Altenpflege : Achtet das Menschenrecht

Von Wolfgang Prosinger

Was geschähe in Deutschland, wenn bekannt würde, dass jedes dritte Kind in Schule oder Kindergarten Hunger und Durst leiden müsste? Wutanfälle gingen durchs Land, auf allen Fernsehkanälen riefe jemand Alarm.

So etwas Ähnliches ist gerade passiert: 34,4 Prozent der Bewohner deutscher Pflegeheime bekommen nicht genügend zu essen und zu trinken. Das hat – neben anderen, nicht minder hässlichen Fakten – der Medizinische Dienst der Krankenkassen festgestellt. Und was geschieht nun? Die Lage habe sich doch verbessert, heißt es jetzt, signifikant verbessert sogar. Denn im letzten Bericht von 2004 seien es noch 41 Prozent gewesen.

Da muss man kurz die Luft anhalten. Was für ein Zynismus. Ist denn die Zahl von 34,4 Prozent weniger – zum Heulen?

Sie belegt ja unabweisbar: Schlechte Pflege ist kein Einzelfall. Die Schönredner und Beschwichtiger, die immer noch von ein paar schwarzen Schafen reden, sind erneut widerlegt worden. Niemand kann sich mehr vor der Wahrheit drücken: In vielen deutschen Pflegeheimen wird nicht nur gegen die Menschenwürde verstoßen, es werden auch Körperverletzungen begangen.

Dabei hatte es doch Hoffnung gegeben: Das Thema Pflege schien in den letzten Jahren endlich den Ausbruch aus der Tabuecke geschafft zu haben. Zahllose Talkshows haben darüber debattiert, von Christiansen bis Maischberger, erschreckende Bücher sind erschienen, Magazine schrieben Titelgeschichten. Und was ist geschehen? Jeder Dritte hungert!

Offenbar hat der Alarm die Politik noch immer nicht wirklich erreicht. Auch dort, in den zuständigen Ministerien, etwa im Gesundheitsministerium, sitzen sie, die Beschwichtiger und hartleibigen Relativierer, die die Wirklichkeit nur beim Regieren stört. Seit Norbert Blüms seligen Zeiten in der Mitte der 90er Jahre hat sich an das Thema Pflege niemand mehr ernsthaft rangetraut. Und die große Pflegereform, die die Koalition fest versprochen hatte, verkam zu einem Reförmchen der kleinen Absichtserklärungen. Nicht dass die momentan gehandelten Ideen (bezahlte Pflegetage, halbjährliche Berufsfreistellung) falsch wären. Aber sie beheben weder die derzeitigen, in Teilen miserablen Zustände, noch geben sie eine Antwort auf die epochalen Umwälzungen, die eine rapide alternde Gesellschaft mit sich bringt.

Warum stellt sich niemand aus der Politik hin und sagt so laut, dass es alle hören können: Altenpflege in Deutschland ist ein Skandal, die neuesten Zahlen haben es wieder belegt. Spätestens jetzt müssen wir anfangen. Zum Beispiel damit: endlich die Ankündigung der Heimkontrollen bundesweit abschaffen, die ja eine Aufforderung zu Vertuschung und Betrug sind. Endlich Transparenz schaffen: Jeder muss wissen dürfen, woran er bei jedem Pflegeheim ist. Endlich den Pflegeberuf aufwerten, ja, auch mit Geld. Endlich das absurde System der Pflegeversicherung ändern, damit nicht weiter gute Pflege finanziell bestraft und schlechte belohnt wird. Endlich auch mehr Mittel in den Aufbau neuer, menschenwürdigerer Pflegeformen stecken. Und schließlich denen das Handwerk legen, die Milliardengeschäfte mit der Ausbeutung der kranken Alten machen.

Welcher Politiker hat den Mut, auszuscheren aus der Stromlinie der Schönredner? Es geht hier um nichts Geringeres als um soziale Gerechtigkeit. Schwach sind nicht nur diejenigen, die zu wenig Geld in der Tasche haben. Schwach sind auch die, deren Körper Schwäche zeigt.

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