Zeitung Heute : Alte Wünsche aufspüren

Britta Wauer

Wie eine Ost-Berlinerin die Stadt erleben kann

Angenommen, Sie haben alle Geschenke zusammen, der Baum steht schmuckbereit auf dem Balkon, es liegen ein paar Zentimeter Neuschnee vor ihrem Fenster, und auch sonst sehen Sie dem Jahresende sorglos entgegen. In dieser beneidenswerten Situation haben Sie das befriedende Gefühl weihnachtlichen Segens im Bauch – und brauchen diesen Text nicht weiterzulesen.

Alle anderen haben mindestens noch einen schwierigen Kandidaten auf ihrer Liste der Geschenkerwartenden. Zugegeben, dieser Tipp geht in Richtung Basteln, aber er hat auch was mit Magie zu tun. Die Idee stammt von einem melancholischen Freund, der davon ausgeht, dass jeder von uns Wünsche im Herzen trägt, unerfüllte Wünsche aus lang vergangenen Zeiten. Sie bleiben etwas Besonderes, sie behalten den Zauber der Sehnsucht.

Natürlich wird es immer unerfüllbare Wünsche geben, aber da sind auch welche, die klingen banal, weil sie aus frühester Kindheit stammen. Keiner wagt, seinem ergrauten Vater ein Holzspielzeug zu schenken, das der als Junge der Nachkriegszeit nicht bekommen konnte. Aber wenn ich meinen Herrn Papa sehe, der bei Spaziergängen vor kleinen beweglichen Figuren stehen bleibt, die in einer Panoramalandschaft mit Wasserradschaufeln und Holzhackern stehen, dann denke ich, dass er sich den Mini-Wasserfall mit Förstern auch in seinem Garten vorstellen kann.

Leider hat er einen guten Geschmack und würde das nie und nimmer zugeben. Aber bitte: warum denn nicht? Was spricht dagegen, die Sehnsucht in Besitzerstolz zu verwandeln – abgesehen von Mühe, Aufwand und verbleibender Zeit. Vielleicht sollte ich mit einem Wasserfall aus dem Chinamarkt beginnen und einem schönen Landschaftsfoto für den Hintergrund.

Sicher, nicht alle Erwachsenen haben ein Spielzeug auf ihrer Herzenswunschliste. Aber um eine Ahnung von den Wünschen unserer Mitmenschen zu bekommen, ist die Kindheit der perfekte Ausgangspunkt. Sie ist der Anfang aller Träume.

Fragen Sie nach alten Sehnsüchten, möglichst unauffällig. Und nehmen Sie auf neue Geschmacksdiktate keine Rücksicht.

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