Zeitung Heute : Alternative Reiseveranstalter: Raus aus der Nische der Wollpullis und Müsli-Esser

Stefan Woll

Der Verein "forum anders reisen e.V." geht in die Offensive. Mit effektiverem Marketing, häufigerer Messepräsenz, einem verbesserten öffentlichen Auftritt und forcierter Mitgliederwerbung will der ökotouristische Interessenverband mit seinen unterdessen 83 Mitgliedsveranstaltern neue und erweiterte Kundenkreise erschließen.

Rund 200 Millionen Mark Jahresumsatz, 160 Mitglieder, etwa 80 000 Reisende - mithin das Doppelte der gegenwärtigen Werte sind für Roland Streicher "keineswegs unrealistische Zielmarken für die nächsten Jahre". Im Januar 1998 als Gemeinschaftsinitiative zwölf kleinerer Reiseveranstaltern aus der Taufe gehoben, hat sich das "forum anders reisen" seit Anbeginn der Entwicklung und Förderung umweltschonender, sozialverträglicher Formen des Tourismus verschrieben. Kleinteiligkeit statt Massenbetrieb, landestypische Beherbergung und Verpflegung statt Bettenburg und Bratkartoffeln, Wandern statt Jeep-Safari, Meditation statt Animation, Fasten statt Fressen. Nicht zu vergessen: Flugreisen, wenn überhaupt, nur jenseits von 2000 Kilometern und einem Mindestaufenthalt von 14 Tagen.

Dieser Gegenentwurf zur alles einschließenden Pauschalreise prägt noch heute die Angebote der dem Forum angehörenden Veranstalter, die von 40 Mark für Übernachtung und Frühstück auf dem familienfreundlichen Bauernhof bis zur mehrere tausend Mark teuren, mehrwöchigen Reise zu einem Regenwald-Projekt reichen.

Ausflüge in die Umgegend, aber auch die Einkehr in das innere Selbst, Müßiggang genauso wie sportiver Aktivurlaub, kreative Betätigung wie auch persönliche Begegnung mit Einheimischen, die Tiefe des Meeres ertauchen wie gleichermaßen die Weite der Wüste erlaufen: Die mehr als 150 Reisearten der Forum-Firmen bieten alles, was müde Herzen, frischluftfanatische Köpfe und erholungshungrige Seele begehren. Allein: Vieles ist eben, wenn schon nicht ganz, so doch ein wenig anders, nichts von der Stange, nichts immergleich und schon da gewesen. Das gilt auch für die bisher vier in Spanien, Polen, Großbritannien und Finnland beheimateten Kleinunternehmen, die gleichfalls Mitglied im Forum sind.

Penibel wacht im Forum ein dreiköpfiger verbandsinterner Kontrollausschuss darüber, dass auch Öko drin ist, wo Öko drauf steht. Mag es Bewerbern eingangs noch als Kinderspiel anmuten, sich per Selbstauskunft zu den hehren Zielen des Verbandes zu bekennen und damit aufgenommen zu werden, so leicht könnte, nach einer negativen Stichprobe, die Rüge und dann der Vereinsausschluss folgen. Dass ein paar wenige Reiseveranstalter dem Verein unterdessen den Rücken gekehrt haben, hatte aber andere Gründe. Von Etikettenschwindel jedenfalls ist, so versichert Streicher, der Verband bislang verschont geblieben.

Dass diese "überaus aufwändige Prüfarbeit" künftig einem externen Gremium übertragen werden soll, wertet Streicher als "weiteren Baustein zu verstärkter Professionalisierung der Vereinsarbeit", für deren inhaltliche Ausrichtung das Forum bereits seit 1998 von einem Beirat unterstützt wird. Ihm gehören unter anderem Vertreterinnen und Vertreter des Bundesamtes für Naturschutz, des Studienkreises Tourismus und Entwicklung sowie der Fachhochschule Wilhelmshaven an. Dienen soll die stärkere Einbindung von Expertenwissen aber auch der Glaubwürdigkeit eines Vereines, der aus der Nische der Wollpullis und Müsliesser heraustreten und der übermächtigen Konkurrenz der Global Player das eine oder andere Schnippchen schlagen will.

In der Nürnberger Vereinszentrale ist man überzeugt, dass sich der ursprüngliche Ansatz, kleine Reiseveranstalter zu einem Netzwerk zusammenzuführen und ihnen eine Plattform für gemeinsame Interessen und Aktivitäten zu bieten, ausgezahlt hat. Die Furcht, eigene Interessen könnten diffusen Kollektivinteressen eines Dachverbandes geopfert werden, ist, so Streicher, einem hohen Maß an Kooperationsbereitschaft und Zusammenarbeit gewichen. So ist selbstverständlich, nicht nur im eigenen Katalog, sondern auch bei intensiver Beratung auf Angebote konkurrierender Forum-Veranstalter hinzuweisen.

Ein Markenprodukt mit Konturen und deutlich geschärftem Profil: Dahin will Streicher das "andere Reisen" entwickeln. Dem Internet, schon jetzt beim Erstkontakt das Medium Nummer 1, komme dabei eine herausragende Bedeutung zu. Auch die Idee eines gemeinsamen Kataloges der Forum-Mitglieder ist offenbar genauso wenig vom Tisch wie die einer Zertifizierung für umwelt- und sozialverträgliches Reisen, ein Projekt zur Entwicklung eines bundesweit gültigen Gütesiegels, das von Umweltbundesamt und Bundesumweltministerium betreut wird. Und zum krönenden Abschluss könnte es dann ein Franchise für Reisebüros unter dem Namen "anders reisen" geben - Zukunftsmusik.

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