet: das „Intercontinental Resort Berchtesgaden“, 1000 Meter über dem Meeresspiegel und ein paar Meter über dem versiegelten Bunker von Hitlers Kanzleichef Martin Bormann. Das Hotel nennt sich „Deutschlands erstes Mountain Resort“, es offeriert ab 1. März 138 Doppelzimmer und Suiten für 270 bis 1300 Euro die Nacht, mit einem Innen- und Außenpool auf 1500 Quadratmetern Beauty- und Wellness-Bereich. Doch nicht wegen seines Angebots zur Entspannung und des „atemberaubenden Blicks auf das Salzburger Land“ (so ein Prospekt) gerät das Projekt schon vor der Eröffnung in die internationalen Schlagzeilen. Es ist doch wohl eher der Nahblick auf eine teils verdrängte, teils nostalgisch oder dämonisch verklärte, in jedem Fall spannende einstige Nachbarschaft, die in den nächsten Wochen Journalisten und Kamerateams aus aller Welt in die zurzeit tief verschneite, eisige Bergwelt in Bayerns südöstlichstem Herrgottswinkel führt.

Ein Spa, wie heute die Schwimmbäder, Saunen und Massage-Sphären der besseren Hotels heißen, „ein Spa kann Hitlers Geist nicht vertreiben“, titelte die „New York Times“ zum Obersalzberger Interconti. Für Johanna Stangassinger wirkt so viel Aufhebens, wirkt diese Aufregung ein wenig übertrieben. Fast so wie die Volksaufläufe vor Hitlers Berghof. Aber damit war es vorbei, als der ganze Obersalzberg 1936/37 zum „Führersperrbezirk“ erklärt und die einheimischen Haus- und Hofbesitzer zwangsenteignet wurden. Im Januar 1937 erscheint Martin Bormann bei Johannas Eltern, und die damals 20-jährige Hanni hört den Hitler-Sekretär und NSDAP-Reichsleiter die Lockdrohung aussprechen: freiwillige Räumung mit Geldentschädigung oder Dachau – das war das nächste KZ. Also musste die Familie ihren als Fremdenpension genutzten Hof zum 1. Februar „in drei Tagen räumen, das Vieh wegtreiben und sehen, wo man blieb“.

„Drei Tage später war mein Elternhaus weggesprengt, mit den meisten Möbeln, die wir dortlassen mussten.“ Johanna Stangassinger, die einmal „Hitlers Nachbarin“ war, erzählt uns ihre Geschichte im Café „Priesterstein“. Von dem rustikal-modernen Haus, das ihr Sohn und seine Schwiegertochter mit der Enkelin in der Gemeinde Oberau betreiben, geht der Blick hinüber zum Obersalzberg, den sie selbst kaum noch betritt. Sie zeigt uns eine Dokumentation, in der die 70930 Reichsmark als Bormanns Entschädigung vermerkt sind. „Und 25000 Mark mussten wir sofort ans Finanzamt zahlen!“ Ihren Grund und Boden aber bekamen sie auch nach 1945 nicht zurück. Nicht, als die Amerikaner den Obersalzberg als „Recreation Area“ für ihre Soldaten requirierten, und auch nicht, als 1996 der bayerische Staat das Gelände übernahm.

Schon deswegen erfüllt die einstige Bauern- und Gastwirtstochter das Interconti „auf meinem Heimatboden“ mit Bitternis. „Die Tränen sind auch nach 68 Jahren noch nicht getrocknet.“ Das sagt die alte Dame leise, ohne Pathos. Sie fühlt sich von ihrem bayerischen Land und dem „Herrn Finanzminister“ verraten. Verraten und verkauft, „weil bei diesem amerikanischen Kasten, der gar nicht in unsere Landschaft passt, nur so die Millionen fließen und plötzlich alles erlaubt wird“.

Nun ist das so: Die Interconti-Hotels gehören einem englischen Konzern, und aller früherer NS-Besitz gehört dem jeweiligen Bundesland. Nach dem Abzug der Amerikaner Mitte der 90er Jahre fiel Bayern nun jenes Areal zu, das einst Hitlers zweiter Regierungssitz war. Für Volker Dahm, Abteilungsleiter im Münchner Institut für Zeitgeschichte und wissenschaftlicher Leiter der 1999 in den Ruinen einer ehemaligen Partei-Gästehauses errichteten Dokumentationsstätte Obersalzberg, ist dieses NS-Erbe für Bayern ein „Danaer-Geschenk gewesen – und eine Chance“.

Bevor wir zu den Danaern und den Chancen kommen – die Fakten: Um das Gelände des neuen Interconti kümmert sich die Firma Gewerbegrund, eine hundertprozentige Tochter der Bayerischen Landesbank. Sie hat den viergeschossigen Flachbau, der mit zwei Rundflügeln und einem Mittelriegel den Hügel zwischen den gesprengten Häusern von Göring und Bormann in Hitlers ehemaliger Nachbarschaft krönt, für rund 50 Millionen Euro vom Münchner Architekturbüro Kochta errichten lassen. Die Gewerbegrund verpachtet nun den Bau an die Interconti-Gruppe. Und deren Management werde alles tun, dass hier weder alte noch neue Hitler-Verehrer auf ihre Kosten kommen. Das sagt der 38-jährige künftige Hoteldirektor Jörg T. Böckeler, der sein provisorisches Büro noch in einem früheren, unzerstörten Studio Albert Speers am Fuß des Obersalzbergs hat. Deshalb soll es im Laufe des Februars für einige der etwa 140 Hotel-Mitarbeiter noch Schulungskurse in Zusammenarbeit mit Volker Dahm und dem Münchner Institut für Zeitgeschichte geben.

Nicht jedes Zimmermädchen muss dann „Hitlers Geist“ vertreiben können. Aber der neugierige Gast soll im Zweifelsfall an die nahe gelegene Dokumentationsstätte verwiesen und durch einen Abriss der Obersalzberg-Geschichte im „Directory“ des Hotels, der in jedem Zimmer ausliegt, informiert werden. Man ist sich darüber klar, dass die eigene Wellness-Welt auf kontaminiertem Boden ruht.

Denn fast jeden vierten Tag seiner zwölfjährigen Herrschaft verbrachte der Diktator an jenem Ort, wo er in einer schlichten Berghütte in den 20er Jahren den zweiten Teil von „Mein Kampf“ verfasst hatte. Als aufstrebender Naziführer mietete Hitler dann das Haus „Wachenfeld“, das er als Reichskanzler von seinen, wie erst jüngst entdeckt: unversteuerten „Mein Kampf“-Tantiemen kauft und bis 1936 zum pompösen Berghof umbaut: mit der berühmten Steiltreppe für die dann schon etwas knieweichen Staatsgäste, mit dem neun mal vier Meter großen, versenkbaren Panoramafenster und der Aussicht hinunter nach Berchtesgaden, hinüber ins Königsseegebiet oder auf den Untersberg, in dessen Innerem – sagenhafte Konkurrenz zum Kyffhäuser – der Kaiser Barbarossa auf die Errettung Deutschlands wartet.

Vor dieser Majestät der Alpen und Ahnen fantasierte sich Hitler sein Weltreich aus Terror und Größenwahn. Davon sind am Obersalzberg nur Randspuren und die Bunkerschächte, Zeugnisse eines gewaltigen, fast irrsinnigen Berg-Werks, geblieben. Hitler selbst, der seinen Lieblingsort im Juli 1944, kurz vor dem Attentat in seinem ostpreußischen Hauptquartier Wolfsschanze, verließ, hatte hier zwar Bombenalarm, aber keine Bomben erlebt. Hitlers 2002 verstorbene Sekretärin Traudl Junge hat in ihren Aufzeichnungen, die auch Grundlage des „Untergang“-Films wurden, berichtet, dass beim Nahen von alliierten Fliegern der Obersalzberg mit Chemikalien binnen Minuten in Nebel gehüllt wurde. Ein fast märchenhaftes Detail der Kriegsgeschichte. Aber tatsächlich wurde die vermeintliche Alpenfestung, deren Zentrum heute noch auf amerikanisch-deutschen Straßenschildern als „Eagle’s Nest“ firmiert, erst am 25. April 1945 von der US-Airforce in Schutt gelegt.

Die zum neuen Wallfahrtsort gewordene Ruine von Hitlers Berghof hat man dann 1952 und ein paar letzte Fundamente noch in den 90er Jahren gesprengt. Dass es Stufen der großen Aufgangstreppe noch gebe, ist ein Gerücht. Wenn nicht der Schnee, dann überwachsen Bäume die Stätte, an der sich in einer kleinen Waldlichtung und an dem Rest einer Stützmauer mitunter noch Neonazis mit Grablichtern oder Hakenkreuzen zu verewigen suchen. Selbst der nahe gelegene Platterhof, eine frühere NS-Herberge und später das „General Walker Hotel“, in dem sich noch US-Kämpfer des Golfkrieges von 1991 erholten, ist im Jahr 2000 gesprengt worden. Nicht weit von allem, auf halben Weg zum neuen Interconti steht nur noch im alpenländischen Bauernstil das Gasthaus „Zum Türken“.

Der „Türke“ hat überlebt und wurde, ein Ausnahmefall, den Eigentümern zurückgegeben, weil der Betreiber, ein Parteigenosse, wegen aufmüpfiger Sprüche kurze Zeit in „Schutzhaft“ war und später als NS-Verfolgter galt. Im „Türken“ will man uns jetzt nicht einlassen. Von Journalisten, krächzt eine Frauenstimme in der Sprechanlage, habe man die Nase voll. Und das Hotel sei bis April geschlossen. Warum dies kein Schild erklärt? „Dann wird hier eingebrochen, dann stehlen sie uns alles!“, ist die Antwort.

Kann man hier die Geschichte stehlen? Das Gasthaus hat bis heute wegen seiner Klientel einen zweifelhaften Ruf. Und es öffnet im Seiteneingang seinen privaten Einstieg in den Untergrund. Gegen 2,60 Euro lässt einen eine eiserne Drehtür ein in düster schimmelige Bunkerstollen, wo es noch verrußte Zellen des hier vor 1945 einquartierten Reichssicherheitsdienstes gibt und einen vermauerten Durchgang, der früher in die Bunkerräume von Hitler und seiner Geliebten Eva Braun führte. An den Wänden finden sich da und dort auch ein paar Nazi-Schmierereien.

Das ist der Kontrast und die ärmliche Konkurrenz zur benachbarten Dokumentationsstelle Obersalzberg. Sie wurde nach vielen Debatten und Widerständen 1999 vom Institut für Zeitgeschichte (IFZ) eingerichtet, und verbindet mit Modellen, Schautafeln, Videos und Hörboxen auf zwei Geschossen eine exzellente Übersicht über die Historie des Ortes mit der gesamten Topographie des Terrors im Hitlerreich. Skrupulös werden hier auch mal Fotos von Kriegsverbrechen und Holocaust ausgetauscht, wenn Zweifel an der Zuschreibung aufkommen. Doch im Ganzen ist die Schau, die auch Teile des Bunkersystems einbezieht, von einer Qualität, wie sie bisher kein anderer Geschichts-Ort in Deutschland bietet. In den ersten fünf Jahren sind über 630000 Besucher gekommen: Tendenz steigend.

Natürlich erwartet man auch von den Diskussionen um das neue Hotel weitere Aufmerksamkeit. Volker Dahm vom IFZ nennt das „die Chance“. Man müsse – so die „Zweisäulentheorie“ der bayerischen Staatsregierung – einerseits über die Historie „an diesem Ort der Täter“ aufklären. Wobei zur Korrektheit auch gehöre, dass man der Legende, beim Bunkerbau ab 1943 seien KZ-Häftlinge eingesetzt worden, entgegentrete. Dahm: „Es waren bis zu 6000 kriegsdienstverpflichtete Arbeitskräfte. Das alles ist heikel genug. Aber man wollte in Hitlers Nähe kein Blut sehen, deswegen kam niemand aus den KZs auf den Obersalzberg.“

Die zweite „Säule“: „Man kann nicht“, sagt Dahm, „auf ewig eine Landschaft versperren.“ Wenn man den Obersalzberg nicht wieder für alle Reisenden öffnet, dann hätte Hitler hier noch ein zweites Mal gesiegt. Für Johanna Stangassinger hat er das ohnehin. Aber für die anderen? Mit der „heiklen“ Erbschaft muss jetzt auch das Interconti umgehen. Gleich rechts von der Hotelauffahrt liegt das erhaltene Haus von Görings Adjutant. Und von der Hotelterrasse ahnt man auch in Schnee und leichtem Nebel das Wäldchen, wo halb um die Ecke der Diktator, den die Amis „Eagle“ (Adler) nannten, sein Raubnest hatte.

Albern wirkt es, die metallenen Schwallduschen in den Hotelbädern, die vor 100 Jahren im Londoner „Savoy“ erfunden wurden, wie in ersten TV-Berichten mit Auschwitz-Assoziationen zu belegen. Auch die gasbetriebenen Kamine oder die vielen Brauntöne in Holz, Stein und Putz sind nicht das Problem. Das Hotel, das im ersten Jahr auf 40 Prozent Auslastung hofft und viel riskiert, wird eher an seinem Selbstverständnis arbeiten müssen. Noch preist man den Bau mit adlerähnlichen Metaphern an und situiert sich „dynamisch, schwungvoll, leicht“ am „östlichen Rand von Berchtesgaden“. Das gleicht einer Topographie des Errors – zumal man den Obersalzberg in der Adresse mit keinem Wort erwähnt.

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